Kunst Haus Wien: Stillleben. Eigensinn der Dinge

September 8, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein fast verschwundenes Genre neu belebt

Lucie Stahl: End of Tales, 2017. Bild: © Lucie Stahl. Courtesy Freedman Fitzpatrick, Paris

Ab 13. September zeigt das Kunst Haus Wien die Schau „Stillleben. Eigensinn der Dinge“. Die groß angelegte Themenausstellung stellt ein Genre in den Mittelpunkt, das derzeit in der zeitgenössischen Kunst neu aufgegriffen und diskutiert wird. Bei dieser Wiederannäherung geht es weniger um eine nostalgische Referenz an verschwunden Geglaubtes. Ganz im Gegenteil hinterfragen Künstlerinnen und Künstler aktuell in der Fotografie das Stillleben radikal als Ausdrucksmöglichkeit. Es geht darum, herrschende Bildkonventionen zu stören und aus vordergründig antiquierten Stilen und Praktiken eine klar umrissene künstlerische Alternative zu entwickeln – sowohl was den Raum der Dinge als auch den Raum der Bilder und den Raum der Fotografie betrifft.

Die Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung knüpfen mit ihren gezeigten Arbeiten oft an spezifische Bildtraditionen an, die einerseits in der Geschichte der Malerei, andererseits in der modernen Fotografie zu finden sind.

Harun Farocki beispielsweise beschäftigt sich in „Stillleben“  aus dem Jahr 1997 mit den Funktionen des historischen Stilllebens und Parallelen zur gegenwärtigen Werbe- und Produktfotografie, Tacita Dean bezieht sich in „Still Life“ von 2009 auf die Kompositionsprinzipien eines sachlich-bildnerischen Stils und dessen Fundierung in der Malerei. Wie schon im historischen Stillleben fußen auch die neuen Bilder auf einem Materialfundus, der Zeitgenossenschaft anzeigt. Anders als in der niederländischen Tradition aber sind es heute nicht mehr Handelsbeziehungen, die sich über kostbare und exotische Güter vermitteln, sondern die globalen Märkte mit Verweis auf den Massenkonsum demokratisierter oder elitärer Konsumwelten, wie bei Annette Kelm und Moyra Davey.  In einigen Bildern sind Dinge als „Spur“ zu sehen, die Rückschlüsse auf das reale Leben ihrer Besitzer oder der Fotografen zulassen.

Sharon Lockhart: No-No Ikebana. Arranged by Haruko Takeichi, 2003. Bild: © Sharon Lockhart. Courtesy neugerriemsschneider, Berlin

In anderen Konzepten geraten die Dinge durch streng formalisierte Sichten zu eigenen ästhetischen Zeichen, die auf nichts als auf sich selbst zu verweisen scheinen.  Gleichzeitig stellt sich – in einem Moment, in dem Bildkulturen im Umbruch sind und fotografische Bilder die Sprache zu ersetzen beginnen – die Frage, ob die „neuen Stillleben“ als Gegenraum zu den schnelllebigen Bildwelten der digitalen Gegenwart verstanden werden. Mit dem Stillleben verlangsamt sich das Sehen: Bildräume gelangen zu einer Präsenz, die sich der Flüchtigkeit der ständig wechselnden Bilder entgegenstellt.

Die in der Ausstellung vertretenen Arbeiten verweisen auf die oft zufällige und sich wandelnde Erscheinung der Dinge und auf die Offenheit ihrer Interpretierbarkeit. Damit widersetzen sich die Arbeiten dem Konzept einer völligen Beherrschung des Bildes – oder gar einer Beherrschung von Information.

www.kunsthauswien.com

8. 9. 2018