Ljuba Arnautović: Im Verborgenen

September 8, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Als man aus Österreich „abgeschafft“ wurde

Als auf einer Seite weiter hinten im Buch endlich der Familienname der Protagonistin fällt, Arnautović, ist klar, dass die Autorin hier die Geschichte ihrer Großmutter erzählt. Freilich in aller künstlerischer Freiheit, und dennoch. Ljuba Arnautovićs Debütroman „Im Verborgenen“, seit Mittwoch als ebensolcher für den Österreichischen Buchpreis 2018 nominiert, beschreibt so eindrücklich wie völlig unsentimental ein Stück Zeitgeschichte. Dabei verwendet die Autorin Textstellen aus Originaldokumenten, Briefen in der Hauptsache. Auch vom „kleinen Karl“, Arnautovićs Vater, und auch dessen Schicksal erfüllt einen mit Beklemmung darüber, was Totalitarismus den Menschen antut.

„Im Verborgenen“ dreht sich also um die 1901 in Wien geborene Genovefa, von den meisten „Tante Eva“ genannt, die als resolute Sekretärin im evangelischen Oberkirchenrat arbeitet, und im hintersten Ende der Kanzlei eine Dienstwohnung bewohnt. In die Spannung noch erhöhenden Zeitsprüngen verfolgt man ihren von vielen Gefahren bedrohten Lebensweg, begleitet Genovefa durchs Rote Wien und durch den Austrofaschismus.

Schließlich hinein ins Dritte Reich, bis ins Jahr 1960, in dem sich „Tante Eva“ endlich ihren Jugendtraum erfüllt und als Oma Jus studiert. Genovefa ist gemeinsam mit ihrem Mann Karl als Kommunistin politisch aktiv, ist Mitglied im Republikanischen Schutzbund – und bald Staatsfeindin. Karl wird auf der Flucht eine Odyssee bevorstehen: Tschechoslowakei – Großbritannien – als „feindlicher Ausländer“ Verbringung nach Australien. Von ihm wird Genovefa nie wieder hören. Ihre beiden Söhne, die „Schutzbundkinder“, Slavko und den kleinen Karl, schicken die beiden im Alter von 13 und 10 Jahren nach Moskau. Wo sie mit Ausbruch der Kriegshandlungen Nazi-Deutschlands gegen Russland als Volksverräter inhaftiert werden. Slavko verhungert im Gefängnis, Ljuba Arnautović hat ihm 2006 bereits das Ö1-Feature „Onkel Slavko. Ein Protokoll“ gewidmet.

Atemlos leidet man mit Genovefa, wenn sie von den Schergen des Ständestaates festgenommen und gefoltert, schließlich vom Amts wegen „aus Österreich abgeschafft“ wird, heißt: ins Exil gehen muss, wenn die Ungewissheit über den Verbleib ihrer Söhne an ihr frisst, wenn die Einsamkeit ihr zu schaffen macht – und sie trotz allem darum ringt, eine starke Frau zu sein. Die evangelische Kirche holt „Tante Eva“ schließlich auf Betreiben jenes Pfarrers, der ihr im Zuchthaus Trost spendete, nach Wien zurück. Wo Genovefa 1944 beginnt „U-Boote“ in ihrem Zimmer-Küche-Kabinett-Heim zu verstecken.

Einer davon ist der „Halbjude“ Walter, untergetaucht nach einer Vorladung zum Morzinplatz. Seine Familiengeschichte lässt Arnautović parallel zu der Genovefas verlaufen. Die wird um ihres Schützlings willen zur Meisterin der Verstellung, gewagt etwa eine Episode, in der sie als naives Dummchen statt seiner zur Gestapo geht, und quasi wegen unerträglicher Blödheit hinausgeworfen wird. Verständlich, dass die beiden verlorenen Seelen einander näher kommen, doch ein Happy End hatte es in diesen Tagen schwer …

„Im Verborgenen“ ist ein Roman über Mut, Empathie und Idealismus, er ist eine Hommage an alle, die an politischen Widerstand glauben, und diesen aktiv betreiben. Ein wichtiges Buch im Gedenkjahr 2018. Beeindruckend, bemerkenswert.

Über die Autorin: Ljuba Arnautović, geboren 1954 in Kursk in der damaligen UdSSR, lebt nach wechselnden Aufenthalten in Wien, München und Moskau seit 1987 in Wien. Studium der Sozialpädagogik, Mitarbeit an Projekten des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands, Russisch-Übersetzerin, Rundfunkjournalistin. Zahlreiche Radiofeatures, Reportagen, Essays; Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien. „Im Verborgenen“ ist ihr erster Roman.

Picus Verlag, Ljuba Arnautović: „Im Verborgenen“, Roman, 192 Seiten.

www.picus.at

  1. 9. 2018