Marina Perezagua: Hiroshima

August 15, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Wir sind die Bombe in uns

Als Bericht einer Ich-Erzählerin an einen Unbekannten hat die spanische Autorin Marina Perezagua ihren Debütroman „Hiroshima“ angelegt. Die Frau, die darauf Wert legt, mit ihrer Aussage weder Geständnis abzulegen noch nach Rechtfertigungen zu suchen, nennt sich H. – wie Hiroshima, doch auch weil dies im Spanischen ein stummer Buchstabe ist. Bald wird klar, dass ein Verbrechen geschehen sein muss, doch bis zum Ende hält Perezagua ihren Roman geheimnisvoll und klärt den Leser nur häppchenweise über die schrecklichen Geschehnisse auf, deren Opfer die Protagonisten des Buches wurden.

H. wurde 1945 von der Atombombe „Little Boy“ entstellt. Für später notwendige Operationen geht sie in die USA, wo sie in New York den Kriegsveteranen Jim trifft. Auch er hat die Hölle auf Erden durchlebt – als Kriegsgefangener der Japaner, der in Birma an der „Eisenbahn des Todes“ mitbauen musste, der größten Tötungsmaschinerie nach Auschwitz. H. und Jim, die beiden versehrten Liebenden, verschreiben sich einer beinah unlösbaren Aufgabe: Jim wurde in Japan ein Säugling überantwortet und diese „Tochter“ beginnen die zwei nun zu suchen. Ihr Weg führt sie rund um den Globus, wo ihnen die Abgründe menschlicher Gewalt bei jeder Station deutlicher vor Augen geführt werden. Bis schließlich aus der Finsternis Afrikas ein Lebenszeichen von Yoro zu ihnen dringt. Doch Jim stirbt einen frühen Tod, und so macht sich H. allein auf nach Namibia …

Mit unglaublicher sprachlicher Wucht erzählt Perezagua ihre Geschichte. Sie versteht es, den größten Schrecken in poetische Bilder zu packen. „Wir klingen alle gleich, wir sprechen in einem abgehackten, unregelmäßigen und irgendwie gerillten Tonfall, wie das Rascheln eines Toten, der an einem Laken reißt, um wiedergeboren zu werden“, heißt es an einer Stelle über die Überlebenden der Explosion. Mit Jim, sagt H. an einer anderen, spreche sie eine Art „Hybridsprache“, die den Limbus widerspiegle, in dem ihre Seelen gefangen seien. Dabei ist sie überzeugt: „Es gibt ein Recht aufs Frohsein. Nicht die Pflicht dazu.“ Die eindrücklichen Schilderungen der gesellschaftlichen Ächtung atomar Verseuchter in Japan oder Folterszenen im Kriegsgefangenenlager nehmen einem manchmal den Atem. Die Welt, die die Autorin zeigt, ist voll Grausamkeit und Leid. In die neun Schwangerschaftsmonate hat sie ihren Roman gegliedert – von 1942 bis 2014.

Ein wenig hat sie den Text allerdings mit Themen überfrachtet. Es geht darin um Vergewaltigung, Mutterschaft, Einsamkeit, Neurosen, Transsexualität und einiges mehr. An konkreten Beispielen veranschaulicht sie den barbarischen Umgang mit afrikanischen Minenarbeitern. Sie thematisiert medizinische Experimente an Menschen, Genitalverstümmelung und andere Gräueltaten. Die Selbstverbrennung des vietnamesischen Mönchs Quang Duc kommt ebenso vor, wie der berühmteste Hermaphrodit des 19. Jahrhunderts, Abel Barbin. Perezagua prangert Rassismus in den USA und kriminelles Verhalten von UN-Soldaten im Kongo an. „Die Vereinten Nationen, diese Hure mit tausend stets für das Weiße Haus empfangsbereiten Mösen schicken Soldaten in den Kongo, die nur dafür da sind, Tote zu zählen und zuzuschauen. Sie sind die großen Gaffer der Welt, die Voyeure des Todes.“

Trotz dieses Zuviel ist „Hiroshima“ unbedingt lesenswert. Die Perspektive, die der Roman auf die Welt wirft, wird einen bis in die Träume hinein verfolgen. Denn eines macht Perezagua deutlich: Wir alle sind die Bombe in uns.

Über die Autorin: Marina Perezagua wurde 1978 in Sevilla geboren. Sie veröffentlichte Kurzgeschichten in Magazinen und Anthologien sowie Romane. Seit 2001 lebt sie in New York, wo sie an der New York University lehrt. „Hiroshima“ ist ihr erster Roman.

Klett-Cotta, Marina Perezagua: „Hiroshima “, Roman, 374 Seiten. Übersetzt aus dem Spanischen von Silke Kleemann.

www.klett-cotta.de

  1. 8. 2018