Wiener Festwochen: La Plaza

Juni 8, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das lange Warten, dass endlich etwas passiert

Bild: Els De Nil

Alle paar Minuten öffnete sich eine der fünf Saaltüren, um wieder ein Grüppchen Zuschauer ins Freie zu entlassen. Dabei konnten die gar nicht schockiert gewesen sein, über die an den Bühnenhintergrund geworfene Ankündigung, man müsse nun für 365 Tage – und in 365 Theatern weltweit simultan – das immer gleiche Kulissenbild ansehen und darüber meditieren. Dieser Streich wurde in Windeseile aufgeklärt.

Nein, nein, man wohne tatsächlich nur noch den letzten Zuckungen dieses Werk bei … das Künstlerduo El Conde de Torrefiel zu Gast bei den Wiener Festwochen im Theater Akzent. Los geht’s mit einer in Dämmerlicht getauchten Bühne und perkussiver Minimal Music, ein Blumen- und Lichtermeer liegt da ausgebreitet, und sofort setzen Assoziationen ein: „La Plaza“ – der Platz, da muss etwas geschehen sein, ein Unglück, eine Katastrophe, ein Attentat. Man denkt an Paris, Brüssel, Boston, Graz, an den Lieferwagen, der vergangenes Jahr in Barcelona, wo die Theatermacher Tanya Beyeler und Pablo Gisbert ansässig sind, durch den Boulevard La Rambla pflügte.

Eine halbe Stunde von exakt 90 Minuten geht das so. Ein langes Warten, dass endlich etwas passiert. Stille, Nichts und die Abwesenheit der Schauspieler, erfährt man durch die Textprojektionen des ohne gesprochene Sprache auskommenden Abends, sei das Theater der Zukunft. Die Beyeler-Gisbert als Dystopie an die Wand malen. Konzerne würden sich eigene Staaten schaffen, Bayer-Germany, US-Google, Raiffeisen-Österreich, die Sonne zwar die einzige, aber dennoch nicht ököparadiesische Energiequelle sein, der Mensch von wirtschaftlichen Interessen gegängelt und fremdgelenkt werden … derart bedeutungsraunende Sprüche machen den Kern dieser Hauptsache-irgendwas-mit-post-Aufführung aus.

Bild: Luisa Gutierrez

Und apropos, Aufführung: Endlich tut sich was. Performerinnen und Performer, 15 an der Zahl, stolpern heraus. Erst muslimische Frauen mit ihren Einkäufen und ein Soldat mit Maschinengewehr im Anschlag, ein Bettler, ein Blinder, ein betrunkenes Frauentrio, eine von ihrer Reiseleiterin geführte Touristengruppe. Alles, was sich an einem solch urbanen Begegnungsort eben tummeln kann.

Sollte man interpretieren, dass es sich hier um den Platz einer westeuropäischen, vom islamistischen Terror bedrohten Stadt handelt? Einmal lassen die Wandtitel einen – natürlich auf der Bühne abwesenden – Barbesucher sagen, der nächste Genozid werde an den Muslimen verübt werden. Gesichter haben die Figuren in diesen Tableaux vivants keine. Sie stehen wohl für eine anonyme Masse, nicht für Individualität. Warum aber filmt ein Kamerateam eine offenbar aus der Prosektur in die Öffentlichkeit gerollte Leiche? Ein Anschlagsopfer? Die Sprüche haben mittlerweile zu einer Du-Erzählung gewechselt. Man folgt diesem Du aus dem Theater bis nach Hause, wo es zu einem Porno masturbiert, nur um festzustellen, dass die Hauptdarstellerin schon vor Jahrzehnten verstorben ist. Hoffnung keimt, als sich das Du zum Schlafengehen anschickt. Jetzt kann es nicht mehr lange dauern, bis man in die linde Abendluft entlassen wird.

„La Plaza“ schafft den Spagat, sowohl ermüdend als auch enervierend zu sein. Das „Nichts“ von dem El Conde de Torrefiel so angetan ist, wurde mit Bravour auf die Bühne gestellt. Ebendieses Nichts bleibt auch im Gedächtnis derer hängen, die sich nach der Vorstellung eigentlich noch über den Abend austauschen wollten. Im Programmzettel steht der Satz „Zu sehen, dass es nichts zu sehen gibt, ist noch schlimmer, als nichts zu sehen.“ Am Ende fällt der Vorhang, niemand verbeugt sich zum spärlichen Applaus.

www.festwochen.at

  1. 6. 2018