In den Gängen

Mai 31, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Supermarkt der Gefühle

Auf dem Gabelstapler blüht das zarte Pflänzchen Liebe: Sandra Hüller und Franz Rogowski. Bild: Polyfilm Verleih

Als Kind der Peripherie sind einem derlei Unorte allzu gut bekannt: Leere, von Peitschenleuchten erhellte Parkplätze irgendwo im Nirgendwo, noch ist es zeitig in der Früh – oder ist es schon spät am Abend? -, doch der Großmarkt, zu dem die Vorfläche gehört, hat auf, dessen emsige, schläfrige, verdrossene, freundliche Mitarbeiter räumen Kartons aus, schlichten Waren in Regale … und dann ein Moment der Poesie:

Der Chef hat zur Musikbeschallung den Donauwalzer bestimmt. Und gleich drehen sich die Gabelstapler im Dreivierteltakt. So beginnt einer der erfrischendsten Filme des jungen deutschsprachigen Kinos: „In den Gängen“ von Regisseur Thomas Stuber, nach Clemens Meyers gleichnamiger Kurzgeschichte, der ab heute in den heimischen Kinos läuft. Diese Geschichte eines einsamen jungen Mannes im Labyrinth der Konsumweltgänge hätte ihn nach dem ersten Lesen nicht mehr losgelassen, sagt Stuber im Interview. Wie’s wohl auch den Kinobesuchern gehen wird. Der großartige Franz Rogowski spielt den schüchtern-sensibel-schweigsamen „Frischling“ Christian, den es in die surrealen Bilder saugt. In der Getränkeabteilung beginnt er seinen neuen Job, wo ihm Peter Kurth als Bruno zum väterlichen Vorgesetzten wird.

Bald lernt er die Regeln des Mikrokosmos, erfährt, warum „Feinkost“ mit „Süßware“ auf Kriegsfuß steht, und warum „Getränke“ seinen Gabelstapler nicht an den Paletten-Klaus ausborgen will. Ein Werktätigenmärchen ist es, das Stuber entrollt. Was harte Plattenbaurealität sein könnte, wird hier ganz zart, leise und lyrisch erzählt. Langsam gelangt man auf den Grund der dargestellten Menschenschicksale. Auch auf den der Süßwaren-Marion, Sandra Hüller, die mit Christian so lange ihre neckischen Scherze treibt, bis der sich Hals über Kopf verliebt. Und die Kollegenschaft mitfiebernd viel Glück wünscht, denn die Marion ist bös‘ verheiratet. Im Lager für die Tiefkühlware kommt’s schließlich zu ersten Eskimoküssen …

Lebensweisheiten im Getränkegang: Franz Rogowski und Peter Kurth. Bild: Polyfilm Verleih

Eskimokuss im Tiefkühllager: Franz Rogowski und Sandra Hüller. Bild: Polyfilm Verleih

Die Hüller spielt das als ruppige Verführerin, ihre Marion ist eine, die sich vom Leben nimmt, was sie braucht, ist eine, die sich nicht unterkriegen lässt, Rogowski trägt dazu allen nur erdenklichen Weltschmerz im Gesicht, bald ahnt man, sein Christian bewahrt ein Geheimnis, bald hofft man, die Süßwarenfee kann den verwunschenen Prinzen mit ihrem Zauber retten. Dass bei all dem niemals so etwas wie Sozialromantik aufkommt, ist Stubers großes Verdienst – und das von Peter Kurth, der den Bruno mit uneitlem Understatement gibt. Er, der Starke, wird sich schließlich als der schwächste herausstellen. An ihm zeigt Stuber, wie groß Einsamkeit trotz Menge sein kann. Ein Bild dazu: der Frischfisch im Aquarium, dicht an dicht, kaum hat man Platz zum Atmen.

Als Hauptdarsteller noch erwähnenswert ist der Gabelstapler, dessen Eigenleben ihn zum bedrohlich-unberechenbaren Monster macht. Aber, wenn er so herumkurvt, klingen seine Arbeitsgeräusche wie Meeresrauschen …

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  1. 5. 2018