Laetitia Colombani: Der Zopf

Mai 11, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Drei Geschichten über mutige Frauen

Drei Haarstränge braucht man, um einen Zopf zu flechten, und drei Erzählstränge hat das Erstlingswerk der französischen Schriftstellerin Laetitia Colombani, in dem sich Frauenschicksale aus aller Welt über die Haare verbinden.

Da ist zunächst Smita im indischen Uttar Pradesh, eine „Unberührbare“, die Trockentoiletten reinigen muss, und nicht einsieht, dass „wer als Kloputzer auf die Welt kommt, auch als Kloputzer stirbt“. Für ihre Tochter ersehnt sie ein besseres Leben, dies soll es in der Stadt geben, wo die Kleine Lesen und Schreiben lernen kann – und für die Reise dorthin nimmt Smita alle Gefahren auf sich.

In Palermo lebt Giulia, deren Familie seit einem Jahrhundert von der Cascatura lebt, der alten Tradition einheimische Haare zu sammeln und zu Perücken zu verarbeiten. Als Giulias Vater nach einem Unfall im Koma liegt, entpuppt sich, dass das Unternehmen vor der Pleite steht: Es wird einfach nicht mehr genug sizilianisches Haar gesammelt. Also entschließt sich die junge Frau, Haare aus Indien zu importieren.

Schließlich berichtet Colombani von Sarah aus Montreal, einer durchorganisierten Anwältin, die an Krebs erkrankt. „Sie entspricht dem Bild der perfekten Frau aus den Hochglanzmagazinen. Ihre Verletzung kann man nicht sehen, sie ist für andere nicht erkennbar hinter ihrem makellosen Äußeren“, heißt es über sie. Im Interview sagt die Autorin, eine an Krebs erkrankte Freundin, die sie gebeten hätte, mit ihr eine Perücke auszusuchen, sei die Inspiration für das Buch gewesen. Und tatsächlich gelingt ihr das Porträt der Karrierefrau auch am besten. Sarah wird durch ihre Erkrankung eine „Unberührbare“, wenn auch in anderem Sinn wie Smita; Kollegen wissen nicht mehr, wie mit ihr umgehen, der Chef entzieht ihr die wichtigsten Klienten, weil sie für ihn unberechenbar geworden ist. Schließlich kann sie jetzt jederzeit „ausfallen“.

Derart schildert Colombani die unterschiedlichen Arten der Repression gegen Frauen. Ihr Buch wartet mit einer unübersehbaren Portion Gesellschaftskritik auf. „Befreit euch von ungerechten Machtstrukturen“, sei die Botschaft, die sie ihren Leserinnen mit auf den Weg geben will, sagt sie. So ist „Der Zopf“ eine Hymne auf den Mut von Frauen. Mit federleichten Strichen und viel Empathie zeichnet Colombani ihre Figuren und deren Schicksale, so dass sich inmitten aller Widrigkeiten immer wieder Glücksmomente einstellen. Die helle, klare Sprache bringt einem die unterschiedlichen Charaktere ganz nah – ihre Sorgen und Ängste, ihre Beweggründe zu handeln.

Am Ende verbinden sich die drei Stränge: Smita wird im Tempel Gott Vishnu ihre Haare opfern. „Um sie herum sitzen Tausende in derselben Position wie sie und beten für ein besseres Leben, opfern die einzige Kostbarkeit, die ihnen je zuteil wurde, ihre Haare, ihren Kopfschmuck, dieses Geschenk des Himmels, das sie nun zurückgeben …“ Und Sarah, womit sich der Kreislauf schließt, kauft sich eine Perücke: „Diese Perücke gibt ihr wieder, was sie verloren glaubte. Ihre Kraft, ihre Würde, ihren Willen.“

Über die Autorin: Laetitia Colombani wurde 1975 in Bordeaux geboren, sie ist Filmschauspielerin und Regisseurin und lebt derzeit in Paris. „Der Zopf“ ist ihr erster Roman und sorgte gleich für internationales Aufsehen. Das Buch steht seit Erscheinen in 27 Ländern weit oben auf den Bestsellerlisten. Die Filmrechte sind bereits vergeben.

Fischer Verlage, Laetitia Colombani: „Der Zopf“, Roman, 288 Seiten. Übersetzt aus dem Französischen von Claudia Marquardt.

www.fischerverlage.de

  1. 5. 2018