Ulrich Alexander Boschwitz: Der Reisende

Mai 9, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Höllenfahrt durchs Dritte Reich

„Ich bin jetzt Reisender, ein immer weiter Reisender. Ich bin überhaupt schon ausgewandert. Ich bin in die Deutsche Reichsbahn emigriert“, denkt Otto Silbermann. Da hat sich der jüdische Kaufmann schon Tag für Tag, Zug um Zug durchs Dritte Reich bewegt. Berlin, Hamburg, Aachen, Dresden … stets auf Schiene, ständig in Bewegung, auf der Flucht vor den Nazis. In ihrer „Reichskristallnacht“ haben sie sein Heim verwüstet, sein „arischer“ Geschäftspartner hat ihn kurz darauf um die Firma betrogen, seine ebenfalls „rassenreine“ Ehefrau sich auf Nimmerwiedersehen zu ihren Verwandten gerettet. Nun hat Silbermann, der Verhaftung und Verschleppung gerade noch entkommen, einen Koffer mit dem letzten Geld bei sich und fährt und fährt und fährt … und letztlich doch nur in den Untergang.

Wissend, was wir wissen, braucht man Nerven, um Ulrich Alexander Boschwitz Buch übers Verbrachtwerden in Bahnwaggons zu lesen. Der 23-Jährige konnte 1938 nicht wissen, aber er ahnte nach den Novemberpogromen, las sie Zeichen der Zeit und sah in ihnen die Shoah voraus. „Heutzutage mordet man wirtschaftlich“, denkt Silbermann einmal, und malt sich Bilder aus vom Entkleidet- vor dem Totgeschlagenwerden; „Es wird eine Flucht in den Stacheldraht“, ist er sich an anderer Stelle über sein Ende gewiss. „Wie im Fieberrausch“ habe Boschwitz seinen Roman in nur vier Wochen vollendet, schreibt Peter Graf, der den „Reisenden“ wiederentdeckt und herausgegeben hat, im Nachwort.

Dies geschah im Exil. Boschwitz hatte Deutschland mit seiner Mutter schon 1935 verlassen. Über etliche Stationen ging’s nach Großbritannien, wo der Autor wie beinah alle vor dem Naziregime geflüchteten deutschen Männer interniert, 1940 dann per Schiff nach Australien deportiert wurde. Wer bereit war, an der Seite der Briten gegen das Dritte Reich zu kämpfen, durfte zwei Jahre später retour – doch ausgerechnet das Schiff, auf dem sich Boschwitz befand, wurde von einem deutschen U-Boot torpediert und sank. Boschwitz ertrank mit nur 27 Jahren. In einem Brief teilte er davor seiner Mutter mit, er werde den „Reisenden“ überarbeiten, denn das Buch könne nach dem Krieg „zu einem Erfolg“ werden. Diese korrigierte Fassung hat die Mutter nie erreicht.

Nun endlich, und nachdem Heinrich Böll sich in den 1960er-Jahren vergeblich um eine Veröffentlichung des Romans bemüht hatte, liegt die ursprüngliche deutschsprachige Fassung vor. Und sie entpuppt sich als beeindruckendes, ein zorniges, in jugendlicher Gefühlsaufwallung formuliertes Zeitdokument. Boschwitz, so scheint es, muss gegen die eigene Ohnmacht, gegen das eigene Schicksal anschreiben, er will Zeugnis ablegen über jene Verbrechen, denen die Weltgemeinschaft so erschreckend gleichgültig oder zumindest passiv gegenüberstand. Die Distanzlosigkeit, mit der Boschwitz seine Empörung darlegt, ist Stärke wie Schwäche seines Romans. Sein Protagonist Silbermann verleiht den namenlosen Opfern Gestalt, er steht stellvertretend für jene jüdisch-deutsche Mittelschicht, die – wie’s etwa auch Viktor Klemperer in seinen Tagebüchern beschreibt – vor dem kommenden Grauen zu lange die Augen verschloss.

Bild: pixabay.com

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Dabei ist Silbermann, diese hart geschnittene Figur, kein sympathischer Charakter. Weder, was sein Frauenbild noch sein Klassenbewusstsein betrifft, ist er ein angenehmer Mensch. Auf die politische Linke hat er „sein Lebtag mit allergrößter Missbilligung und echtem Abscheu“ geblickt, er nennt sie „Enteigungspartei“. Hartherzig zeigt er sich gegen ehemalige Freunde wegen ihres „jüdischen“ Aussehens, er fühlt sich von ihnen „kompromittiert“. Rund um seinen Protagonisten malt Boschwitz ein Sittenbild von Tätern, Mitläufern und Gewährenlassern. Sie sind Phänotypen ihrer Epoche: der gefährlich lauernde Gestapomann, der reizbare, weil „jüdisch“ aussehende Parteigenosse, das Mädchen, dessen Verlobter im Konzentrationslager ist, die mondäne Anwaltsgattin und andere mehr. Eindringlich schildert Boschwitz das Gefühl von Einsamkeit inmitten dieser aufgeheizten Masse.

An anderer Stelle besticht, wie sehr Boschwitz sich um Sprache sorgt – eine Sorge, die auch dieser Tage angesichts des öffentlichen Diskurses wieder angebracht scheint. Ein Mann will für seine Rede das Wort „Kultur“ gegen ein braunes Synonym ersetzen. Der Hagere, der Silbermann aus den Zeitungen bekannt vorkommt, diskutiert das laut mit seinem Untergebenen. Angeekelt verlässt Silbermann das Abteil, bevor sein Gegenüber sich endgültig für den Begriff „Volksförderung“ entschieden hat …

Über den Autor: Ulrich Alexander Boschwitz, geboren am 1915 in Berlin, emigrierte 1935 gemeinsam mit seiner Mutter zunächst nach Skandinavien, wo sein erster Roman erschien. Der Erfolg ermöglichte ihm ein Studium an der Pariser Sorbonne. Während Aufenthalten in Belgien und Luxemburg entstand „Der Reisende“, der 1939 in England und wenig später in den USA und in Frankreich veröffentlicht wurde. Kurz vor Kriegsbeginn wurde Boschwitz in England trotz seines jüdischen Hintergrunds als „enemy alien“ interniert und nach Australien gebracht, wo er bis 1942 in einem Camp lebte. Auf der Rückreise wurde sein Schiff von einem deutschen U-Boot torpediert und ging unter. Boschwitz starb im Alter von 27 Jahren, sein letztes Manuskript sank wohl mit ihm.

Klett-Cotta, Ulrich Alexander Boschwitz: „Der Reisende“, Roman, 303 Seiten.

www.klett-cotta.de

  1. 5. 2018