Burgtheater: Das Programm der Spielzeit 2018/19

April 28, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Karneval der Wirklichkeit

Florian Hirsch, Hans Mrak, Klaus Missbach, Karin Bergmann, Thomas Königstorfer und Eva-Maria Voigtländer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„willkommen beim karneval der wirklichkeit!“ Das Zitat aus Miroslava Svolikovas „europa flieht nach europa“ steht über der nächsten Spielzeit der Direktion von Karin Bergmann, die sie am Freitag im Burgtheater präsentierte. Neben seiner politischen Komponente ist das Zitat ein wunderbares Theatermotto: Das unterhaltsame Spiel mit Schein und Maske, dahinter aber der ungeschminkte Blick auf das Sein, auf die Wirklichkeit. Starke 22 Premieren, darunter sieben Ur-und Erstaufführungen, sowie Projekte mit Josef Haslinger, Joachim Meyerhoff, Harald Schmidt und Michael Niavarani umfasst der letzte Spielplan von Bergmanns Direktion. Der Fokus liegt auf Theaterkunst in ihrer ganzen Vielfalt: große Stoffe und Texte, mit unterschiedlichen Handschriften aus der Perspektive der Gegenwart erzählt.

Eröffnet wird die Spielzeit am 5. September mit „Kommt ein Pferd in die Bar“ nach dem Roman von David Grossman, einer Koproduktion mit den Salzburger Festspielen und dem Deutschen Theater Berlin. Dušan David Pařízek wird Grossmans komisch-schonungslosen Roman auf die Bühne bringen. Im Burgtheater folgt am 7. September „Mephisto“, Klaus Manns scharfe und zeitlose literarische Analyse eines (un)politischen Feiglings, inszeniert von Bastian Kraft mit Nicholas Ofczarek in der Hauptrolle. Am 27. September hat die Inszenierung des aus Serbien stammenden Regisseurs Miloš Lolić „Kampf des Negers und der Hunde“ von Bernard-Marie Koltès im Akademietheater Premiere, eine Auseinandersetzung mit kolonialer Historie und Gegenwart. Und am 29. September wird Michael Thalheimer mit Andrea Wenzl und Merlin Sandmeyer Horváths Totentanz in brüchigen und gefährlichen Zeiten auf die Burg-Bühne bringen: „Glaube Liebe Hoffnung“.

Mit vielfältigen Handschriften von Regisseurinnen und Regisseuren wie Andrea Breth, Claus Peymann, Johan Simons, Georg Schmiedleitner, Barbara Frey, Christian Stückl und erstmalig Nikolaus Habjan werden Klassiker der Moderne aus der Perspektive der Gegenwart befragt: Was verraten Eugène Ionescos „Die Stühle“, Georg Büchners „Woyzeck“, Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“, Werner Schwabs „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“ oder, auf humorvolle Weise, Alan Ayckbourns „Schöne Bescherungen“ über unsere heutige Gesellschaft? Wie entlarvend ist Sternheims grelle und temporeiche Farce „Der Kandidat“?

„europa flieht nach europa“ von Miroslava Svolikova ist ein akuter wie zeitloser Text über Europa, in dem sich Exzess- und Gewaltbilder zu einem grellen „karneval der wirklichkeit“ vermischen; nach der Uraufführung bei den Autorentheatertagen in Berlin wird die Inszenierung ab Oktober im Kasino zu sehen sein. Und im Vestibül wird „Beben“, das neue Stück von Maria Milisavljevic, erstaufgeführt. Simon Stone bringt seine Bearbeitung von „Medea“ nach Euripides mit dem Ensemble im Dezember im Burgtheater zur österreichischen Erstaufführung und im Akademietheater wird das erste deutschsprachige Stück des hochgelobten Schriftstellers Fiston Mwanza Mujila uraufgeführt: „Zu der Zeit der Königinmutter“. Im März wird Jan Bosse Clemens J. Setz’ Roman „Indigo“ auf die Bühne des Akademietheaters bringen und zu einer vorgezogenen Abschiedsfeier lädt im April Herbert Fritsch mit der Uraufführung seines Projekts „Das Zelt“ ins Burgtheater ein. Als letzte Premiere gibt es im Akademietheater im Mai die Uraufführung des „neuen René Pollesch“.

Auch in der letzten Spielzeit der Direktion Bergmann zeigen junge Regisseurinnen und Regisseure des Hauses ihre Abschlussarbeiten, dadurch wird das Vestibül mit Milisavljevic’ „Beben“, Rainer Werner Fassbinders „Tropfen auf heiße Steine“, „Waisen“ von Dennis Kelly und „Ich rufe meine Brüder“ von Jonas Hassen Khemiri zur großen Bühne aktueller Dramatik. Als diesjähriges Kinderstück wird Kenneth Grahames „Der Wind in den Weiden“, einer der großen englischen Kinderbuch-Klassiker, für Kinder ab 6 Jahren ab November im Kasino gezeigt. Harald Schmidt und Michael Niavarani, beide begnadete Fabulierer und singuläre Publikums-Unterhalter, werden einander einige Male in der kommenden Spielzeit auf der Bühne des Burgtheaters begegnen. Geplant sind auch Projekte von Josef Haslinger und Schauspieler und Bestsellerautor Joachim Meyerhoff.

www.burgtheater.at

28. 4. 2018