Volksoper: Carousel

März 24, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Schluss was zum Mitsummen

Das Ensemble der Volksoper liefert gesanglich und darstellerisch eine Glanzvorstellung. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Es ist kein Leichtes, Rodgers‘ und Hammersteins „Carousel“ auf die Bühne zu bringen. Weder für Darsteller noch für Publikum. Gesang geht nahtlos in Textpassagen über, deren gibt es vor allem im zweiten Akt so ausufernde, dass man meint, hier würde aufs Singen ganz vergessen. An der Volksoper, wo man sich unter der Direktion Robert Meyer hohe Kompetenz in Sachen klassisches Musical angeeignet hat, ist die Übung nun aber gelungen. Zumindest über weiteste Teile.

Der einzig mögliche Einwand allerdings wiegt mittelschwer, nämlich, dass die Sprechstrecken so gestelzt und aufgesetzt daherkommen, wie es heute am Musiktheater wahrlich nicht mehr sein muss. So überzeugt das „Carousel“ in erster Linie musikalisch. Joseph R. Olefirowics als Mann am Pult weiß sowohl die lyrischen wie auch die temperamentvollen Stellen gekonnt zu dirigieren. Der Chor tut wie stets das Seinige, dass der Abend ein Vergnügen ist. Inszeniert hat Henry Mason – er ist auch für die deutschsprachige Fassung verantwortlich, die ein, zwei Mal (zum Beispiel bei „Wär‘ es Liebe) über die Noten holpert – ohne viel Schnickschnack, eine Zeitreise ins vorvorige Jahrhundert, deren Bühnenbild von Jan Meier Geschmackvolles zeigt: einen Jahrmarkt, eine Landschaft am Meer, den Sternenhimmel. So erzählt sich die von Ferenc Molnárs Drama „Liliom“ übernommene Geschichte so ziemlich kitschbefreit.

Als Billy Bigelow, heißt: Liliom, kann Daniel Schmutzhard mit seinem schönen Bariton ideal bestehen. Der Opernsänger meistert seine erste große Musicalrolle auch darstellerisch, gibt den Kraftlackel und Aufschneider, der die Jahrmarktsmenge im Griff hat, bevor er beim Monolog/„Soliloquy“ Billys sanfte, verletzliche Seite offenbart. Nichts desto trotz bleibt sein Karussellausrufer ein Unangepasster, eine verlorene Seele in Spießertown. Das bevölkern: Mara Mastalir als brave Textilarbeiterin Julie Jordan, die darstellerisch tatsächlich so etwas wie einen Hauch Naturalismus aufkommen lassen möchte. Ein Bravo hierfür! Johanna Arrouas, die alles aus ihrer Carrie Pipperidge herausholt und auf der ganzen Linie überzeugt, sowie Jeffrey Treganza als ihr biederer Enoch Snow.

Christian Graf als Jigger Craigin und Johanna Arrouas als Carrie Pipperidge. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Daniel Schmutzhard als Billy Bigelow und Mara Mastalir als Julie Jordan. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Christian Graf ist ein fabelhafter, cooler Bösewicht, der seinen Jigger Craigin zur Charakterstudie macht, Regula Rosin eine gute Mrs. Mullin, Nicolaus Hagg ein souveräner Bascombe, Atala Schöck eine schön solide Nettie und Robert Meyer ein köstlich-kauziger Sternwart – mit langem weißen Herrgottsbart und Arbeitsoverall eine Art Himmelshausmeister. Ganz großartig ist Astrid Renner als Julies Tochter Louise Bigelow. Sie meistert die Balletteinlage nach dem Original von Agnes de Mille, das Francesc Abós wie alle De-Mille-Tänze neu einstudiert hat, fabelhaft. Fein auch, die wie Solistinnen und Solisten tänzerisch in jeder dafür notwendigen Szene mithalten. Zum Schluss ertönt noch einmal „You’ll never walk alone“ – längst bekannt als die Fußball-Hymne des FC Liverpool – als Chorversion. Perfekt, um mitzusummen nach einer fast perfekten Aufführung.

www.volksoper.at

  1. 3. 2018