Schauspielhaus Wien: Abbruch der „Seestadt-Saga“

März 9, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wegen zahlreicher Anfeindungen und Beschwerden

Tomas Schweigen und Bernhard Studlar bei der Pressekonferenz. Bild: Hubert Weinheimer

Die aktuelle Staffel der „begehbaren Social-Media-Serie“ Seestadt-Saga wird aufgrund mehrerer Beschwerden sowie zahlreicher Anfeindungen vorzeitig abgebrochen. Die vielfältigen (Hinter-)Gründe wurden heute im Rahmen einer öffentlichen Pressekonferenz im Schauspielhaus von Tomas Schweigen, künstlerische Leitung und Regie, und Bernhard Studlar erörtert. Die Seestadt-Saga ist „ein Mash-up aus Theater, Film und Social Media. Eine transmediale Kunstform, bei der die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verwischt werden. Wesentliches Merkmal dabei ist Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Ebenen. Was wiederum zu Rückkoppelungen führt. Und zwar in beiden Richtungen“, so Bernhard Studlar, Leiter des Writers‘ Rooms.

Die angestrebte Vermischung von Realität und Fiktion entwickelte eine Eigendynamik, die einerseits das Vorhaben bestätigte, es aber gleichzeitig gefährdete. Insbesondere die Gründung der Bürgerinitiative „Liste Seestadt“ durch den fiktiven Charakter Marko Herz führte wiederholt zu Missverständnissen und zum Teil schwerwiegenden Anfeindungen. Insbesondere als rechtspopulistische Ideen propagiert wurden, hat die Diskussion um die Liste Seestadt eine starke Eigendynamik entwickelt. Tomas Schweigen dazu: „Wir mussten zur Kenntnis nehmen, dass zuletzt selbst unsere ernstgemeinten und realen Statements in der Rezeption als Satire oder Fake verdächtigt wurden und es manchmal niemandem mehr klar war, welche Reaktionen da jetzt noch ernst oder ,gespielt‘ waren – vieles davon ist uns bis heute nicht eindeutig ersichtlich. Es ist jedenfalls in keinster Weise zu kontrollieren. Wir haben uns schweren Herzens dazu entschieden, das Experiment abzubrechen.“

Die geplante Produktion „War is not happening…“ wird aufgrund der Ereignisse zugunsten von „Digitalis Trojana – Der See, die Stadt und das Ende“ abgesagt. Auf verschiedenen Ebenen werden in dieser neu angesetzten Produktion die Handlungsstränge der Seestadt-Saga zu Ende erzählt. Der Theaterabend steht allerdings für sich und setzt keine Vorkenntnisse der Serie voraus. „Digitalis Trojana ist, wenn man so will, ein dramatisches Netz, das an die Social-Media-Serie anknüpft“ sagt Studlar und Schweigen ergänzt: „Ganz allgemein gesagt, wird es um ähnliche Fragestellungen gehen. Um das alltägliche Leben in ,Digitalen Blasen‘. Wie geht man mit Information um, wenn Fake News und Wirklichkeit sind nicht mehr zu trennen sind? Wie nutzen Populisten und autoritäre Systeme die Macht der Algorithmen, die für diese Blasen verantwortlich sind.“ Uraufführung ist am 12. 5. im Schauspielhaus Wien.

www.schauspielhaus.at

9. 3. 2018