Volx/Margareten: Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs

März 9, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit großer Sachlichkeit vom Schrecken reden

Anja Herden im Doppelmonolog. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Anja Herden hebt die Hände. Nicht entschuldigend, sondern erklärend, wie er sich immer wieder abspult, ihr Albtraum, in dem sie ihrer afrikanischen Freundin im Wortsinn auf den Kopf macht. Diese kurze Episode knapp vor Ende des Abends bedeutet auch dessen Wendepunkt. Raus aus Milo Raus dokumentarischem Theater, weg aus der Vorhersehbarkeit der Ereignisse, vom faktischen Schrecken hinüber in den fiktiven. Anja Herden kann von beiden mit großer Sachlichkeit reden.

Die Charakterdarstellerin spricht die beiden Rau’schen Monologe in „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“, das nun im Volx/Margareten Premiere hatte, den der hellhäutigen und den der dunkelhäutigen Frau, beide Schauspielerinnen, wobei in Wien die Weiße eindeutig dominiert. In Berlin, bei der Uraufführung an der Schaubühne, erzählte Consolate Sipérius, in Brüssel lebende Schauspielerin aus Burundi, der Kamera ihre persönliche Fluchtgeschichte und ihre Erfahrungen als „kleines Negerkind“.

Hier hat Herden Consolates Part mit übernommen. Das funktioniert dank ihrer Wandelbarkeit. In der Maske von Adrienn Ruborics mit blonder Perücke gibt sie danach die deutsche Ex-NGO-Mitarbeiterin. Eine Doppeldeutigkeit, mit der Regisseur Alexandru Weinberger-Bara das europäisch-schlechte Gewissen peinigt. Die trotz allem Außenstehende mit ihrem Mix aus Faszination, Angst und Verachtung für Afrika und die Innensicht aufs Leid.

Der Schweizer Theatermacher und Aktivist Milo Rau ist ein unermüdlicher Streiter für Aufklärung. Über die Massenarmut und die Völkermorde auf dem afrikanischen Kontinent hat er mehrfach gearbeitet, „Hate Radio“ 2011, „Das Kongo Tribunal“ 2015, nun mit „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“ ein weiterer Beitrag zum gegenseitigen Abschlachten der Hutus und der Tutsis in Ruanda. Auch er entstanden aus zahllosen Interviews, zu einer Genozid-Geschichte montierte Erlebnisse, ein Tatsachenbericht, der erschüttert, aber auch ein erstaunliches Reflexionsspiel bietet, das mit einfachen Erkenntnissen, mit den hiesigen Gewissheiten ein für alle Mal aufräumt.

Weinberger-Bara hat das mit großer Sensibilität inszeniert, er lässt Herden den Platz, den sie für ihre Schilderungen braucht. Ein paar Kleiderhaufen, ein Diaapparat, der Landkarten und Fotos an die Wand wirft. Und die Frage: Sind vier ertrunkene Flüchtlinge auf Lampedusa weniger wert, als Millionen in Afrika Umherirrende? Die Weiße hat ihr Mitleid irgendwo in der Grenzregion zur Demokratischen Republik Kongo verloren. An manchen Tagen verzichtete sie sogar aufs Duschen, weil im See, aus dem das Waschwasser kam, zu viele Leichen schwammen …

Es ist der wohldosierte Zynismus dieser Figur, einer, den man im Gefolge der Mainstreammedien täglich nachvollzieht, der einem die Gänsehaut die Arme hochtreibt. Hinter jedem Satz bitterer Wahrheit steckt eine weitere, verborgene. Und Herden hebt geschickt die Kunstfiguren auf eine reale Ebene. Fast zum Lachen der Sager, europäische Theater würden sich mit dem Leid der anderen wichtig machen.

Am Ende wieder Consolate, die nun aus dem Film, in dem sie gefangen war, heraustritt, um über Quentin Tarantinos „Inglorious Basterds“ zu erzählen. Die Szene, in der die Jüdin Shoshanne Dreyfuß in ihrem Pariser Kino auf der Leinwand auftaucht und Rache nimmt, indem sie die anwesenden Nazi-Größen mit Maschinengewehren erschießen lässt. Als die Herden dies ausführt, wird sie ernster als zuvor: „Mein Regisseur meinte, ziel‘ doch mit der AK-47 auf das Publikum, während du das sagst.“ Sie tut es nicht.

www.volkstheater.at

  1. 3. 2018