Die Josefstadt kam nur langsam auf „Speed“

März 22, 2013 in Bühne

Tod durch Weichspüler

Ein wenig mehr Tempo hätte ein Stück namens „Speed“ schon vertragen – auch, wenn mit dem Titel – eh klar – die Modedroge gemeint ist. Lag’s am sich ständig drehenden und daher von den Darstellern ständig zu umrundenden, mit Plastikplanen verhängten Wohnzimmer-Würfel von Annie und Jack (Bühne: Miriam Busch). Lag’s am durchaus stimmigen, passenden Sound von Wolfgang Schlögl, der den Fortgang der Handlung aber natürlich auch bremste … Stephanie Mohrs Überinszenierung von Zach Helms „Speed“ in deutschsprachiger Erstaufführung brauchte einige Zeit, bis sie Fahrt aufnahm. Zweidreiviertel Stunden für ein nicht einmal hundert Seiten Manuskript, das einen so packte, dass man es in nur einer Stunde gelesen hatte …  In wenigen Szenen – ein Streit zwischen „Schriftsteller“ Jack und seinem Verleger Charlie, währenddessen sie von Bühnenhintergrund zu Bühnenrand hin- und hersprinten – vermittelt sich die Stimmung, die der Abend durchwegs gebraucht hätte.

 

Sandra Cervik, Raphael von Bargen Bild: Erich Reismann

Sandra Cervik, Raphael von Bargen
Bild: Erich Reismann

Denn Zach Helm hat ein abgrundtief gutes Stück geschrieben: Jack mausert sich durch seinen Erstlingsroman zum Shootingstar der Literaturszene. Der Kritiker der New York Times schwebt im Wichser-Himmel. Jacks Verleger Charlie, eigentlich Experte für Softpornoheftchen, wird vom Big Boss der Szene angerufen – er wolle nun Jack verlegen. Schließlich geht’s im Buch auch um – huch – Analsex. Das verkauft sich von selbst. Zwei Millionen Dollar Vorschuss fürs nächste Schockerwerk sollen auf einer Dinnerparty vereinbart werden. Doch da ist Jacks Frau Annie. Die Speed einwirft, wie ein anderer eine Hand voll Zuckerl. Gib’ dem High sein einen Sinn … Und ihr High sein hat einen. Er soll an künftiges Publikum nicht verraten sein. Denn Jack und Annie teilen ein bitteres Geheimnis. Die Handlung dreht sich, und dreht sich noch einmal. Durch Annies Schuld wird die Dinnerparty zum Eklat – sie beflegelt vom Kritiker bis zum Oberverleger alle. Der Big Boss, der den Roman so dringend haben will, hat ihn nicht einmal gelesen. Aber: Seine Vorzimmerdame sei schon bei Kapitel vier und gaaaaanz begeistert. Der Kritiker hält das weibliche Geschlecht für prinzipiell literaturunfähig … Helms Abrechnung mit dem Literatur-, dem Kulturbetrieb. Es folgt: der Rauswurf. Und das große Opfer: Einer der beiden nimmt sich das Leben und gibt so (vermeintlich?) dem anderen seines zurück. Allerdings erfolgt der Selbstmord durch eine Ladung Putzmittel und ein Klebeband, das deren Auskotzen verhindern soll.

Also, Zach!

(Nicht nur) Sandra Cervik als Annie und Raphael von Bargen als Jack legen auf der Bühne eine Glanzleistung hin. Sie stellen das Liebes- und Abhängigkeitsverhältnis der beiden Figuren dar, dass es zum Weinen schön ist. Pain is so close to Pleasure. „Du kannst die Zeit anhalten“, sagt die Amphetamin-Süchtige Anorektikerin (EAT steht in großen Lettern über dem Wohnzimmer-Würfel). Und tatsächlich sieht Jack seinen Lebenssinn genau darin.

Cervik spielt hart, unbarmherzig zu sich und anderen, ein Geschöpf, das nicht in diese Konsumiert-du-meins-konsumier-ich-deins-Verlogenheitswelt passt. Sie umschifft alle Momente, die sich für hysterische Anfälle super geeignet hätten, sie lässt alle Drogenklischees links liegen. Durch die Plastikplanen wird ihr Spiel gespenstisch, fast surrealistisch. Sandra Cervik steigert sich derzeit von Rolle zu Rolle. Im gelben Kleidung auf der Dinnerparty – der Originaltitel des Stück lautet „Good Canary“: der schöne Vogel, der singt, und doch immer im Käfig eingesperrt bleiben wird. Tapfer führt sie mit Big-Boss-Gattin Cornelia Köndgen „Frauengespräche“, während die Männer sich ihrer Männlichkeit versichern. Bis ihr die Sicherungen durchbrennen. Raphael von Bargen lässt seinen Jack zwischen selbstlos und selbstgerecht wanken; die neue Aufmerksamkeit hat schon was. Und zwei Millionen Dollar? Aber wessen tatsächliche Lebensgeschichte „sein“ Buch wiedergibt, das verraten? Er ist besorgt um Annie und geil auf sie, hat das Rettersyndrom und will doch auch Erlösung für sich selbst. Dann kommt bei ihm die Wut durch. Eine starke Leistung.

Wie die von Peter Scholz als Charlie, der endlich seine Stunde (und die Kohle) kommen und wieder schwinden sieht. Und die von Dominic Oley als arrogantem, selbstgefälligem Kritiker Mulholland, der schließlich alle seine Urteile und Vorurteile über Bord werfen muss, und vom Journalisten doch noch zum Menschen wird. Christian Futterknecht gibt Big Boss Stuart.

Die dramaturgisch stärkste Szene ist ein Vierertelefonat: Jack telefoniert mit Charlie wegen der zwei Millionen, Annie mit Jeff (Ljubisa Lupo Grujcic) wegen neuem Stoff. Dabei fallen die gleichen Sätze: Ich kann jetzt nicht weg. Überlege es dir noch mal. Nein, es geht nicht.

Literatur im Hexenkessel, in der Josefstadt wie in einer Walpurgisnacht umgesetzt.

Bravo.

www.josefstadt.org

http://youtu.be/6wr-bV4h0E8

www.mottingers-meinung.at/interview-mit-sandra-cervik-und-raphael-von-bargeb/

Von Michaela Mottinger

Wien, 22. 3. 2013