Ayelet Gundar-Goshen: Lügnerin

Februar 7, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Mauerblümchen erblüht an seiner Missbrauchsstory

Noch bevor einen die Handlung in Bann schlagen kann, tut es bereits die Sprache. Die israelische Autorin Ayelet Gundar-Goshen malt mit Worten wunderschöne Bilder. Über ein Mädchen etwa schreibt sie: „Ihre jüngere Schwester bewegte sich so bezaubernd frei und ungezwungen, dass die Ampel der Stadt jedes Mal freudig erröteten, wenn sie sich näherte. Die ohnehin verstopften Straßen verstopften noch mehr, denn die Ampeln lieferten eine solche Welle von Rot, dass der gesamte Verkehr zum Erliegen kam. Nur Maya wandelte durch liebliche Auen grünen Lichts …“

Maya ist nicht die Protagonistin dieses Buchs. Die „Lügnerin“ ist ihre ältere Schwester Nuphar Schalev, in den Schulferien Eisverkäuferin, und von der Göttin Schönheit nicht ganz so intensiv geküsst, wie sie’s gern hätte. Kurz, Nuphar ist ein Mauerblümchen. Und dann ereignet sich das Schicksal. Ein abgehalfteter Showstar, Avischai Milner, betrifft das Geschäft, missgelaunt, weil er soeben erfahren hat, dass sein Comebackversuch scheitern wird. Also pöbelt er Nuphar an, die läuft weinend in den Hinterhof, der Sänger hinterher, sie schreit –

Und schon hat die Welt eine neue Story: „Versuchte Vergewaltigung einer Minderjährigen – Ex-Star verdächtigt … Für einen kurzen Augenblick verharrt die neugeborene Geschichte an ihrem Geburtsort, atmet die würzige Abendluft, dann hält sie es keine Minute länger im Hinterhof aus.“ Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht. Polizei, Feuerwehr, Soldaten, Passanten sammeln sich um Nuphar, die Medien sowieso. Und siehe, das Mädchen blüht an seiner aufgebauschten Missbrauchsstory auf. Ein völlig neues Selbstbewusstsein durchfährt die 17-Jährige. Plötzlich ist sie die Wichtige in der Familie, nicht mehr Maya.

Gundar-Goshen erzählt all dies mit viel Humor. „Lügnerin“ ist, man würde es bei diesem Thema kaum glauben, ein großes Lesevergnügen. Die Autorin weiß nicht nur alles Teenagerelend dieser Welt zu verpacken, sondern schildert auch Alltag in Israel, ein Leben zwischen Friede und immer wieder neuen Kriegen, daran entrollt sie ganze Familiengeschichten. Über einen Vater heißt es: „Arie Maimon kannte die Karte des Libanon in- und auswendig, aber auf den verborgenen Pfaden vom Sofa zum Zimmer seines Sohnes, in den Wadis zwischen Flur und Küche, irrte er hilflos herum.“ Avischai Milner wiederum wurde als Straßensänger entdeckt, als das Land um Schimon Peres trauerte …

Bild: pixabay.com

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Dazu kommt ein Lustigmachen über die Käuflichkeit einer Gesellschaft, die aus Sensationsgier und Mediengeilheit alles tut. Nuphar wird auf einmal von den feinsten Boutiquen für ihre Fernsehauftritte eingekleidet. Sie muss nur die Namen der Kaufhäuser nennen. Und seinen. Nuphar bleibt im Buch nicht die einzige, die sich die Wahrheit zurechtbiegt. Lavie Maimon, Aries Sohn, hat die Szene mit Milner vom vierten Stock aus beobachtet – und durchschaut. Also beginnt der schmächtige Bursche, der dem Vater vorgaukelt, er hätte sich bei einer Eliteeinheit beworben, das Mädchen zu erpressen, sie muss ihn öffentlich „mein Freund“ nennen. Doch was kann man gegen eine Lüge sagen, die das eigene Leben zumindest besser macht? Dies die großen Fragen, die Gundar-Goshen immer wieder stellt: Wieviel Wahrheit verträgt der Mensch?

Maya wird immer misstrauischer, und auch Nuphars Mutter, als sie ein umgeschriebenes Tagebuch entdeckt. Ein Bettler weiß ebenfalls Bescheid, erfährt man, die Kommissarin will nicht aufhören nachzuforschen, der Vater ist befangen, und Nuphars Lügenspirale dreht und dreht sich. „Die ganze Nacht spann sie Handlungsfäden und Ereigniskurven, und als die ersten Sonnenstrahlen in ihr Zimmer fielen, sank sie erschöpft aufs Bett …“ Es kommt zum Showdown mit Milner …

Und schließlich, im zweiten Teil des Buches, die einnehmendste aller Lügnerinnen: Die Altersheimbewohnerin Raymonde, die sich für ihre verstorbene Freundin Rivka ausgibt, deren Biografie annimmt, um der Einsamkeit zu entfliehen und mit Schülern als Zeitzeugin nach Polen reisen zu können. Wie sie Jiddisch lernt und Kibbuz-Hebräisch, wie sie an einem Internetkurs teilnimmt, um dort etwas über Auschwitz zu erfahren, das sie später erzählen wird können. Sie lernt den alten Ahrale kennen, er tatsächlich Holocaustüberlebender. Ihm muss sie die Wahrheit gestehen, doch darauf angesprochen sagt er später nur: „Ich kann mich nicht erinnern!“ Denn wieviel Wahrheit verträgt der Mensch?

Über die Autorin: Ayelet Gundar-Goshen, geboren 1982, lebt und arbeitet als Autorin und Psychologin in Tel Aviv. Für ihre Kurzgeschichten, Drehbücher und Kurzfilme wurde sie bereits vielfach ausgezeichnet. Ihr erster Roman, „Eine Nacht, Markowitz“ (2013), dem der renommierte Sapir-Preis für das beste Debüt Israels zugesprochen wurde, wird derzeit von der BBC verfilmt. 2015 folgte mit „Löwen wecken“ ihr zweiter Roman, den sich NBC für eine TV-Serie vorgenommen hat.

Kein & Aber, Ayelet Gundar-Goshen: „Lügnerin“, Roman, 336 Seiten

keinundaber.ch

  1. 2. 2018