Vestibül des Burgtheaters: Saturn kehrt zurück

Januar 25, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Echo-Raum der Geisterstimmen

Rudolf Melichar als Gustin 88 und Irina Sulaver als Pflegerin Suzanne. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Etwa alle dreißig Jahre hat der Saturn die Sonne einmal umrundet und kehrt an seinen Ausgangspunkt zurück. Das tut auch Gustin, Protagonist in Noah Haidles Tragikomödie „Saturn kehrt zurück“, die die junge Regisseurin Sara Abbasi nun im Vestibül des Burgtheaters als österreichische Erstaufführung inszenierte. Der Melancholiker nämlich ist wie in einer Zeitschleife hängen geblieben, und begegnet einem so in seinen Zeitaltern von 88, 58 und 28 Jahren. Immer dann also, wenn in seinem Leben etwas einschneidend Dramatisches passiert ist.

Erst starb die Frau Loretta bei der Geburt der Tochter Zephyr, dann diese bei einem Trip nach Mexiko. Im hohen Alter holt sich Gustin eine eigentlich nicht benötigte Pflegerin. Weder Installateur noch die Damen von diversen (Escort-)Services waren eine ansprechende Ansprache, nun soll ihn diese Suzanne ins raumzeitliche Niemandsland begleiten, wo er seinen Erinnerungen nachhängen und sie mit schlecht erzählten Witzen unterhalten will.

Abbasi hat Haidles so psychologisch durchtränktes wie surreales Kammerspiel behutsam auf die Bühne gehoben. Ihre Arbeit hält die Waage zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit.

Zwischen tatsächlich Erlebtem und der Imagination der Gustins, so dass völlig logisch ist, dass manchmal zwei, mitunter alle drei von ihnen die Handlung durchstreifen. Dies stets so, als wüssten sie von einander. Als Echo-Raum, in dem sie die Geisterstimmen von Loretta und Zephyr hören, hat Bühnenbildnerin Sarah Sassen eine Art sterile Wartehalle erdacht. Gustin war einmal Röntgenologe im Krankenhaus, und Spitalsatmosphäre bestimmt auch sein Heim. Das einzige Lebendige, eine Zimmerpflanze, ist hinter Glas, in der Andeutung eines Wintergartens, gefangen. Eine Stange wie für Gehübungen umrundet das Ganze, dahinter ein Gang, milchige Scheiben, hinter denen Figuren auftauchen und wieder verschwinden, dazu Schattenspiele. All das wäre zur großen Elegie angetan, hätte Haidle nicht eine diebische Lust an der Skurrilität.

Die vor allem Rudolf Melichar als Gustin 88 mit ebensolcher bedient. Sein alter Mann ist von einer knorrigen Verschmitztheit und strotzt vor herbem Charme, wenn er Suzanne nicht und nicht gehen lassen will, weil ihm ohne sie der Abend noch länger wird. Peter Knaack gibt Gustin 58 als in die Jahre gekommenen Witwer, der die Trauer nutzt, um die Tochter an sich zu fesseln. Da kann ihm Zephyr noch so viele Blind Dates vermitteln – sehr schön, wie man in einem der zahlreichen Querverweise erfährt, dass er die bummelige Bonnie denn doch bis in ihre Altersheimtage kannte -, er igelt sich in seiner Wehleidig- und Hilflosigkeit ein, wie ein trotziges Kind, das seinen Willen durchsetzen will.

Irina Sulaver als Loretta mit Tino Hillebrand als Gustin 28 und Peter Knaack als Gustin 58. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Peter Knaack als Gustin 58 und Irina Sulaver als Zephyr. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Den dritten, jüngsten Egozentriker, Gustin 28, spielt Tino Hillebrand als unausgeglichenen, latent aggressiven Ehemann. Nach einem Konzertbesuch, so erfährt man in diesen Episoden, entbrennt erst Streit mit Loretta, dann die Leidenschaft, in der Zephyr gezeugt wird. Dreh- und Angelpunkt der Aufführung aber ist Irina Sulaver, die alle drei Frauen mit exquisiter Subtilität verkörpert. Sie hat für ihre Verwandlungen genau Maß genommen und gestaltet drei verschiedene Charaktere, denen man dennoch die Gemeinsamkeit abnimmt, diesen schwierigen, fordernden Mann gehändelt zu bekommen.

Gegen Ende, nach berührenden wie belustigenden Szenen, als die drei Gustins immer öfter gemeinsam auftreten, kann es passieren, dass der Alte den jüngeren die Hand auf die Schulter legt. Eine knappe Geste als Trost dafür, dass Leben und Glück so flüchtig sind. Mit „Saturn kehrt zurück“ beweisen Sara Abbasi und ihre Schauspieler jedenfalls, dass im „Kleinen“ Großes möglich ist.

www.burgtheater.at

  1. 1. 2018