Theater IG Fokus: Der Winter tut den Fischen gut

Januar 24, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Margit Mezgolich inszeniert mit neuer Theatertruppe

Vor der Psyche werden Vorbereitungen auf ein weiteres Bewerbungsgespräch absolviert: Petra Strasser als Maria Beerenberger. Bild: Anna Stöcher

Originell und beinah am „Originalschauplatz“, das ist die erste Produktion der neu gegründeten Truppe Theater IG Fokus. Ins Leben gerufen von den Theatermacherinnen Margit Mezgolich und Petra Strasser will das Pop-up-Projekt ungewöhnliche Wege beschreiten, und Aufführungen abseits der Bühnen hautnah ans Publikum bringen. Mit der Uraufführung von „Der Winter tut den Fischen gut“ nach dem Roman von Anna Weidenholzer ist das tadellos gelungen. Gespielt wird in einem aufgelassenen Gassenlokal an der Hütteldorfer Straße, zwischen Psyche und Anrichte, inmitten von Fauteuils, Sofas und Hockern.

Gerade 25 Zuschauer haben in dem kleinen Geschäft Platz, da ist es nur logisch, dass man diesen auch einmal räumen und samt Sitzgelegenheit wandern muss, um den Darstellern Raum für ihr Spiel zu geben. Von der Wohnung übers Amts- bis zum Modehaus muss schließlich alles in diesem Laden untergebracht werden, und weil die Protagonistin des Ganzen, Maria Beerenberger, in besseren Tagen Modeverkäuferin war, nutzt man den „Boutique-Charakter“ der Aufführung gleich, um im Anschluss ausgesuchte Stücke der Labels „Frl Else Vintage“, „Ich hab mein Turnsackerl vergessen“, „Lieblingsrock“ oder „TRAGweite“ anzubieten.

Versteht sich, dass nach der Premiere noch ausgiebig gestöbert wurde … „Fangen wir von hinten an“, zu diesem Schluss kommt Maria Beerenberger gleich am Anfang. Petra Strasser spielt die über Fünfzigjährige, die seit mehr als zwei Jahren arbeitslos ist. Wieder ist ein Brief gekommen, die Antwort auf eine Bewerbung, und Maria wagt nicht, ihn zu öffnen. Das AMS mit seinen wenig hilfreichen Ratschlägen sitzt ihr im Nacken, da erinnert sie sich im Rückwärtsgang an das, was bisher geschah. Erinnerungen an schöne und seltsame Begegnungen tauchen auf, an verpasste und verschenkte Möglichkeiten. Vom Kündigungs- zum Einstellungsgespräch sind es da nur ein paar Augenblicke, ebenso vom Tod bis zum Kennenlernen von Ehemann und Elvis-Imitator Walter. Wie das Leben so spielt mit der Frage: War das nicht erst gestern?

Immer weiter denkt sich Maria in ihre Vergangenheit, bis sie sich am Ende als Kind im Elternhaus wiedersieht. Margit Mezgolich hat Weidenholzers Text mit behutsamer Hand dramatisiert und den Abend auch inszeniert. Ihre drei Darsteller, neben der Strasser Elisabeth Veit und John F. Kutil, lässt sie sowohl als Erzähler fungieren als auch in verschiedene Rollen schlüpfen. Alles dreht sich darum, wie Maria sich vorstellt, „wie es ein könnte“, und was sie sagen wird, wenn sie’s denn wirklich täte. Doch sie tut es nie. Zwischen all ihren Zierpölsterchen macht sie mehr der Fantasie denn der Realität Platz, und Tagträumen von Eduard, der großen Liebe, die sich in die große Stadt abgesetzt hat.

Beim Kaffeesudlesen mit der Nachbarin: Elisabeth Veit und Petra Strasser. Bild: Anna Stöcher

Ehemann Walter achtet nicht auf seine Gesundheit: Elisabeth Veit als jüngere Maria und John F. Kutil. Bild: Anna Stöcher

„Der Winter tut den Fischen gut“ gerät in der Bühnenbearbeitung vom schartigen Psycho- und Soziogramm zur schwarzhumorigen Satire mit skurrilen Einsprengseln. Von Strasser so gestaltet, dass ihr innerer Monolog mitunter mitten durchs Herz schneidet – siehe „Ottos“ Erfrierungstod im Eiskasten; sie changiert zwischen beflissen bis zunehmend verzweifelt, wenn man ihr bescheinigt: „Mit jedem Tag Arbeitslosigkeit verlieren Sie an Wert!“ Dass sie sich schließlich Brust-raus-Bauch-rein aufrappeln wird, ist eine Entscheidung die Schauspielerin und Regisseurin gemeinsam getroffen haben, und die dieser Tage gut tut.

Elisabeth Veit und John F. Kutil geben von der kaffeesudlesenden Nachbarin über tratschsüchtige Arbeitskolleginnen, vom von der Zeit überrollten Modehausbesitzer bis zum seine Gesundheit vernachlässigenden Walter alle und alles: Vater und diverse Mütter und die unfreundlich-überforderten AMS-Mitarbeiter, Veit auch Marias jüngere Ausgabe – und Otto. Den Übersprung von den tragischen zu den lakonischen zu den komischen Momenten der Handlung schaffen die drei mit Bravour. So gelingt ein Abend, der immer wieder lachen macht. Doch Vorsicht, die Abgründe lauern bei dieser Darbietung hinter jedem Satz.

igfokus.wordpress.com/

  1. 1. 2018