Isa Hochgerner: Paulas Kampf

Januar 22, 2018 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Stück über Hitlers kleine Schwester

Es ist nicht allgemein bekannt, dass Adolf Hitler eine kleine Schwester namens Paula hatte, das einzige außer ihm das Kindesalter überlebt habende Geschwister, und nach seinem Wunsch gezwungen unter seinem Spitznamen „Wolf“ zu leben – ein „Führer“ hat keine Familie. Bereits 1930 allerdings bekam sie die Wirkung des Bruders zu spüren, als sie ihre Arbeitsstelle in der Bundesländer-Versicherung verlor, weil man befürchtete, sie würde geheime Informationen an die Partei weitergeben. So lebte sie finanziell unterstützt von Hitler erst in Wien, schließlich in Berchtesgaden, wo er sie zu ihrem Schutz unterbrachte.

Ebendort soll Paula Wolf 150 Seiten unter dem Titel „Jugenderinnerungen“ verfasst haben. Die gelangten nie an die Öffentlichkeit, das Manuskript gilt als verschollen. Und ebenda setzt Isa Hochgerners Theaterstück „Paulas Kampf“ an, das sie nun gemeinsam mit Angela Schneider im Café Korb präsentierte. Hochgerner verschränkt darin Paulas Geschichte mit der ihrer Großkusine Aloisia Veit, die an Schizophrenie erkrankt am Steinhof lebte. In der Fiktion bitten Verwandte Paula sich um Aloisia zu bemühen, würden doch immer mehr „Irre“ einfach verschwinden – umsonst, auch Aloisia wird als Teil der Aktion „T4“ 1940 im Lager Hartheim vergast.

Hauptverantwortlicher, weil Gutachter, ist der Psychiater Dr. Erwin Jekelius. Paula verliebt sich und verlobt sich mit ihm, doch Hitler höchstpersönlich verbietet die Verbindung, lässt Jekelius erst verhaften, dann an die Ostfront befördern … Das alles nimmt Paula in Berchtesgaden durch den Schleier der Vergangenheit wahr. Mit ihrem Buch will sie lieber daran arbeiten, ihren „Dolferl“ jenseits von Kriegserklärung und Euthanasiebeschluss zu rehabilitieren: „Er kann sich ja nicht wehren, gegen diese verlogenen Anschuldigungen von unseren Feinden! Von dieser Saubande! Jetzt geht es um die Familienehre, ich muss seine Zukunft retten für die Nachwelt“, heißt es dazu im Text.

Hochgerner montiert geschickt Fakten und Fiktion, in Träumen lässt sie die „erlöste“ Aloisia aus dem Jenseits auftreten, und auch den im sowjetischen Arbeitslager an Krebs umgekommenen Jekelius, er die Schnittstelle der beiden Frauenschicksale. Paulas Zwiegespräche mit einem der beiden zählen zu den stärksten Momenten des Stücks. „Paulas Kampf“ ist ein Text in bester Volkstheatertradition, so „scheußlich“ wie sarkastisch, der durch seine scharfe Charakterzeichnung und die prägnanten Dialoge besticht. Angelegt ist das Stück für acht Schauspieler in 17 Rollen. Die Rechte liegen beim Thomas Sessler Verlag.

www.sesslerverlag.at

www.isahochgerner.at

22 1. 2018