Theater in der Josefstadt: Ulli Maier im Gespräch

Januar 22, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sie spielt in Peter Turrinis „Fremdenzimmer“

Ulli Maier als Herta Zamanik. Bild: Herbert Neubauer

Das hintere Kabinett muss immer frei bleiben. Wie eine Art Fremdenzimmer. Stets aufgeräumt und jederzeit beziehbar: Nur unter dieser Bedingung ist Herta damals bei Gustl eingezogen. Denn das verschwundene Kind kommt zurück. Irgendwann.
Und plötzlich steht er da, ein verlorener Sohn. Doch es ist nicht der, auf den man gewartet hat, es ist Samir, 17 Jahre und syrischer Flüchtling.

Vielleicht aus Menschlichkeit oder Sentimentalität, vielleicht aber auch aus Trotz gegenüber Gustl, der Samir sofort aus der Wohnung schmeißen will, setzt Herta durch, dass der junge Mann bleiben darf. Oder muss … So beginnt Peter Turrinis neues Stück „Fremdenzimmer“, das am Donnerstag am Theater in der Josefstadt zur Uraufführung gebracht wird. Regie führt Herbert Föttinger; es spielen Ulli Maier, Erwin Steinhauer und Tamim Fattal. Ulli Maier im Gespräch:

MM: Sie spielen in „Fremdenzimmer“ die Figur Herta Zamanik. Ist sie die Gute?

Ulli Maier: Bestimmt nicht. Man könnte den Text so lesen, aber wahrscheinlicher ist, dass, wie bei Paaren üblich, sie und der Gustl Knapp ganz ähnlich über Flüchtlinge denken. Nämlich: die sollen zu Hause bleiben … Es gibt aber einen Punkt, ganz am Anfang des Stücks, wo der Gustl sagt, so einen Ausländer könne er in seiner Wohnung nicht brauchen, und sie meint, das wäre genauso gut ihre Wohnung – über diesen Punkt fangen die beiden, die sich schon lange auseinander gelebt haben, an zu streiten, und da fällt die Entscheidung: Samir, der syrische Flüchtling, bleibt.

 MM: Wie kommen die beiden zu Samir?

Maier: Er ist auf der Flucht vor der Polizei, und dringt in die offen stehende Wohnung ein, um sein Handy aufzuladen. Ein Zufall. Aber durch den Konflikt der beiden,  kommt er nicht mehr weg, weil Herta in ihm einen Sohnersatz erkennt. Das ist ein bissl unheimlich, was die beiden mit ihm machen. Er wird nicht gefragt, er wird benutzt, und zwar von beiden. Von ihr als Gesprächspartner, also sie redet nicht mit ihm, sondern er muss sich ihre Logorrhoe anhören und von ihm als Adresse für seinen Lebensfrust und seinen Rassismus. Der syrische Flüchtling wird zum Katalysator zwischen Herta und Gustl, obwohl er gar nichts sagt. Das ist keine Geschichte über Flüchtlinge, sondern über drei einsame Menschen und traurige Leben. Und trotzdem ist es hoch politisch.

MM: Heißt das, ich kann fragen, ob sie tagespolitische Überlegungen einarbeiten?

Maier: Das brauchen wir nicht, denn die stehen schon im Stück drin. Die Situation, dass Flüchtlinge „konzentriert“ werden sollen, und dass da eine Vision ist, dass es andere Möglichkeiten auch noch gibt, steht schon da. Ich finde es einen wahnsinnigen, unfassbaren Vorgang, was sich da derzeit überlegt wird, aber das hat Turrini schon geschrieben, bevor es überhaupt dazu kam. Wir müssen also nicht tagespolitisch reagieren und noch einen draufsetzen.

MM: Ist „Fremdenzimmer“ eine Komödie?

Maier: Es hat durchaus seine komischen Stellen, Dialoge und Situationen, es ist kein Schenkelklopferstück, aber es hat eine unfreiwillige Komik. Für mehr ist zu viel Aggression auf der Bühne, zu viel ungelebtes Leben und zu viel Traurigkeit auch. „Fremdenzimmer“ ist kein kabarettistisches Stück.

Peter Turrini und Herbert Föttinger. Bild: Herbert Neubauer

MM: Es fällt der Satz „Die Welt stimmt nicht mehr“. Verstehen Sie diese Empfindung?

Maier: Ja, es ist im Moment irrsinnig viel in Bewegung, unsere Welt, die für uns so lange so friedlich ausgesehen hat, ist aus dem Lot. Die Dinge, die im Stück gesagt werden, haben auch ihre Berechtigung. Gustl beispielsweise ist ein gewordener Rassist, der war ein Sozi, der aus dem Beruf geflogen ist, sehr spät, jetzt hat er das Gefühl, er findet nirgend mehr Anschluss. Das ist ein Bild, das ich sehr gut kenne. Mein Bruder war Buchdrucker, und mit 55 arbeitslos, weil es den Beruf nicht mehr gab. Das war ein stolzer Beruf, mit einer starken Gewerkschaft und einem guten Einkommen – und plötzlich: aus. Dann sollte er Parksheriff werden, ein Denunziantenjob, wie er sagte. Mein Bruder ist im Wortsinn daran zugrunde gegangen … Die gesellschaftspolitischen Probleme sind nicht gelöst, und das hat vorerst nichts mit Ausländern zu tun, das macht aber Angst.

MM: Eine Angst, mit der man auch als Künstlerin konfrontiert ist?

Maier: Natürlich, ich bin jetzt 60, und hatte zwischen 52 und 55 den typischen Knick für Frauen. Da nehmen die Rollen für Frauen schlagartig ab, sowohl in der Klassik als auch in der Moderne. Die werden einfach nicht geschrieben. Jetzt langsam darf ich „die Alten“ spielen, jetzt geht’s allmählich wieder. Aber es gab wirklich ein Loch, obwohl ich 35 Jahre an wirklich guten Häusern war. Ich dachte tatsächlich, ich kann meinen Beruf nicht mehr ausüben.

MM: Umso schöner, dass Sie in der Josefstadt eine alte Heimat wiederentdeckt haben?

Maier: Ja. Ich freue mich sehr darüber. Ich habe schöne Aufgaben, es ist ein Ensemble, mit dem ich gerne arbeite, und das diskussionsfreudig ist, und Herbert Föttinger ist ein sehr engagierter Intendant, der fürs Theater brennt. Außerdem war’s Zeit wieder nach Wien zu kommen. Ich war lange und gern unterwegs, ich bin eine Nomadin, aber in letzter Zeit fiel mir das Kofferpacken immer schwerer.

MM: Herbert Föttinger führt Regie. Sie arbeiten zum ersten Mal mit ihm?

Maier: Wir kennen einander ewig, auch Erwin Steinhauer und Peter Turrini, seit 35 Jahren – und habe mit allen dreien noch nie gearbeitet. Wir sprechen eine ähnliche Sprache, wir verstehen was wir meinen und was wir wollen, jetzt müssen wir’s nur noch auf die Bühne hieven. Ich hoffe, wir kriegen es ganz gut auf die Reihe. Turrini war gestern zum ersten Mal drin, und glaube ich, ganz glücklich.

MM: Wir haben über den Gustl gesprochen, der Alltagsrassismus der Herta und ihre Ängste sind diffuser. Was haben Sie sich zurechtgelegt, woher das kommt? Würde sie Türkisblau gewählt haben?

Maier: Nicht Türkisblau, sondern Blau, bestimmt. Die Herta war eine junge ledige Mutter, hat ein Leben gelebt, das nie in die Glücksphase gekommen ist. Sie ist seit vielen Jahren in ihrer Welt gefangen, hat ihr Kind verloren, hängt in ihrer Traurigkeit fest. Klammert sich an die Illusion, dass etwas passieren wird, das sie aus der Ödnis rausholt. Der Zorn der Menschen geht meist auf die, die unter ihnen stehen, nie gegen die, die sich’s kübelweise holen. Ich fürchte mich vor den im Leben schlecht Weggekommenen, vor den zu kurz Gekommenen, die sind gefährlich. Und die Sozis haben sich viel zu lange einfach nicht darum gekümmert und sich mit der Wirtschaft ins Bett gelegt, die sind selber schuld, dass es so gekommen ist, wie es ist. Man kann nur hoffen, dass sie eine Position finden, und die anderen so viele Fehler machen, dass wieder etwas in Gang kommt. Jetzt müssen wir schon ein bissl leben damit.

Ulli Maier als Herta Zamanik, Tamim Fattal als Samir Nablisi und Erwin Steinhauer als Gustl Knapp. Bild: Herbert Neubauer

MM: Das Publikum, das dieses Stück sehen wird, kommt nicht aus diesem Milieu. Was erwarten Sie sich an Reaktionen der Zuschauer?

Maier: Sie kommen nicht aus dem Milieu, ich vermute aber trotzdem, dass wir eine relativ hohe Zahl an Türkis-Wählern drinnen sitzen haben. Denen ist es gut, den gesellschaftsfähigen Rassismus vorzuführen, sie sind ja g’scheite Leute, gebildete Menschen,  – und dort wollen wir sie packen: Dass Dinge nicht gelöst sind, was wir auch gar nicht behaupten, aber angegangen werden müssen. Die Politik hat zu lange in Legislaturperioden gedacht, und Entwicklungen verschlafen, jetzt wird arm noch ärmer und die Wirtschaft nimmt sich mehr und mehr Raum.

MM: Auch die aktuelle Regierung arbeitet aber nicht für „arm und krank“.

Maier: Natürlich nicht, aber das werden die Leute erst verstehen, wenn sie’s wirklich trifft. Es werden sich vielleicht schon ein paar den Kopf kratzen und nachdenklich werden, aber zu mehr ist das alles viel zu wenig konkret. Erst wenn es passiert, wenn es keine Notstandshilfe mehr gibt, werden sie erkennen, dass man einem Strache nicht glauben kann, wenn er sagt, bei ihm gehe keiner, der ein Leben lang gearbeitet hat, unter. Die Menschen sind ja so simpel.

MM: Hat sich bei den letzten Malen Schwarzblau der Protest zügiger formiert?

Maier: Es ist schwieriger geworden, weil es einen Gewöhnungsprozess gegeben hat. Wir sind schon mit den politischen Enkeln der Blauen konfrontiert, wir kennen ihre Ups und Downs, es gibt schon Ermüdungserscheinungen. Die AfD sind Babys dagegen. Und: Türkisblau wurde mit über 60 Prozent gewählt. Da ist es in einem demokratischen System schwierig dagegenzureden. Man kann Protest erheben gegen Maßnahmen, die gesetzt werden, gegen Gesetze und Verordnungen, aber man kann nicht gegen eine Regierung protestieren, die so viele Stimmen erhalten hat, das ist demokratiepolitisch sehr kompliziert. Die einzige Möglichkeit, die man hat, ist aufmerksam sein.

MM: Der dritte Schauspieler auf der Bühne ist Tamim Fattal als Samir.

Maier: Unser Tamim ist seit zwei Jahren in Österreich und ein wunderbarer Junge. Wach und aufmerksam. Er ist tatsächlich geflohen aus Aleppo. Er ist zwanzig und würde gerne Schauspieler werden, er hat auch schon am Theater an der Wien gespielt. Er ist für mich das Beispiel, wie man mit Flüchtlingen zusammenkommen sollte. Im Dialog. Wir wissen über diese Menschen viel zu wenig, daher kommt auch die Angst.

MM: Kann man mit diesen Dialogen die von beiden Seiten so hysterisch geführte sogenannte Flüchtlingsdebatte entspannter angehen?

Maier: Die beste Lösung ist, man kommt in Kontakt mit den Menschen und hört sich ihre Geschichte an. Die rennen um ihr Leben, die jungen Männer, die vor dem Krieg und vor dem Niedergeschossen-Werden davonlaufen. Daher ist es besser, wenn die Leute, die zu uns kommen, in Kleinverbänden integriert werden, nicht draußen in der grauen Zone zusammengepfercht werden. So soll man friedlich miteinander umgehen? Da kannst du auf die Uhr schauen, wann es die nächste Ausschreitung gibt, damit man wieder welche nach Hause schicken kann. Diese Idee dient doch nur dazu, zu provozieren. 

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=NOtjfvm9AhQ

www.josefstadt.org

22. 1. 2018