Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Januar 22, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der grotesk-grimmige Rachefeldzug einer Mutter

Mildred Hayes (Frances McDormand) lässt drei Plakatwände für ihre verstorbene Tochter affichieren. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

Dies ist ein Film über Rache und Rassisten, über Gewalt und Gegengewalt – und schließlich die Akzeptanz des Todes. Dies ist ein Western, schon allein, weil im mittleren Westen der USA angesiedelt, und weil die Protagonistin eine Desperada ist, die als eine gegen alle antritt. Dass die Musik diese Atmosphäre unterstützt, ist gut so … Dies ist auch ein Film über eine amerikanische Unterschicht, die abschätzig so genannten Wohlstandsverlierer.

Ein Film über die sich als – von wem auch immer – entrechtet ansehenden Weißen in den USA. Jene also, denen Donald Trump versprach, eine Stimme zu geben. Dass sich die Ostküstenpresse mit diesem Film, trotz vier Golden Globes und ergo Oscar-Hype, schwertut, lässt sich nachlesen. Schon ist die Debatte entbrannt: Darf man das mögen? Man darf. Man muss. Am 26. Jänner kommt „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ endlich in die heimischen Kinos. Mit einer brillanten Frances McDormand, die seit „Fargo“ niemals besser war, mit Woody Harrelson und Peter Dinklage und einem herausragenden Sam Rockwell, der wohl mit der besten Leistung seiner bisherigen Karriere über die Leinwand fegt. Regie bei dem schwarzhumorigen Drama führte Martin McDonagh.

„Three Billboards …“ erzählt vom grotesk-grimmigen Rachefeldzug der Mildred Hayes (McDormand). Deren Tochter wurde vergewaltigt und ermordet, nun lässt die verwaiste Mutter an einer Landstraße drei Plakatwände mit Anklagesprüchen gegen den ehrenwerten Polizeichef Willoughby (Harrelson) und seine Mannen affichieren: Noch immer keine Verhaftungen? Wie kann das sein? Ein Akt des Ungehorsams gegen die Obrigkeit, der die ganze Dorfgemeinschaft (ver-)stört. Geschlossen steht man hinter seinem Chief, selbst der Ortspfarrer taucht bei Mildred auf, um zu beschwichtigen. Und auch der Sohn möchte lieber endlich vergessen, als durch die drei Tafeln täglich erinnert werden. Doch Mildred greift zu immer radikaleren Mitteln, um ihrem toten Kind Recht zu verschaffen …

Anschlag auf die Polizei. Mildred schreckt auch vor extremen Mitteln nicht zurück: Frances McDormand. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

James gibt Mildred ein Alibi und verlangt dafür ein Rendezvous: Frances McDormand mit Peter Dinklage. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

Beinah behutsam muss man die Art nennen, in der McDonagh das freudlose Ebbing-Biotop zeichnet. Nach und nach führt er Figuren ein, macht aus seinem Film eine Sozialstudie, mit der er das Mildred umgebende Kleinstadtmilieu seziert. Das tut er zwar mit melancholisch-elegischer Baseline, aber auch mit einem so abgründigen Humor, dass der mitunter verquer zur Tragik der Situationen steht. McDormand gibt die Mildred mit stoisch-sturer Unerbittlichkeit, mit zum Stirnband gebundenen Kopftuch und in Arbeitskluft ist sie eine gramerfüllte Kriegerin, jenseits von Hoffnung oder Angst – auch, was den Umgang mit ihren Mitmenschen betrifft.

Dass ihre drei Plakatwände zum Katalysator werden, der in Ebbing Dinge in Gang setzt, die sie nicht mehr kontrollieren wird können, erkennt sie zu spät. Denn ihre Tat treibt nicht nur den auf den Tod an Krebs erkrankten Willoughby – Woody Harrelson als so liebe- wie sorgenvoller Gesetzeshüter – zum äußersten, sondern auch den schwer komplexbeladenen, begriffsstutzigen Officer Dixon. Sam Rockwell kann in der Rolle des Muttersöhnchens mit Hang zur Verprügler viele Facetten seines Könnens zeigen, seine Figur, die vielleicht schillerndste im ganzen Film, darf sich denn auch vom Schwarzen-Folterer zum mitfühlenden Nachbarn entwickeln. (Dies tatsächlich einer der Kritikpunkte der US-Presse: Man nutze Rassismus allzu leichtfertig, um die moralische Reise des Dixon-Charakters zu illustrieren …)

Officer Dixon dreht wieder einmal durch: Sam Rockwell mit Woody Harrelson als Polizeichef Willoughby. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

Peter Dinklage spielt gewohnt witzig und geistreich den Ebbing-Einwohner Charles, der Mildred gegen eine Verabredung zum Abendessen ein Alibi nach einem ihrer Ausraster verschafft. Immer wieder überrascht an „Three Billboards …“ die Schärfe mit der die Tragikomödie und der leise Schmerz durch Wut- und Gewaltausbrüche gebrochen werden. In diesen Momenten ist man schockiert und distanziert sich schnell von McDonaghs ironischem Tonfall.

Doch dies nur für Sekunden. Dann hat man begriffen, dass hier kein Platz für good cops und bad guys ist. Dafür ist „Three Billboards …“ zu vielschichtig, zu komplex, es gibt, wie im Leben, keine einfachen Lösungen. „Magischen Realismus“ nennt Frances McDormand im Interview die Art, in der der Film gemacht ist. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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  1. 1. 2018