Landestheater NÖ: Die Flucht ohne Ende

Januar 21, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf der Suche nach der europäischen Identität

Gespielt wird tatsächlich auf engstem Raum: Michael Scherff, Josephine Bloéb und Tobias Artner. Bild: Alexi Pelekanos

Dass er auch ein Meister der kleinen Form ist, heißt: im intimen Spielraum mit bewusst sparsamen Mitteln, beweist Regisseur Felix Hafner am Landestheater Niederösterreich. In der Theaterwerkstatt zeigt er seine fabelhafte Fassung von Joseph Roths Roman „Die Flucht ohne Ende“. 1927 ist dieses Werk entstanden, in dem Roth seinen Protagonisten Franz Tunda auf eine Reise durch halb Europa schickt.

Die abenteuerliche Odyssee des k.u.k.-österreichischen Oberleutnants beginnt mit seiner Flucht aus russischer Kriegsgefangenschaft und führt ihn über Irkutsk und Moskau, über Baku und ein Städtchen am Rhein bis schließlich nach Wien und Paris. Auf seinem Weg wird er sich nicht nur bei einem polnisch-stämmigen Bauern verdingen und Kinobetreiber werden, sondern sich auch der russischen Revolution angeschlossen und mit sogenannten Verstandesmenschen abgerechnet haben.

Frauen kreuzen seinen Weg, Natascha, Alja, Madame G. Irene indes, die Verlobte, wartet daheim nicht auf ihn. Und immer und überall wird Tunda ein Entwurzelter bleiben, ein Fremder, Orientierungsloser, der sich selber die Aussicht aufs Morgen verstellt. Und immer wird ihn seine Suche nach der eigenen Identität auch auf die Europas, auf die Suche nach der „europäischen Kultur“ treiben. Sehr prägnant und sehr zeitgemäß stellt Hafner an seinem Roth gerade diesen Punkt aus.

Madame G. umgarnt Tunda: Josephine Bloéb und Tobias Artner. Bild: Alexi Pelekanos

Und immer wieder Koffer packen: Tobias Artner und Stanislaus Dick. Bild: Alexi Pelekanos

Ein Quartett, Tobias Artner als Tunda, Josephine Bloéb, Stanislaus Dick und Michael Scherff in je einem halben Dutzend weiterer Rollen, fungiert als Erzähler wie Schauspieler. Sie schildern Tundas Schicksal, bis sie es darstellen; die drei treten mit Artner in den Dialog, steigen in die Handlung ein und wieder aus. Der Kniff ist nicht neu, doch Hafner macht damit möglich, dass Roths wunderbare Sprache erhalten bleibt. Als Regisseur hält er die Balance zwischen dessen nüchtern-analytischem Blick auf die Figuren und deren dramatischem Potenzial. Wenige Versatzstücke, eine Kopfbedeckung, eine Jacke, ein falscher Bart, machen klar, wer gerade wen verkörpert.

Das Bühnenbild von Camilla Hägebarth ist eine Landschaft aus Requisitenkoffern und Kisten, auch ein Munitionskoffer ist als Gepäckstück darunter. Wie ein Zauberkünstler seine Trickboxen schieben die Schauspieler sie über die Spielfläche, formen mit ihnen Dörfer und Städte, ein Lichtspielhaus oder eine Moskauer Wohnung. Gespielt wird im Wortsinn aus jeder Luke, und sollen Gewehrschüsse knallen, so tun’s dafür die Kistendeckel. An Fantasie lässt diese Aufführung tatsächlich kaum etwas aus.

Da darf Madame G. in rotes Licht getaucht ein französisches Liedchen trällern, während sie Tunda umgarnt, da gibt es eine famos gemeine Parodie auf die Wiener (Un-)gemütlichkeit, samt bitterböser Alkoholseligkeit und Hommage an das Duo Heller/Qualtinger. Tobias Artner ist als verhalten verzweifelter Tunda gleichsam ein Mann ohne Eigenschaften, ein junger Intellektueller ohne ihn sinnvoll ausfüllendes Dasein. Michael Scherff überzeugt als Charakterdarsteller, ob er nun Proletarier, deutsche Gutbürgerliche oder einen französischen Professor gibt.

Parodie auf die Wiener (Un-)gemütlichkeit: Stanislaus Dick, Tobias Artner, Michael Scherff und Josephine Bloéb. Bild: Alexi Pelekanos

Dass auch feiner Humor Hafners Sache ist, zeigt die Szene mit Tundas Bruder Georg und dessen Frau Klara. Zu ihnen gelangt Tunda schließlich – und Josephine Bloéb und Stanislaus Dick gestalten in partner- schaftlichem Weinrot zwei Prototypen kleinbürgerlicher, kulturbeflissener Existenz. Dass Tunda da mit seinen „bolschewikischen“ Ideen anecken muss, ist klar. Das geht bis ihm die Hutschnur reißt. Ein großartiger Eklat, so großartig wie der ganze Abend.

www.landestheater.net

  1. 1. 2018