Life Guidance

Januar 8, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Optimierung bis zum Anschlag

Fritz Karl gerät als Alexander ins Visier der Agentur. Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

Zu Beginn gleitet die Kamera über das „Schöner Wohnen“ einer wohlhabenden Kleinfamilie. Teure Möbel, exquisite Kleidung, alles ein wenig unpersönlich in dieser sterilen Welt. Da klingelt es an der Tür. Ein Fremder gibt sich als Mitarbeiter einer Agentur aus, die dem Familienvater helfen soll, sich selbst zu optimieren.

Er steht plötzlich mitten im Wohnzimmer und erklärt, der Sohn des Hauses habe angezeigt, der Herr Papa sei vom System nicht so hundertprozentig überzeugt. In weiterer Folge wird der Fremde überall sein, wird die privatesten Rückzugszonen durchforsten und eine Angst erzeugen, deren Ursache gar nicht zu benennen ist. Und der Vater wird sich aufmachen, die Instanz zu suchen, die totalitäre Macht, die hinter diesem Kontrollorgan steht, das sich „Life Guidance“ nennt. So auch der Titel von Ruth Maders aktuellem Film, der am 12. Jänner in den heimischen Kinos anläuft, die beklemmende Zukunftsvision einer bis ins Intimste „gleichgeschalteten“ Gesellschaft – und dabei so nahe am Heute, dass es einen beim Zuschauen fröstelt.

„Life Guidance“ ist ein sperriger, spröder Film, in kühlen Farben gehalten und durchkomponiert bis ins Detail. Selbst die Sprache ist anderes, futuristisch, erinnert ans Orwell’sche Neusprech. Vieles bleibt rätselhaft in dieser Hochglanz-Dystopie, die nicht mehr als die Gegenwart für ein mögliches Morgen hochgerechnet hat. „Das Ende der menschlichen Freiheit“, sagt Ruth Mader“, tritt im Rahmen all dessen ein, was uns vertraut ist: der liberalen Demokratie, des Finanzkapitalismus, der technokratischen Elite von heute.“ Es gruselt einen, wenn ein über den Teppich rollendes Spielzeugkaninchen gerade den einen Satz kann: „Ich sehe deine Leistungen.“

Alexander und Anna haben Gäste. Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

Schöne sterile Welt: Das Büro von Life Guidance. Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

Ja, jeder hat sein Potenzial auszuschöpfen, da fallen einem Sprüche ein, wie die vom selben Boot, in dem alle sitzen, die sich gleichen. Nur sind manche gleicher. Andere völlig ungleich. „Life Guidance“ ist ein hochbrisanter und politischer Film, radikal wie alle Arbeiten von Ruth Mader. In ihm brilliert Fritz Karl als Familienvater Alexander; Florian Teichtmeister spielt den Mitarbeiter von „Life Guidance“, Katharina Lorenz Alexanders Ehefrau Anna, von der man nie weiß, ob sie ihn bespitzelt oder beschützt. In weiteren Rollen sind unter anderem Petra Morzé und Martin Zauner zu sehen.

Und während Fritz Karl als nunmehr stigmatisierter Außenseiter stoisch-sprachlos bleibt, ist Teichtmeister ein beinah schelmisch-charmanter Geist, der immer wieder wie aus heiterem Himmel in die Familie einfällt. Alexander wird in zwei Gegenwelten vordringen. Die eine ist die unautorisierte Zone der von der Gesellschaft als Minderleister und Unterschichtler ausgestoßenen, deren „schlimmste Fälle“ in Schlafburgen mit Psychopharmaka ruhig gestellt werden. Hier findet Alexander kurz ein Gegenmodell zum Turbokapitalismus, kann aber nicht daran festhalten.

Florian Teichtmeister als Agent. Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

Katharina Lorenz als Ehefrau Anna. Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

Die andere ist eine Jagdgesellschaft alter Herren (mit Udo Samel, Johann Adam Oest und Alfons Mensdorff-Pouilly), die ihm die schlimmste Wahrheit über sein Leben eröffnen. Nämlich, dass das alles selbst gewollt ist. Für geheime Wünsche gilt es eben eine Rechnung zu begleichen – und auf der steht: Es ist nicht leicht, dem System zu entkommen, auch wenn man es durchschaut …

Fritz Karl im Gespräch: http://www.mottingers-meinung.at/?p=27811

www.lifeguidance.at

  1. 1. 2018