Life Guidance: Fritz Karl im Gespräch

Januar 5, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Selbstoptimierung ist ein wunder Punkt“

Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

Ab 12. Jänner ist Fritz Karl in dem dystopischen Überwachungsthriller „Life Guidance“ in den heimischen Kinos zu sehen. Der Film von Ruth Mader spielt in der nahen Zukunft, in einer Welt des perfektionierten Kapitalismus.

Die Gesellschaft wird von einer Schicht an Leistungsträgern getragen, von fröhlich-motivierten Menschen einer lichten, freundlichen, transparenten, perfekt funktionierenden Mittelschichtwelt; die sogenannten Minimumbezieher werden in „Schlafburgen“ ruhig gestellt. Die überwältigende Mehrheit der Leistungsträger fühlt sich glücklich und selbstverwirklicht. Für den Rest von ihnen hat man eine outgesourcte Agentur installiert: Life Guidance soll auch sie zu optimalen Menschen machen.

Alexander (Fritz Karl) hat wie die anderen das System verinnerlicht. Ein falscher Satz zu seinem Kind reicht aber aus, und Life Guidance wird eingeschaltet. Ein Agent leitet ihn nun an, „optimal“ zu werden, und dringt immer weiter in sein Leben ein. Alexander beginnt sich aufzulehnen, und in aller Helligkeit und Freundlichkeit tritt ihm das Grauen des Systems entgegen …  Es spielen außerdem Katharina Lorenz und Florian Teichtmeister. Fritz Karl im Gespräch:

MM: „Life Guidance“ gibt vor Science Fiction zu sein, eine Dystopie zu sein, und ist mit seinem Thema der Selbstoptimierung bei gleichzeitigem das Leben aus der eigenen Hand geben doch ganz nahe am Heute. War diese Nähe für Sie ein Anreiz, sich am Projekt zu beteiligen?

Fritz Karl: Es war sicher auch ein Grund. Das Tolle an dieser Geschichte ist ja, dass man immer mehr hineinwächst, und feststellt, das ist gar nicht die mehr oder weniger nahe Zukunft, sondern, dass man sich die Frage stellen muss, wie sehr wir in so einer Situation schon drinstecken. Das Buch hat mir gefallen, auch die Zusammenarbeit mit Regisseurin Ruth Mader. Ich sah mich beim Casting sofort einer Person gegenüber, die genau wusste, was sie wollte. Und mit einer Bedingungslosigkeit, die ich in der Form noch selten von einer jungen Regisseurin erlebt habe, hat sie ihre Ideen umgesetzt. Das fand ich faszinierend, und der Alexander ist natürlich eine tolle Rolle. So etwas zu spielen, in dieser Reduktion und innerlichen Versammlung, das machte schon Spaß.

MM: Wie geht es Ihnen mit dem Thema Selbstoptimierung? Als Schauspieler ist man doch wohl auch ständig damit befasst?

Fritz Karl: Das ist ein wunder Punkt, denn ich bin ein sehr ehrgeiziger Mensch und hasse wahnsinnig Schlamperei in unserem Beruf. Ich habe kein Verständnis mit Kollegen, die am Set erscheinen und den Text nicht gelernt haben, oder nicht vorbereitet sind. Während man sich beim Theater eine Figur während der Proben erarbeitet, muss man beim Film und beim Fernsehen am ersten Drehtag voll und ganz da sein, muss man seine Figur kennen. Daher nutze ich die Vorbereitungszeit, um meinen Charakter so präzise wie möglich zu gestalten, die Rolle so optimal wie möglich zu machen. Da bin ich schon sehr optimiert, wenn Sie so wollen. Ich wünsche mir manchmal, dass ich ein bisschen lockerer sein könnte, aber ich bin besessener Perfektionist. Denn nur der Perfektionismus und das Wissen, dass ich optimal vorbereitet bin, verschaffen mir dann die Freiheiten mich in der Figur zu bewegen.

MM: Apropos, Freiheit: Auch sie ist Thema im Film. Wir sehen eine Upper Class, die ihre Freiheiten für den Komfort ausgibt, die materiell sehr gut lebt – und andererseits in Angst vor dem sozialen Abstieg in die sogenannten Schlafburgen. Wie haben Sie das empfunden?

Fritz Karl: Der Film geht davon aus, dass in diesem Staat die Menschen alle ihre Daten freiwillig hergegeben haben. Wir leben in einer Zeit, die mit diesem „gläsernen Menschen“ schon sehr viel zu tun hat, wenn man schaut, wie viele Daten wir freiwillig oder unfreiwillig herausgeben, welche Gewohnheiten wir über das Internet preisgeben, vom Einkaufen bis zu privatesten Dingen. Da bewegen wir uns schon sehr in diese Richtung wie im Film. Die wirkliche Unruhe, die die Figur Alexander erfasst, ist aber eine andere. Die kommt aus einer Sensibilität und einem Humanismus, die ihm sein revolutionärer Vater mitgegeben hat. Er weiß sehr wohl, dass sein Wohlstand auf Kosten anderer stattfindet. Er weiß aber über die Life Guidance Agentur sehr wenig, darüber weiß seine Frau Anna viel mehr, die mit Menschen zu tun hat, die vom Abstieg betroffen sind. Er fühlt sich lange Zeit relativ sicher, nimmt gar nicht ernst, dass man ihm mit Konsequenzen droht; er ist nicht von Anfang an von Angst getrieben, die entdeckt er erst während des Films. Anfangs lächelt er vieles weg.

MM: Ist dieser Alexander in seiner Verweigerung des Systems ein Verwandter von Winston Smith aus Orwells „1984“?

Fritz Karl: Könnte man so sagen. Nur fühlt sich hier lange jeder glücklich, jeder ist brainwashed vom System. Die Angst, von der Sie sprechen, ist lange nur die Atmosphäre des Films, bevor sie auf die Figuren übergreift. Es braucht für Alexander einen Schritt hinaus, um zu sehen, was man nicht sehen kann, wenn man im System steckt. Das ist ein wichtiges Moment an dieser Figur, als er anfängt zu reflektieren über das, was passiert, über seine Arbeit und über sein Leben. Er erkennt, dass er in seinen Verpflichtungen unglaublich gefangen ist, auch das ein heutiges Motiv: wir haben sehr viel Luxus, wir sind abgesichert, wir werden „beschützt“. Wir leben, obwohl wir das nicht so registrieren, von Angst durchsetzt. Wir müssen mit Helm Radfahren, die Kinder haben ein Handy, damit sie jederzeit erreichbar sind, wir machen Fitness, damit wir gesünder und leistungsfähiger sind – und wehe, wenn nicht, dann kriegst du Herzkranzgefäßerkrankungen! Wo ist da noch der Genuss? Ich will einen schönen Schweinsbraten essen, danach einen Kaffee trinken und eine Zigarette rauchen.

MM: Wir sind noch nicht soweit, dass der Gegenbegriff zu Volksgesundheit „Volksschädling“ lautet.

Fritz Karl: Im Film ist es schon so! Das ist das Interessante in Bezug auf unsere Gesellschaft: Auch uns wird permanent versucht, Angst vor Konsequenzen zu machen, es heißt: das und das ist für eure Sicherheit, dafür müsst ihr aber die und die Freiheit aufgeben, nur weil wir mitten drinstecken, sehen wir das nicht so.

MM: Eine starke Szene ist, als sich herausstellt, dass Alexanders Sohn ihn an die Agentur verraten hat.

Fritz Karl: Ja, man sieht am Anfang des Films, dass im Kindergarten schon alle auf einer Linie sind. Das kennt man aus totalitären Regimen, den Nazis, der DDR, dass die zweite Generation das System schon völlig verinnerlicht hat, dass sie die Eltern an den Pranger stellt. Im Dritten Reich hat man daheim oft nur hinter vorgehaltener Hand getuschelt, damit der HJ-Sprössling nicht erzählt, der Papa hat einen Witz über den „Führer“ gerissen.

MM: „Life Guidance“ ist ein durchgestylter Film …

Fritz Karl: Es ist ein unglaublich durchdachter, bis zum Schluss durchgehaltener, durchgestylter Film. Ich habe so etwas noch nie erlebt, und ich habe wirklich viele Filme gemacht, aber ich war noch nie bei einem Projekt dabei, bei dem jemand so akribisch arbeitet.

Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

MM: … ich vermute, da haben Sie auch an der Darstellungsweise sehr gefeilt. Mir ist aufgefallen, dass die Figuren agieren, als wäre ihnen die Energie abgesogen worden. Das heißt aber nicht schauspielerische Agonie, sondern große Kunst.

Fritz Karl: Es war in erster Linie Ruth Mader, die in den Vorgesprächen schon darauf hingewiesen hat. Wir haben jede Szene probiert, denn so zu spielen, ist wahnsinnig anstrengend, weil man sich unglaublich konzentrieren und versammeln muss. Natürlich würde man immer wieder ganz gern auf etwas zurückgreifen, das man so unglaublich gut in petto hat und das immer gut funktioniert, aber sie hat das sofort weggewischt. Das fand ich eine ganz große Herausforderung an mich als Schauspieler. Ich habe manchmal geflucht und mich geärgert, war sehr emotional, aber sich an dieser starken Regisseurin abzuarbeiten, die bedingungslos auf ihrer Sicht beharrt, und diese Form durchzuhalten, das fand ich eine tolle Aufgabe, das war echt spannend.

MM: Alexander taucht in eine Gegenwelt ab, die unverkennbar als Wiener Arbeiterbezirk zu identifizieren ist. Trifft er dort die „echten“ Menschen?

Fritz Karl: Er trifft die working poor, eine arbeitende Schicht, die gerade so über die Runden kommt. Das haben wir heute auch: Leute, die sehr schnell zu sehr viel Geld kommen, und Leute, die sehr viel arbeiten, aber es gerade mal so schaffen, weil sie nicht adäquat dafür entlohnt werden. Dann gibt es noch die Totalverlierer im Film, die in sogenannten Schlafburgen mit Psychopharmaka ruhiggestellt werden, weil sie aus dem Arbeitsprozess ausgeschieden und unbrauchbar geworden sind.

MM: Und dann gibt es die Jagdgesellschaft, die Gesellschaft alter Männer, die die bestimmende Klasse ist.

Fritz Karl: Die haben das System eingerichtet. Es ist die Schlüsselszene, als diese Herren Alexander erklären, dass alles selbstgewusst und selbstgewollt und selbstgemacht ist. Das ist schon richtig, und für die, die auf der Butterseite sind, völlig okay. Aber die vielen, die das nicht sind, werden unzufrieden werden. Wir sind weltweit sichtlich an einem Punkt angelangt, an dem es große Verschiebungen geben wird, Wanderungen, so dass man sich überlegen muss, wie lange und mit welchen Mitteln wir unser System noch aufrechterhalten werden können. Oder brauchen wir dann militärische oder totalitäre Mittel, um all diese Menschen, die auf unsere Kosten nichts mehr zu fressen haben, hintanzuhalten?

MM: Die Mauern gegen diese Menschen werden schon errichtet.

Fritz Karl: Stimmt. Seit Jahren schon. Ich war im spanischen Ceuta, da gibt es Riesenzäune, damit die Afrikaner nicht rüberkommen. Das gibt es schon sehr lange, das ist aber überhaupt nicht in unseren Köpfen. Ich war für den Wagenhofer-Film „Black Brown White“ dort und habe die riesigen Glashäuser gesehen, in denen günstigst „unser“ Gemüse gezogen wird. Die Menschen, die dort arbeiten, leben in Pappkartons und gehen illegal ihrer Arbeit nach. Das wird aber gedeckt, sonst könnte die Ware nicht so billig sein. Das ist atemberaubend.

MM: Diese vielen Scheren, die auch der Film aufzeigt, die Schere im Kopf, in der Brieftasche, zwischen den Geschlechtern …, wie kann man denen begegnen?

Fritz Karl: Mit Humanismus. Man kann wegschauen oder nur sehen, was in unmittelbarer Nähe ist, oder man kann ein bissl rechts und links schauen und sich fragen, ob es einem mit dem Zustand der Welt gut geht und wenn nein, was man dagegen tun könnte. Ich zum Beispiel koche und esse gern, und ich versuche, das sage ich auch meinen Kindern, bewusst einzukaufen. Zu einem normalen Fleischhauer gehe ich schon lange nicht mehr, ich kaufe lieber „teurer“, aber qualitativ besser und herkunftstechnisch sicher bio. Ich habe das Gefühl, dass wir in einer Phase sind, in der es eine sehr junge Bewegung in der Gesellschaft gibt, die vieles wieder umdrehen will. Es gibt aber auch einen großen Teil, der sagt, für uns rennt’s, alles andere ist egal.

MM: Zu diesem „Hinter uns die Sintflut“ die Frage, wie wichtig ist in „Life Guidance“ der Glaube? Ich weiß, dass ihn Ruth Mader in ihren Arbeiten immer wieder thematisiert …

Fritz Karl: Der Glaube ist ein wichtiges Moment in Alexanders Nächstenliebe. Er zeigt, dass es noch eine andere Geisteshaltung als den Kapitalismus gibt, dass es andere Werte als das Optimieren gibt. Dafür steht für Alexander der Mann mit dem Rosenkranz, der Priester, die ihm wie allegorische Figuren über den Weg laufen.

MM: Wenn wir zu unserem Ausgangspunkt zurückkommen, nämlich, dass sich „Life Guidance“ als Science Fiction tarnt, sind Sie ein Fan dieses Genres?

Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

Fritz Karl: Ja, das mag ich. Von „Alien“ bis zu „Fahrenheit 451“, Philip K. Dick vor allem: „Do Androids Dream Of Electric Sheep?“ – welch ein Titel für eine Geschichte! Der daraus entstandene Film „Blade Runner“ ist einer meiner liebsten. Nur den zweiten Teil habe ich noch nicht gesehen. Ein Freund hat das Original mit seiner Tochter gesehen, und die meinte: Komisch, die haben gar keine Handys …

Philip K. Dick hat für „The Minority Report“ ja auch das Gedankenverbrechen erfunden, also, dass man für eine Tat bestraft wird, die man noch gar nicht begangen hat, auch das ist Thema in unserem Film.

MM: Was kommt von Ihnen als nächstes?

Fritz Karl: Ich drehe gerade „Franz Burda“, und ab März arbeite ich in Bad Aussee an einer Kriegsgeschichte über die Bergarbeiter, die von den Nazis gestohlene Bilder gerettet haben.

www.lifeguidance.at

5. 1. 2018