Neu am Volkstheater: Isabella Knöll

Januar 2, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sie spielt in „Heimwärts“ von Ibrahim Amir

Isabella Knöll. Bild: © www.lupispuma.com/Volkstheater

Wenn sie spricht, wenn sie lacht, dann ist das Ganzkörperaction. Isabella Knöll (mehr: www.volkstheater.at/person/isabella-knoell/), seit dieser Saison neues Ensemblemitglied am Volkstheater, ist das, was man landläufig ein Temperamentsbündel nennt. Mit „Höllenangst“ und „Wien ohne Wiener“ hat die gebürtige Oberösterreicherin schon zwei schöne Publikumserfolge zu verbuchen. Nun steht am Freitag die nächste Premiere an. Ein Gespräch:

MM: Sie haben am 5. Jänner im Volx/Margareten Premiere mit Ibrahim Amirs „Heimwärts“. Möchten Sie kurz erzählen, worum’s geht?

Isabella Knöll: Zusammengefasst kann man sagen, es ist eine politische Komödie. Das macht die Probenzeit bislang sehr spannend. Ich beschäftige mich mit für mich ganz neuen Dingen: Der Geschichte der Türkei, Erdogan und dem Putschversuch, der Situation der Kurden dort. Wir haben uns zwei Wochen reingekniet, Dokus geschaut, viel diskutiert. Auf einer weiteren Ebene geht es dann, wie der Titel schon sagt, um den Heimatbegriff. Welche Bedeutung hat Heimat?

Der Inhalt ist: Wir versuchen Khaleds Onkel Hussein von Wien nach Syrien zu bringen, quasi die Flüchtlingsroute retour, weil er in seiner Heimat begraben werden möchte. Er hat Krebs und stirbt in der Transitzone in der Türkei. Und wir versuchen dann mit der Leiche über die Türkei nach Syrien zu kommen. Auf diesem Backround basieren und entstehen dann die individuellen Probleme, die jede einzelne Figur hat.

MM: Ihre Figur heißt Simone. Wie ist die so?

Knöll: Ich spiele eine Transgenderperson. Simone war vorher ein Mann und hat sich umoperieren lassen zu einer Frau. Ihre Heimatthematik betrifft die eigene Identität. Das ist megaspannend … Ich habe vor Kurzem eine Frau getroffen, die diese sogenannte Transition, diesen Weg gegangen ist, um besser zu verstehen wie das ist. Die größte Erkenntnis war wahrscheinlich, dass Menschen, die sich mit ihrem Geburtsgeschlecht nicht ident fühlen, das meistens schon von klein auf spüren beziehungsweise wissen. Simone ist außerdem Krankenschwester, eine sehr resolute Person, wenn’s drauf ankommt … allerdings auch manchmal zu bemüht. Sie versucht in der Türkei eine Vorzeigefreundin ihres türkisch-österreichischen Freund Osman zu sein, was sie in so einige Fettnäpfchen treten lässt.

MM: Was ist für Sie Heimat?

Knöll: Menschen, definitiv. Ich bin jetzt zum 16. Mal umgezogen, war in Deutschland und in Rumänien zu Hause, ich habe längst kein Kinderzimmer mehr, oder ein Elternhaus. Ich habe also keine Mauern, die ich als Heimat festmachen könnte. Es sind Familie und Freunde, die Heimat sind.

MM: Lassen Sie bei den Proben Tagespolitik in die Arbeit einfließen?

Knöll: Absolut. Wir besprechen viel, was grade um uns passiert. Das sind schon sehr heftige Problematiken, mit denen man sich da auseinanderzusetzen hat. Politische Willkür, Folter, Krieg, Flucht … „Heimwärts“ handelt davon, überzieht die Themen ins Komödiantische, wird sehr absurd … aber das ist Tagespolitik ja auch.

MM: Regisseurin Pinar Karabulut inszeniert zum ersten Mal in Österreich. Wie ist es mit ihr?

Knöll: Toll. Ich mag sie sehr gerne, sie ist eine ganz quirlige Person und hat 1000 Ideen. Sie hat einen türkischen familiären Hintergrund, was bei der Arbeit sehr hilfreich ist, denn es wird im Stück viel Türkisch gesprochen … Ich habe großen Respekt, wie gut die Kollegen das mittlerweile können. Lan!

MM: Lassen Sie uns über Sie sprechen. Sie hatten ihren ersten großen Auftritt mit der Jungen Burg und waren Regieassistentin in Linz. Sie wollten Theater von beiden Seiten kennenlernen?

Knöll: Ja … Das hat sich so ergeben. Ich hab mich damals zum Spaß an der Jungen Burg beworben, das war ein tolles Format, die haben mich dann genommen und wir hatten als „Hysterikon“-Ensemble eine sehr aufregende, narrische Zeit. Später als Regieassistentin, hat´s mich oft gejuckt, da habe ich oft gedacht, „geht’s weg do, i moch des!“ Aber ist von außen immer leichter zu „gschaftelhubern“.

MM: Und wie kam’s zur Entscheidung auf und nicht hinter der Bühne stehen zu wollen?

Knöll: Ich wusste immer, dass ich das machen will. Ich wollte aber vorher noch was anderes studieren und ins Ausland wollt‘ ich auch noch. Also hab ich vorher ein Studium der Kultur- und Sozialanthropologie begonnen und dann in Rumänien als Betreuerin in einem Kinderheim gearbeitet. Danach kam ich zufällig zur Regieassistenz. In der Zeit war ich zwischendurch eh schon immer wieder mal Vorsprechen. Das war schon auch ein breiter Weg. In Frankfurt hat´s dann geklappt, was ein Segen war … Und jetzt … Ich leb‘ ja in Wahrheit grade meinen Traum, weil ich wirklich explizit ans Volkstheater wollte. Ich wusste, da gibt es Aufbruchstimmung, da gibt es Anna Badora, das hat mich gereizt. Und bumm! Jetzt ist es wirklich so …

In „Höllenangst“ mit Luka Vlatković, Günter Franzmeier und Kaspar Locher. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

In „Wien ohne Wiener“ mit Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

MM: Sie sind sehr lebendig. Ich habe Sie zum ersten Mal in „Höllenangst“ gesehen“, …

Knöll: (sie lacht) Die Hüpfrolle.

MM: … da hatte ich den Eindruck, dass Sie eine sehr körperliche Schauspielerin sind. Wie ist das Verhältnis von Bauch und Kopf?

Knöll: Erst im Kopf verstehen, dann im Körper ausrasten. Oder irgendwie so … Das ist auch immer anders. Aber im Bestfall ist beides on board, wie im Leben ja auch.

MM: Sie sind ja bei einem Performancekollektiv. Kommt das daher?

Knöll: Bin ich! Das läuft parallel. Wir haben noch als Studierende ein Kollektiv gebildet: „sisu&company“. Sisu ist ein finnischer Begriff, der als nicht übersetzbar gilt, es ist so etwas wie krankhafter Ehrgeiz. Wir sind sechs junge, theatergeile Leute, und versuchen, wenn wir Zeit haben, uns zu treffen, und gemeinsam etwas zu erarbeiten. Ein Stück haben wir mittlerweile im Repertoire „Sisu“ heißt das, wie wir, ein anderes ist in Vorbereitung. Das läuft dann so, dass wir Auftrittsmöglichkeiten organisieren, unseren Bus das „Nasenmobil“ anstarten, das Bühnenbild reinschmeißen, uns reinschmeißen und geht schon los … Wir probieren aus, Theaterformen, uns selbst … Sisu ist ein bisschen unser Labor.

MM: In „Wien ohne Wiener“ sind Sie auch zu sehen. Wo haben Sie Ihre Musikalität her?

Knöll: Von der Familie sicher nicht. (Sie lacht.) Ich habe immer gern gesungen. Mein erster Hit war „Über jedes Bacherl geht ein Brückerl“, ein Evergreen.

MM: Das heißt, Sie waren von Kindesbeinen weg eine Rampensau.

Knöll: Wenn überhaupt, erst Rampenferkel, dann upgrade zur Sau.

MM: Was macht Sie als Künstlerin aus? Wann geht das Feuer an?

Knöll: Ich kann das gar nicht erklären, wenn’s im Bauch kribbelt, wenn da Bilder losgehen, wenn ich Lust kriege diesen Text zu sagen und zu spielen. Lust ist eh fast alles. Die kommt manchmal ganz von selbst über einen und manchmal muss man sie erst suchen.

MM: Was mögen Sie gar nicht?

Knöll: Kaputte Rolltreppen. Wahnsinnig deprimierend.

MM: Lampenfieber?

Knöll: Furchtbar. Vor allem bei Premieren. Ich kriege alle Zustände, Schweißhände, Wallungen und alles. Langsam bin ich wenigstens auf den Proben nicht mehr ganz so nervös. Ich hatte anfangs großen Respekt vor den erfahrenen Kollegen … Da piepst man so ein bisschen scheu etwas Text vor sich hin und auf einmal kommt einem so richtig Bombe gleich etwas zurück, da war ich anfangs ganz fertig, positiv fertig. Mittlerweile hab ich schon ein bisschen mehr Routine. Seit meinem Einstieg in den Beruf, im Mai, habe ich jetzt etwa 40 Vorstellungen am Volkstheater gespielt … Und ja … langsam kommt das, worauf ich mich von Beginn an sehr gefreut habe und was man halt nicht lernen kann: Berufserfahrung. „Ein Traumjob“, um „Heimwärts“ zu zitieren.

MM: Im März kommt die nächste Premiere. Sie sind die Beatrice in „Viel Lärm um nichts“.

Knöll: Ja … die erste große Rolle. Ich freue mich sehr auf Regisseur Sebastian Schug, auf die Kollegen, mit denen ich bis jetzt noch nicht das Vergnügen hatte, auf die Shakespeare-Gaudi ganz generell. Aber jetzt soll erstmal das Neue Jahr kommen. Neues Spiel, neues Glück. Ich steh voll im Saft.

www.volkstheater.at

2. 1. 2018