Stadtsaal – Thomas Maurer: Zukunft

Dezember 19, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Digital Immigrant sinniert über sinnloses Wissen

Thomas Maurer: Zukunft. Bild: © Ingo Pertramer

Da hat sich einer eine Menge vorgenommen. Thomas Maurer nämlich mit seinem neuen Programm „Zukunft“. Zu dessen Beginn er nicht höchstselbst auf der Bühne erscheint, sondern ein 3D-Hologramm vorschickt, um tagesaktuell über die neuen Regierungsmitglieder und ehemalige, nun vor Gericht stehende zu lästern. Da wird er in den nächsten Monaten vor jedem Auftritt viel zu überarbeiten und zu filmen haben. Kein Wunder, dass die Sache irgendwann abstürzt.

Kritische „Staatskünstler“ will dieser Tage weder der ORF noch finden sie Platz in einem Regierungspapier, das – was? – fünf? Seiten für Kunst und Kultur beinhaltet. Alles muss raus. So auch der Maurer, „der Künstler muss leiden und anwesend sein“, der doch noch leibhaftig im Wiener Stadtsaal erscheint. Gleich mit der ersten Wuchtel, einen steinalten Skoda Octavia hätte er zum Verkauf anzubieten, umgespritzt auf Türkisblau ergo neuwertig, weil warum soll ihm nicht gelingen, was dem Kurz aufgekauft wird, mit seiner Koalition 2.0, die „so sinnvoll ist, wie sich die Milchzähne noch einmal einsetzen zu lassen“.

Doch genug der Politik. Schließlich soll’s hier um echte Utopien gehen. Maurer turnt in den folgenden zwei Stunden durch die schöne, neue Welt der Digitalisierung und spielt dabei alle Schreckens- und Hoffnungsszenarien durch, die Robotik, Deep Learing, selbstfahrende Autos und Jobkillersoftware so mit sich bringen werden. Ganz nostalgisch wird er, wenn er den kürzlich erstandenen, nachgebauten Raumschiff-Enterprise-Kommunikator mit seinem Smartphone vergleicht. Nur, dass ersterer nix kann, wenn man das Gadget nicht via Bluetooth mit dem Handy verbindet.

Ach, Mann hat’s schwer. Und sich zur Ablenkung einen süßen, kleinen Roboterhund namens Chip gekauft, der das Publikum mit ein paar einstudierten Tricks unterhält. Lustig! Doch schon bäumt sich Maurer auf und hält eine Brandrede wider die Entwertung sinnlosen Wissens. Wo kommen wir denn da hin, wenn bei der dritten Flasche Grauburgunder jeder Wikipedia-Wurschtl schneller als er die Frage beantworten kann, warum Ketchup Ketchup und Mayonnaise Mayonnaise heißt?

Bild: © Lukas Beck

Bild: © Lukas Beck

Wer’s nun auch wissen will: Onkel Google fragen! Der und Spotify, Amazon und Co., erkennen ohnehin „viel besser als du, was dir als Nächstes am besten gefällt“ oder was dich zu interessieren hat. Als ob das was wäre, was Zukunft können muss. Komisch. Je länger der Abend dauert, um so mehr stürzt der Kabarettist von der Euphorie in die Dystopie. Er merkt es sogar selbst, und nennt es seine Déformation professionnelle immer ein bissl Teuferl sein zu müssen.

Nach der Pause und einem Philosophieren über Transhumanismus, Kryokonservierung und gentechnische Glanzleistungen zeigt Maurer seine eigene Zukunft. Das mit den 3D-Ichs gefällt ihm. Und so sieht man ihn als Nicht-einmal-Mindestrentner, nicht völlig freiwillig zum Islam konvertierten Alten und strahlend runderneuerten 100-something. Zeitlebens aufgrund des Geburtsjahrs 1967 aber zum Dasein als Digital Immigrant verdammt, muss er seinen Sohn fragen, wenn in der Cloud nichts mehr geht – bis der auch nichts mehr wissen wird. So viel zur „Gruselzukunft“.

Maurer, der seine starken Programme im Jahresrhythmus ins Publikum schießt, offenbar ohne mit der Wimper zucken zu müssen, hat auch diesmal die Lacher auf seiner Seite.

In tiefst Wienerischer Mundart, nie verlegen um das eine oder andere Sch-Wort, legt er höchst intelligent seine Sicht der Dinge dar. Es ist eine Kunst, all die abstrakten „Zukunft“-Ideen in Zugnummern zu verwandeln, und Maurer ist es gelungen. „Was man nicht im Kopf hat, sondern auf dem Handy, muss man nicht im Kopf haben“, sagt er zwar neckisch. Aber man weiß, einer der g’scheit ist, hat das nicht so gemeint.

www.thomasmaurer.at

www.stadtsaal.com

  1. 12. 2017