Robert Menasse: Die Hauptstadt

Dezember 10, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Roman eines großen Liebenden

Dies könnte das Buch eines EU-Gegners sein, das eines großen Satirikers ist es ganz bestimmt. Und das eines großen Liebenden, eines glühenden Europa-Liebenden. Robert Menasse legt mit seinem mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Die Hauptstadt“ eine unterhaltsame Farce über Brüsseler Verhältnisse vor. Die muss man aber erst einmal verdauen. Ein Schwein wird da im Wortsinn zum running gag, rennt im Schweinsgalopp durchs Regierungsviertel, eine Sauwirtschaft ist das, anhand der Menasse klarer als jedes Sachbuch erklärt, wie Wirtschaft in der EU funktioniert. Als Vorarbeit gab’s einen Essay, „Der europäische Landbote“, nach der Theoriearbeit nun den Roman, die Kür.

Menasse macht sich lustig, erklärt aber auch viel. Besser hat man Brüssel noch nie verstanden. Für das Schwein ist jede EU-Abteilung einmal zuständig. Fürs Ferkeln, für das Futter, für die Schlachtung, für die Fleischverarbeitung. Das Schwein ist in aller Munde. Als Glücks- oder Sparschwein, als Nazischwein, als Drecksau, als Judensau. Darauf wird noch zu kommen sein. Einer der Protagonisten des Buches führt in Österreich einen Schweinemastbetrieb.

Deren fast ein Dutzend führt Menasse ein, in Parallelgeschichten, die sich zum Teil verweben, zum Teil auch nicht. Es gibt einen katholisch-polnischen Mörder, Mateusz Oswiecki, einen jüdischen Pensionisten, David de Vriend, der als Kind von dem Deportationszug sprang, der seine Eltern ins Gas brachte, und einen Kommissar Brunfaut, dessen Familie im antifaschistischen Widerstand war, und der den Mordfall aus politischen Gründen zu den Akten legen muss. Das Blut, das Europa geboren hat, schwappt von unten in die humoristische Szenerie.

Bild: pixabay.com

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Und da ist das Big Jubilee Projekt. Die Kommission will ihr Image mit einem Festakt aufpolieren. Fenia Xenopoulou, die Fremde, die Beamtin in der ungeliebten Generaldirektion Kultur, will damit ihre Karriere aufpeppen. Sie beauftragt Martin Susman, kleiner Bruder des Schweinezüchters. Der will die letzten Holocaustüberlebenden einladen. Menasse versteht Europa als nachnationales Friedensprojekt. Nichts kann dieser Tage wichtiger sein. Europa – entstanden als Idee des „Niemals vergessen!“, des Niemals wieder Nationalismus als Nährboden für Faschismus und Nationalsozialismus. Klar, dass einige Nationalstaaten gegen die Idee aufbegehren …

Menasse ist als Erzähler göttlich komisch, allein seine U-Bahn-Beschreibungen, „die mechanisch sich bewegenden Menschenströme, die über Rolltreppen stapften, die außer Betrieb waren, sich weiterschoben durch die mit Sperrholz verschachtelten, verdreckten Korridore der ewigen Baustellen des Untergrunds, vorbei an den Pizzaschnitten- und Kebab-Verschlägen …

… schließlich der Windkanal des Aufstiegs zur Straße, hinauf in ein Tageslicht, das nicht mehr vordringt in die trübe Seele“, ist ein Marionettenspieler, der die Fäden aber auch zeigt, sein Buch frech, witzig, raffiniert gebaut. Die komplexe Erzählweise, die Struktur spiegelt die Struktur der europäischen Union wider. Der Roman verzahnt sich wie die Abteilungen, Abkürzungen, Positionen, Prä-Positionen, wie Gremien im Kampf gegeneinander und die Mitarbeiter beim Intrigenspiel. Menasse zeigt nicht nur, dass die EU literaturfähig ist, sondern einen polyglotten Kosmos mit Figuren aus Fleisch und Blut.

Unglaublich, wie empathisch er sich in seine literarischen Geschöpfe einlebt, deren Biografien er erst nach und nach enthüllt. Er geht von den Mechanismen zu den Menschen, immer geht es ihm um zwei Agenden: die Sachagenda und das eigene Fortkommen. „Mrs Atkinson studierte die Papiere, Tabellen, Prozentrechnungen, Graphiken, Statistiken, und sie fragte sich, wie es zu diesem dramatischen Vertrauensverlust in die Institution hatte kommen können …  Bezeichnend fand sie, dass es keine Kritik an den eigentlichen Aufgaben der Kommission gab, offenbar waren diese den Menschen gar nicht bekannt.“ Robert Menasses „Die Hauptstadt“ ist ein Werk an dessen Nacherzählung man nur scheitern kann, was bedeutet, dass man es gelesen haben muss.

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Eine faszinierende Figur ist Alois Erhart, Wiener Emeritus für Volkswirtschaft, und als solcher in einen Think-Tank der Kommission eingeladen. Den er mit seiner Rede sprengt, weil seine Sorge einer Zeit gilt, in der Politiker das Sagen haben, denen der europäische Gründungsgedanke so weit entfernt ist wie eine gute Kinderstube. „Aber dann? Wenn der Letzte gestorben sein wird, der bezeugen kann, aus welchem Schock heraus Europa sich neu erfinden wollte – dann war Auschwitz für die Lebenden so weit abgesunken wie die Punischen Kriege.“

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  1. 12. 2017