Kammerspiele: Pauline Knof im Gespräch

November 18, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

In „Terror“ ist sie die Kampfpilotin

Pauline Knof (zweite von links) mit Gioia Osthoff, Martina Stilp-Scheifinger, Julia Stemberger, Susa Meyer, Alexandra Krismer und Silvia Meisterle. Bild: Jan Frankl/Background: Crown Copyright/www.defenceimagery.mod.uk

Am 23. November hat an den Kammerspielen der Josefstadt „Terror“ Premiere. Ferdinand von Schirachs Erfolgsstück behandelt ein moralisches Dilemma in erschreckend aktueller Form: Ein Terrorist entführt ein Flugzeug mit 164 Menschen an Bord. Sein Ziel ist ein mit 70.000 Menschen vollbesetztes Fußballstadion. Kampfpilotin Lara Koch trifft entgegen ihrer Befehle eine Entscheidung: Sie schießt das Flugzeug ab und wählt somit „das kleinere Übel“. Das bringt sie vor Gericht. Einem, bei dem das Publikum als Schöffen allabendlich entscheidet, ob sie falsch oder richtig gehandelt hat. Pauline Knof spielt die Kampfpilotin. Ein Gespräch:

MM: In den Kammerspielen wird „Terror“ ausschließlich von Frauen gespielt. Wie hat Regisseur Julian Pölsler Ihnen diese Entscheidung erklärt?

Pauline Knof: Im deutschsprachigen Raum wurde das Stück noch nie in einer anderen als der Original-Besetzung gespielt. Die erste Idee war, nur aus dem Kampfpiloten eine Frau zu machen, aber dann im Laufe der Vorbereitungen, kam Julian darauf, alles mit Frauen zu besetzen, um zu schauen, was dann mit dem Stück passiert, und ob sich die Wahrnehmung verändert.

MM: Julian Pölsler macht zum ersten Mal eine Theaterregie …

Knof: … und das sehr gut. Er ist vorbereitet, er weiß genau, was er will. Er ist lieb mit uns und legt großen Wert darauf, dass wir in der inhaltlichen Auseinandersetzung gemeinsam zu Entscheidungen kommen, er ist sehr darauf bedacht, unsere Meinung zu hören. Interessant für uns als Ensemble ist, dass Julian von Hause aus Filmregisseur ist und damit natürlich einen neuen Blickwinkel einbringt.

MM: Wie geht es Ihnen als Frau mit einer Rolle, die für Männer geschrieben worden ist?

Knof: Ich denke inzwischen nicht mehr darüber nach, dass es keine Frauenrolle ist. Ich wüsste auch gar nicht wie mir das helfen soll.  Ich habe die Verfilmung mit Florian David Fitz als Kampfpiloten gesehen, da wusste ich noch nicht, dass ich die Rolle spielen werde, und als ich es wusste, habe ich mir eine Aufführung in Frankfurt am Main angeschaut. Als ich den Text schlussendlich in der Hand hatte, dachte ich, dass das so aggressiv klingt, wenn ich das laut spreche, was mir nie aufgefallen ist, als die Männer gespielt haben. Ich glaube, Frauen formulieren mehr im Konjunktiv, weicher und verbindlicher. Frauen, auch wenn wir miteinander reden, wollen gemocht werden vom Gegenüber, suchen den Konsens. Ich selber, wenn ich um etwas bitte, mache sprachlich noch drei Schleifen drumherum. Männer reden so einfach nicht, die sprechen geradeaus und klar. Ausnahmen bestätigen die Regel natürlich, aber ich bin schon gespannt, wie das Publikum darauf reagieren wird.

MM: Wie haben Sie Text und Figur nun für sich erarbeitet?

Knof: Da ich mich weder mit Militär noch mit Gerichtsverhandlungen auskannte, bin ich in die Recherche gegangen. Ich habe also endlos gelesen und mir Dokumentationen angeschaut über die  Kampfpilotenausbildung, den Eurofighter und alle technischen Begriffe, die im Stück fallen. Den Piloten scheint es in erster Linie ums Fliegen zu gehen, und die zivile Luftfahrt reicht nicht aus um diese Adrenalinsucht zu befriedigen. Allein im Eurofighter zu sitzen, diese Wahnsinnsmaschine zu beherrschen, diese Manöver zu fliegen, das scheint das Größte für sie zu sein. Ich habe den Eindruck bekommen, dass der Kampfeinsatz als notwendiges Übel gesehen wird, um auf diesem Niveau fliegen zu können.

MM: Die Ausbildung gehört ja zu den härtesten der Welt, nur einer von 10.000 Bewerbern wird am Ende den Eurofighter fliegen, heißt es im Stück.

Knof: Das ist Hochleistungssport, so eine Maschine zu fliegen, die sind mit Mitte Dreißig, Anfang Vierzig durch. Im Cockpit wirken G-Kräfte, das heißt das Vielfache des eigenen Körpergewichts, eine extreme Belastung vor allem für die Wirbelsäule. In Deutschland gibt es zwei Frauen, die Kampfpilotinnen sind, eine von ihnen, Nicola Baumann, wurde gerade bei der NASA aufgenommen und wird hoffentlich die erste deutsche Frau im All.

MM: Diese Lara Koch, die Sie gestalten werden, wie ist die? Beim Lesen des Textes nicht unbedingt sympathisch, die spricht Sätze, da dreht sich einem der Magen um …

Knof: Ich muss die Figur verteidigen. Ich darf nicht den Hauch eines Zweifels haben, dass ich das Richtige getan habe, wenn ich in diese Gerichtsverhandlungen gehe. Ich habe eine rationale, keine emotionale Entscheidung in der Luft getroffen.  Für mich stellt sich die Frage der Sympathie also nicht. Ich muss als Figur der Lara Koch inhaltlich überzeugen, eine bestimmte Geisteshaltung aufzeigen. Ich möchte in der Aufführung nicht damit punkten, dass ich eine Frau bin, oder dass Lara Mutter eines Sohnes ist. So möchte ich nicht gewinnen.

MM: Es geht Ihnen ums Gewinnen?

Knof: Als Pilotin auf jeden Fall. Als Schauspielerin nicht. Im Stück geht es um das Ausloten des kleineren Übels. Ein Zivilflugzeug wird entführt, die Eurofighter steigen auf, um das Flugzeug zu begleiten und zur Landung zu zwingen. Doch der Terrorist lässt sich nicht abdrängen und gibt sein Vorhaben nicht auf, die Maschine in ein vollbesetztes Stadion zu lenken. Die Kampfpiloten kommen in eine Lose-Lose-Situation. In dem Moment ist Lara Kochs Schicksal schon entschieden, denn wenn sie schießt, tötet sie Zivilisten, und wenn sie die Maschine ins Stadion krachen lässt, auch. Dazu kommt, dass, sobald sie schießt und gegen den Befehl der Vorgesetzten verstößt, ihre Karriere vorbei ist, sie wird wahrscheinlich nie wieder auch nur eine Zivilmaschine fliegen dürfen.

MM: Ist sie so rational in dem Moment, in dem sie abdrückt, dass ihr das durch den Kopf geht?

Knof: Ja. Dazu gibt es Anhaltspunkte im Verlauf des Abends, über die ich noch nichts verraten will. Der Text ist ja relativ emotionslos, bis auf eine Reaktion von Lara, die die Staatsanwältin aus ihr herausholt. Das Problem ist, dass der Krieg zu uns kommt, dass wir nicht mehr nur nach Afghanistan fahren und dort, weit weg, einen Krieg führen. Sondern wir kommen in unserem eigenen, vermeintlich friedlichen Land in die Situation, solche Entscheidungen treffen zu müssen. Daher finde ich, dass der Titel „Terror“ in zwei Richtungen geht, denn es ist nicht nur der Terror der Terroristen, sondern auch der Terror, den wir unserer eigenen Bevölkerung eventuell antun müssen. Wie kann der Staat seine Zivilisten schützen, müssen die Gesetze sich ändern, weil sich die Art der Kriegsführung geändert hat? Was wird aus unserer Freiheit, wie kann man sie schützen, wieviel ist sie uns wert? Das sind auch die Fragen des Abends.

MM: Das Publikum fungiert gleichsam als Schöffen und fällt am Schluss das Urteil. „Terror“ ist kein typisches Kammerspiele-Stück. Fiel die Entscheidung fürs Haus, weil der Raum intimer ist, und man Abstimmungen besser vornehmen kann?

Knof: Das weiß ich tatsächlich nicht. Ich nehme es an. Eine Durchmischung ist sicher nicht schlecht, so dass man nicht oben im 8. Bezirk nur die ernsten Stücke und unten im 1.  ausschließlich die Komödien spielt. Wir haben ja auch eine klassische Komödie „Wie man Hasen jagt“ im großen Haus und das läuft sehr gut. Außerdem glaube ich, auch wenn wir in „Terror“ ein ernstes Thema ansprechen, dass der Abend unterhaltsam wird. Unsere Aufgabe ist es, die Aufführung so spannend zu machen, dass die Leute an der Stuhlkante sitzen und der Entscheidung, die sie selbst treffen müssen, entgegenfiebern. In Frankfurt musste ich selber im Publikum entscheiden, ob schuldig oder unschuldig und das macht schon was mit einem.

MM: So gut wie Sie spielen, wird die Entscheidung ausfallen.

Knof: Ich glaube fest daran, dass beide Sichtweisen auf die Problematik gute Argumente liefern. Persönlich finde ich unbedingt, dass die Verfassung geschützt werden muss. Es hat zwei Weltkriege und Millionen von Opfern erfordert, dass wir heute diese Verfassungen haben und die gilt es 100-prozentig zu verteidigen. Die Würde des Menschen wird ständig angetastet, aber die Unantastbarkeit steht am Anfang unserer Verfassung, das ist der Leitsatz, das Ideal, das wir uns als Gesellschaft gegeben haben. Mord ist Mord – egal, ob an 164 oder an 10.000 Menschen. Was im Stück allerdings gar nicht diskutiert wird, ist das Strafmaß im Falle einer Verurteilung.

MM: Stimmt. Es geht nur eine ultimative Entscheidung, um Ja oder Nein.

Knof: … und so funktioniert unser Rechtssystem nicht. Beweggründe zur Tat werden in den Schuldspruch einbezogen. Bei so einem Fall würden auch nicht Schöffen, sondern Richter entscheiden, es ginge ja auch um einen Präzedenzfall. Das Urteil hätte in der Realität eine enorme Reichweite und Bedeutung. Die „Höchststrafe“ für mich auf der Bühne ist nur, dass man mich die ganze Zeit sitzen lässt, mein Körper hält dieses Nicht-Bewegen fast nicht aus. Mein Spieltrieb ist völlig ausgebremst. Aber es ist eine interessante Erfahrung, viel darstellen zu wollen mit minimaler Gestik. Die Uniform unterstützt mich darin natürlich sehr.

MM: In der Fiktion, welche Entscheidung wünschen Sie sich, welche Diskussion möchten Sie auslösen?

Knof: Es gibt eine interaktive Weltkarte (terror.theater/), auf der man nachschauen kann, wo in der Welt wie abgestimmt wurde in den verschiedenen Inszenierungen. Da ist auffällig, dass es im deutschsprachigen Raum meistens sehr deutlich Freispruch ist, in den asiatischen Ländern ist meistens schuldig. Ich finde ein Abend ist ein guter Abend, wenn die beiden Lager gleich stark sind, mein Ehrgeiz ist es, näher an die 50:50 ranzukommen. Ich will, dass die Zuschauer die ganze Zeit mental in Bewegung sind, bis sie die beiden Plädoyers gehört haben, und dass Ihnen dann die Entscheidung erst recht schwerfällt. Außerdem bin ich gespannt, wie die Männer im Publikum reagieren, wenn eine Frau so sachlich, direkt und unemotional spricht. Und ich freue mich auf die anstehenden Publikumsgespräche.

MM: Sie sind als Schauspielerin sehr breit aufgestellt. Sie spielen an der Josefstadt die Komödie, „Wie man Hasen jagt“, im Mitterer-Abend „Galápagos“ eine Pionierin und Bäuerin, jetzt „Terror“ … Ist das eine Qualität der Josefstadt, dass man so vielfältig arbeiten kann?

Knof: Die Josefstadt und die Kammerspiele haben tatsächlich eine große Bandbreite. Es gibt viele Uraufführungen, österreichische Autoren, Klassiker, Komödien und Musicals. Es ist tatsächlich das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich so unterschiedlich zeigen kann. Als Anfängerin ist man oft das „junge Mädl“, also: hoffen und bangen und weinen. Nun bin ich 15 Jahre im Beruf und die Rollen werden vielfältiger und interessanter. Ich bin da der Josefstadt und Herbert Föttinger sehr dankbar, dass man mir zutraut die Kampfpilotin zu sein. Ich liebe diese Abwechslung in der aktuellen Spielzeit. Wir sind ein tolles Ensemble, wir spielen alle sehr viele Vorstellungen miteinander, das ist ja auch Lebenszeit und die wird mir von Jahr zu Jahr teurer. Also abgesehen von „Terror“ welches ein interessantes Stück ist, bin ich dankbar, von sechs starken Frauen am Abend umgeben zu sein und dieses Stück mit ihnen durch die Spielzeit zu bringen. Als nächstes kommt Mitte März „In der Löwengrube“, das ist wieder eine ganz andere Thematik. Steffi Mohr macht wieder ein Felix Mitterer Stück, und wir führen unsere Zusammenarbeit nach „Galápagos“ fort. Ich spiele die „Diva der Josefstadt“, denn der Fall hat sich in der NS-Zeit ja tatsächlich hier ereignet. Das wird das Kontrastprogramm zur Kampfpilotin und zur Leontine in der „Hasenjagd“.

MM: Also wunschlos und glücklich?

Knof: Ich bin da einfach gestrickt. Ich hoffe, wir bleiben alle gesund, haben schöne Arbeit und das Publikum mag, was wir tun.

www.josefstadt.org

18. 11. 2017