Nestroy-Preis 2017: Die Gewinner

November 14, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus der Krise entsteht ein Gemeinschaftsgefühl

Kirsten Dene erhielt den Preis für ihr Lebenswerk. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Das Volkstheater kann sogar eine ORF-Übertragung aufhalten. So geschehen gestern Abend bei der Nestroy-Gala im Ronacher, als Birgit Stöger spontan und minutenlang Standing Ovations vom Auditorium bekam. Damit blieb sie nicht die einzige, denn natürlich erhob sich das Publikum auch, um Lebenswerk-Preisträgerin Kirsten Dene die Ehre zu erweisen. Und ein drittes Mal für den mit dem Spezialpreis ausgezeichneten Michael Turinsky.

Der im Rollstuhl sitzende Künstler, der den Preis mit Choreographin Doris Uhlich für die Performance „Ravemachine“ erhielt, hatte sich in seiner Dankesrede gegen Ausgrenzung und Hierarchisierung von Menschen und für mehr Solidarität ausgesprochen. Stöger erinnerte an den irakischen Flüchtling Yussuf, der die im Vorjahr ausgezeichnete „Lost and Found“-Produktion des Volkstheaters inspiriert habe und seither ein guter Freund sei.

Montagmorgen hat er einen negativen Asylbescheid erhalten: „Wenn der Staat ihn abschiebt, kommt dies einem Todesurteil gleich.“ Kulturminister Thomas Drozda kündigte daraufhin an, sich als „eine meiner letzten Amtshandlungen“ den Bescheid „noch einmal genau anzusehen“.

Auch sonst war die Verleihung der Nestroy-Preise emotional und politisch wie lange nicht mehr. Burgtheater-Direktorin und Schirmherrin der Veranstaltung Karin Bergmann hatte als Motto die Themen „Wie gefährlich/gefährdet ist die Kunst?“ ausgegeben – und gleich einmal mit einem Riesenproblem zu kämpfen. Kam doch die Moderation von Nikolaus Habjan, Regina Fritsch und Manuela Linshalm nach Texten von Julya Rabinowich nicht zustande. Ein Umstand, den Bergmann nur mit dem Satz „Künstler haben immer recht“ kommentierte.

Und so suchte sie sich neue Mitstreiter, wie die Bundesländerkollegen Marie Rötzer (die über Ungarns Staatsfeind Nr. 1., Árpád Schilling berichtete, der am Landestheater Niederösterreich gerade seine neue Inszenierung vorbereitet), Iris Laufenberg und Florian Scholz als Moderatoren, und ließ sich von Maria Happel und Michael Niavarani humorvoll unterstützen. Ein weiterer Höhepunkt des Abends war es, als Niavarani gemeinsam mit Doyen Otto Schenk die Preise für den Nachwuchs verlieh. Bei der Doppelconférence der beiden tobte das Ronacher.

Autor Ayad Akhtar war extra aus den USA angereist, um den Preis für sein Stück „Geächtet“ entgegenzunehmen. Und last, but not least gab David Schalko eine Groteske über die Hassliebe von Kulturministerium und Künstler zum Besten. Die Sorge, in der kommenden Regierung werde es ein solches gar nicht mehr geben, stand die ganze Zeit über im Saal. Und so entstand aus der doppelten Krise ein Gemeinschaftsgefühl, ein Abend, an dem die große österreichische Theaterfamilie zusammenrückte und sich endlich wieder einmal gesellschaftlich relevant äußerte, statt sich bloß abfeiern zu lassen. Joachim Meyerhoff, der als Bester Schauspieler geehrt wurde, brachte es auf den Punkt: „Dass es so ein überraschend schöner Abend wird, hätte ich nicht gedacht, und ich war ja schon öfter hier.“

Die Preisträger:

Beste Regie und Beste Schauspielerin für „Die Verdammten“: Andrea Jonnasson mit André Pohl. Bild: Erich Reismann

Bester Schauspieler: Joachim Meyerhoff in „Die Welt im Rücken“. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Beste Darstellung einer Nebenrolle: Birgit Stöger (mit Evi Kehrstephan) in „Der Menschenfeind“. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Beste Off-Produktion: „Holodrio – Lass mich Dein Dreckstück sein“. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

ORF III-Publikumspreis: Max Simonischek (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23491)

Bester Nachwuchs: Felix Hafner als Regisseur für „Der Menschenfeind“ von Molière, Volkstheater (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24272) und Maresi Riegner als Helen Keller in „The Miracle Worker“ von William Gibson, Theater der Jugend und als Hedvig in „Die Wildente“ von Henrik Ibsen, Theater in der Josefstadt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24871)

Beste Darstellung einer Nebenrolle: Birgit Stöger als Arsinoé in „Der Menschenfeind“ von Molière und als Erna in „Kasimir und Karoline“ von Ödön von Horváth, Volkstheater  (Rezensionen: www.mottingers-meinung.at/?p=24272, www.mottingers-meinung.at/?p=24300)

Spezialpreis: Doris Uhlich und Michael Turinsky für Inklusion auf Augenhöhe in der Performance „Ravemachine“, Koproduktion von brut und WUK performing arts mit insert (Theaterverein)

Bestes Stück – Autorenpreis: Ayad Akhtar für „Geächtet“, Burgtheater (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23688)

Beste Off-Produktion: „Holodrio. Lass mich Dein Drecksstück sein!“ nach André Heller, Inszenierung Thomas Gratzer, Theater Rabenhof (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23973)

Beste Bundesländer-Aufführung: „Der Auftrag: Dantons Tod“ mit Texten aus Heiner Müllers „Der Auftrag“ und Georg Büchners „Dantons Tod“, Inszenierung Jan-Christoph Gockel, Schauspielhaus Graz

Beste Ausstattung: Katrin Brack für „Carol Reed“ von René Pollesch (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24824) und „der herzerlfresser“ von Ferdinand Schmalz (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23378), Akademietheater

Beste Regie: Elmar Goerden mit „Die Verdammten“ nach dem Film von Luchino Visconti, Theater in der Josefstadt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23553)

Bester Schauspieler: Joachim Meyerhoff in „Die Welt im Rücken“ nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Melle, Akademietheater (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24338

Beste Schauspielerin: Andrea Jonasson als Freifrau Sophie von Essenbeck in „Die Verdammten“ nach dem gleichnamigen Film von Luchino Visconti, Theater in der Josefstadt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23553)

Beste deutschsprachige Aufführung: „Die Räuber“ von Friedrich Schiller, Inszenierung Ulrich Rasche, Residenztheater München

Lebenswerk: Kirsten Dene

www.nestroypreis.at

  1. 11. 2017