TAG: Johanna. Eine Passion

November 9, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Heldin, Heilige, Hirnverbrannte, für manche sogar Hure …

Verkauft für ein Butterbrot, wird Johanna der Prozess gemacht: Raphael Nicholas, Lisa Schrammel und Jens Claßen. Bild: ©Georg Mayer

Friedrich Schiller kommt vielleicht auch vor. „Der die Verwirrung sandte, wird sie lösen! /Nur wenn sie reif ist, fällt des Schicksals Frucht!“, ist das nicht vom alten Fritz? Es ist nicht so leicht, aus Christian Himmelbauers Textcollage die eine oder andere Stimme herauszuhören. Was auch nie im Sinne des Erfinders war.

Der Autor, Regisseur und Leib-und-Seele-Dramaturg Himmelbauer legt am TAG mit „Johanna. Eine Passion“ so ziemlich jede Interpretation der Jungfrau von Orléans vor, der er irgend habhaft werden konnte. Jeanne d’Arc, das Bauernmädchen aus Domrémy, das in den Hundertjährigen Krieg aufbrach, um für den Dauphin die Briten und Burgunder zu besiegen und ihn als Karl VII. krönen zu lassen, ist Heldin, Heilige, Hirnverbrannte, für manche sogar Hure. Geschickt montiert Himmelbauer medizinische, psychoanalytische, religiöse und schriftstellerische Spekulationen zu einem tatsächlich als solches funktionierenden, wenn auch ein wenig aseptischen Stück.

Er greift zurück auf „Der Prozess der Jeanne d’Arc zu Rouen 1431“, einem Hörspiel von Anna Seghers aus dem Jahr 1937. Und natürlich Voltaire. Dessen erotisch-spöttische Persiflage in 16 Gesängen „La Pucelle d`Orléans“ wird von den Darstellern genussvoll vorgetragen. Ein nicht Lächerlich-, aber Lachen machen über den Mythos. Wie Jens Claßen, Raphael Nicholas und Georg Schubert da als sexbesessener Kronprinz, Flagellanten, gestrenge Richter und Nicholas gar als luziferischer Mönch über die Bühne hopsen, das ist ein mitunter recht zotiges Kasperletheater. Übersprungshandlungen, mag man vermuten, männlich motivierte, wenn die Herren der Schöpfung das ewig Weibliche nicht zu fassen kriegen. Was jenseits ihres Wissenshorizontes liegt, was weder erfass- noch erfahrbar ist, muss klein, kleiner gemacht, vernichtet werden.

Voltaire, ein Engel und der Dauphin: Jens Claßen, Raphael Nicholas und Georg Schubert. Bild: ©Georg Mayer

Der Brief an die Engländer: Echt oder gefälscht? Georg Schubert, Raphael Nicholas und Jens Claßen. Bild: ©Georg Mayer

Im Gegensatz dazu steht sie da wie ein Steinmarterl, aufrecht, klar und kühn, trotz aller Fesseln stark und standhaft, Lisa Schrammel als das Symbol gewordene Menschenkind. Ihre Johanna spricht in dieser Produktion ausschließlich mit den historisch überlieferten Originalaussagen, die sie in ihrem Prozess von sich gegeben hat. Am Ende war trotzdem der Scheiterhaufen. Aber es erstaunt zu hören, wie klug sich diese einfache Frau gegenüber 60 Inquisitoren, Juristen, Theologen, Scholastikern, detailversessenen Haarspaltern verteidigte.

Auf die Fangfrage „Johanna, seid Ihr gewiss, im Stande der Gnade zu sein?“ antwortete sie „Wenn ich es nicht bin, möge mich Gott dahin bringen, wenn ich es bin, möge mich Gott darin erhalten!“ Jede andere Antwort wäre ihr als ketzerische Anmaßung ausgelegt worden. Schrammel, sehr vehement in ihrem Spiel, ist mit derlei Sätzen, Johannas heute so zu nennender emanzipatorischer Rede, so gar nicht eingeschüchtert oder einzuschüchtern, Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung. Die Himmelbauer in einen steril-weißen Gerichtssaal mit immer näher rückenden Pulten verlegt hat.

Dahinter eine Vidiwall für Großaufnahmen; jene Männer, die ihr den Tod bringen werden, sind auch die Einflüsterer, Johannas „Stimmen“. In diesem Setting ist, was er erzählt, die Schilderung eines weiblichen Kampfes, des weiblichen Aufbegehrens gegen das vorherrschende Dikat. Denn was der Löwenherzin vorgeworfen wird, dockt in seiner Totalheit an die verquere Jetztzeit an: 1. Die Kleidung. 2. Das Handeln. 3. Der Sieg. ER kann nicht gewollt haben, dass das Weib sich wie ein Mann gebärdet, und weiß sie denn nicht, dass sie diesem damit die Männlichkeit raubt, mit ihrer Vermischung der Geschlechter?

Ein Waterbording-Exorzismus bricht „der Heiligen Mutter ihr Kindchen“: Jens Claßen, Georg Schubert, Lisa Schrammel und Raphael Nicholas. Bild: ©Georg Mayer

Geil umkreisen die drei ihr Opfer. Deklinieren Diagnosen durch. Gehirnabszess, Pseudohermaphroditismus, paranoide Schizophrenie, symbolischer Exhibitionismus. Und Himmelbauer mischt noch mehr „Fakten“ in seine Fiktion. Johannes Brief an die Engländer wurde gefälscht. Sie ist in Wahrheit der uneheliche Sohn einer Pariser Adeligen. Auf dem Scheiterhaufen wurde eine andere verbrannt. Sie/er selbst heiratete eine(n) Grafen/Gräfin und zog sich vom Militärdienst zurück …

So prasselt’s über einen herein, und es ist schade, dass ein Text, der freilich keine Antworten geben kann und will, auch keine Fragen stellt und sich nicht kanalisiert. Ein anderer Autor, TAG-Chef Gernot Plass, philosophiert auf dem Programmzettel über die Blackbox Jeanne d’Arc und darüber, „was Frauen und Mädchen in dieser Welt von Männern angetan wird, wurde, und weiterhin angetan werden wird“, „ein monströser Berg von Herrschaft, Gewalt, Ausbeutung und Nötigung“. – „Johanna. Eine Passion“ als erster dramatisierter Beitrag zu #MeToo. Siehe, wie sich nichts geändert hat. Alles ist mehr oder minder more of the same.

Als Claßen, Nicholas und Schubert mit einer Art Waterbording-Exorzismus beginnen, knickt die Jungfrau ein. „Der Heiligen Mutter ihr Kindchen“ überlässt sich dem männlichen Urteil. Schlüpft in Minirock und High Heels, eine Gewandung, die sie 80 Minuten zuvor für sich noch abgelehnt hatte. Ein plakatives Schlussbild. Rauch steigt auf, doch nicht auf der Bühne, sondern im Raum auf der Vidiwall, wo die Männer mittlerweile mit Bier ausgestattet dem Feuerspektakel beiwohnen wollten.

Trailer: vimeo.com/241286356

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