Colson Whitehead: Underground Railroad

November 5, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Opfer des amerikanischen Imperativ

Die Underground Railroad gab es tatsächlich. Sie war ein Netzwerk aus Gegnern der Sklaverei, Schwarzen wie Weißen, das Sklaven auf der Flucht aus den Südstaaten der USA in den Norden und ins sichere Kanada half. Mit geheimen Routen, Schutzhäusern, Fluchthelfern und geheimer Kommunikation gelang es, zwischen 1780 und 1862 etwa 100.000 Sklaven zu befreien. Das Netzwerk erhielt seinen Namen, weil man sich seit den 1850er-Jahren Metaphern aus der Welt der Eisenbahn bediente, um verschlüsselte Botschaften zu übermitteln.

So war ein conductor ein Fluchthelfer, station hieß eine Unterkunft für Flüchtlinge auf dem Weg, die Flüchtenden wurden als passengers bezeichnet. Diese historische Tatsache macht sich US-Autor Colson Whitehead für seinen Pulitzerpreis-gekrönten Roman „Underground Railroad“ zunutze. Gekonnt mischt er Fakt und Fiktion, Realismus und Fantastik und erfindet eine veritable unterirdische Eisenbahn, mit der die Sklavin Cora in die Freiheit zu gelangen hofft. Cora ist nicht nur ein geknechtetes, geschlagenes Menschenwesen, sondern auch eine allegorische Figur. Wie sie sich selbst nennt, „eine Passagierin in der Welt der Weißen“.

An ihrem Beispiel schildert Whitehead alle Schreckensszenarien, die einem Sklaven begegnen konnten. Ihm sei, sagte er dazu in einem Interview, die Wahrheit wichtiger als die Tatsachen. Sein Buch ist ein Aufschrei, ein Schlachtruf. Black lives matter! Wenn er seinen Sklavenfänger Arnold Ridgeway über den „amerikanischen Imperativ“, „der uns aus der Alten Welt in die Neue gerufen hat, damit wir erobern, aufbauen und zivilisieren. Und zerstören, was zerstört werden muss. Um die unbedeutenderen Rassen zu unterwerfen. Und wenn nicht zu unterwerfen, dann auszurotten“, schwadronieren lässt, fällt auf, wie wenig sich unter Amerikas Rechts-Denkern verändert hat. The Home of the Brave ist nur wenigen ein Land of the Free.

Zwischen derlei aktuellen Erkenntnisstand streut Whitehead Sklavenanzeigen: Seinem Besitzer entlaufen … Belohnung auf den Kopf ausgesetzt … Achtung: ist auf durchtriebene Weise aufgeweckt … wird sich als Freigelassene ausgeben … Und natürlich die Geschichte von Coras Rebellion und späterer Odyssee durch die USA. Cora ist Sklavin auf der Plantage des tyrannischen Terrance Randall, und als sie sich gegen ihren Herrn auflehnt – sie schützt ein Kind vor dessen Stockhieben -, wird beiden eine nur noch schlimmere Züchtigung zuteil.

Bild: pixabay.com

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Der Sklave Caesar spricht sie an, ein gebildeter Mann, der nach dem Tod seiner Herrin eigentlich freigelassen werden sollte, aber von den Erben weiterverkauft wurde. Seine Idee: Flucht. Mit der Underground Railroad. Er hat mit einem weißen Abolitionisten im Dorf dazu Kontakte geknüpft. „Mr. Fletcher verabscheute Sklaverei als Affront gegen Gott.“ Cora zögert erst, willigt dann ein. Randall verständigt Ridgeway, und der wird Cora im Weiteren immer dort auflauern, wo sie gerade glaubt, zur Ruhe gekommen zu sein. „An jedem öffentlichen Ort waren Bekanntmachungen angeschlagen. Schurken der übelsten Sorte beteiligten sich an der Jagd. Säufer, Unverbesserliche, arme Weiße, die nicht einmal Schuhe besaßen, ergriffen begeistert diese Gelegenheit, die farbige Bevölkerung zu drangsalieren.“

Was folgt ist eine Flucht durch fünf Bundesstaaten, getrennt durch die Biografien einzelner Protagonisten. Whitehead hat akribisch recherchiert, die von ihm beschriebenen Schicksale sind angelehnt an solche aus dem Federal Writers‘ Project von Franklin D. Roosevelt, das in den 1930er-Jahren die Lebensgeschichten ehemaliger Sklaven sammelte, die Steckbriefe Entlaufener stammen aus den Sammlungen der University of North Carolina. Cora hinterlässt eine Blutspur, die meisten ihrer Helfer werden getötet, die Schwarzen zu Tode geprügelt, die Weißen gelyncht. All das ist nur auszuhalten, weil Whitehead die Erzählung abbricht, knapp bevor die Grausamkeiten unerträglich werden. Er bleibt ein diskreter Beobachter seiner Heldin, schildert reportagehaft und aus einer gewissen Distanz, so dass überbordende Emotionen, die Cora sich aus Überlebenstrieb verbietet, auch beim Lesen kaum aufkommen.

Nur im Fall der Bestrafung von Big Anthony tobt er sich einmal aus. Da können weiße Gäste das langsame Sterben des Delinquenten bequem von der Veranda des Herrenhauses aus verfolgen. „Randalls Besucher schlürften gewürzten Rum, während Big Anthony mit Öl übergossen und geröstet wurde.“ Seine Schreie bleiben den Zuschauern erspart, denn die Henker hatten dem Opfer „sein Geschlecht abgeschnitten, es ihm in den Mund gestopft und diesen zugenäht.“ Obszön? Ja, die Wahrheit von derart Geschichten. Whiteheads Buch ist auch eine Analyse, warum der Norden und der Süden der USA bis heute nicht wirklich zueinander finden. Siehe der Streit in Charlottesville um ein Robert-E.-Lee-Denkmal, in den sich sogar Donald Trump (auf Seiten der Befürworter) involvierte.

„Die Strecke der Underground Railroad verläuft in Richtung des Bizarren.“ In South Carolina muss Cora nicht nur im Museum arbeiten, mit anderen Schwarzen als Tableaux vivants Sklavenszenen nachstellen, sondern auch erfahren, dass man hier ein Programm zur Sterilisation von Männern und Frauen betreibt, „Geburtenkontrolle“, um die „Dschungeltriebe“ unter Kontrolle zu bekommen (dass er dabei ans Dritte Reich und dessen „Programme“ dachte, hält Whitehead – siehe Interviews – für einen legitimen Querverweis). In North Carolina, zu diesem Zeitpunkt der Historie eine eigenständige Nation, die „die absurde Vorstellung vom Aufstieg des Niggers“, die sich die „Brüder jenseits der Staatsgrenze“ zu eigen gemacht haben, nicht teilt, finden nach Minstrel Shows systematische Exekutionen statt.

Bild: pixabay.com

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Man will die Schwarzen auf dem Territorium vollständig ausmerzen. Die neuen Arbeitssklaven stehen schon parat: arme irische Einwanderer. (Ein „Experiment“, dass es im Ansatz gab, das aber scheiterte, weswegen man wieder auf Schwarze „zurückgriff“). In Tennessee hält man Schwarze für „Nachkommen des verfluchten schwarzen Ham, der sich an einen Berg in Afrika geklammert und so die Sintflut überlebt hatte“. In Indiana macht der Mob die progressive Valentine-Farm – auch sie eine Utopie des Autors – dem Erdboden gleich.

Und wieder ist Ridgeway wie ein Wiedergänger mit dabei. Es kommt zu einem letzten Kampf zwischen Cora und ihm … Das nimmt kein gutes Ende. Oder doch? Ihre Flucht in die Freiheit steht jedenfalls erst am Anfang. Das große Netz an Kämpfern für die Freiheit ist bereit. Denn die eines anderen zu gewährleisten, schützt immer auch die eigene. „Cora stemmte sich gegen den Hebel der Draisine. Er rührte sich nicht, auch als sie ihr ganzes Gewicht hineinlegte. Zu ihren Füßen auf der hölzernen Plattform war eine kleine Metallschließe. Sie löste sie, der Hebel quietschte. Sie drückte erneut dagegen, und die Draisine kroch vorwärts …“

Über den Autor:
Colson Whitehead, 1969 in New York geboren, studierte an der Harvard University und arbeitete für die New York Times, Harper’s und Granta. Whitehead erhielt den Whiting Writers Award und den Young Lion’s Fiction Award und war Stipendiat der MacArthur „Genius“ Fellowship. Für seinen Roman „Underground Railroad“ wurde er mit dem National Book Award 2016 und dem Pulitzer-Preis 2017 ausgezeichnet. Bei Hanser erschienen bisher „John Henry Days“, „Der Koloß von New York“, „Apex“, „Der letzte Sommer auf Long Island“ und „Zone One“. Der Autor lebt in Brooklyn.

Hanser Literaturverlage, Colson Whitehead: „Underground Railroad“, Roman, 352 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Nikolaus Stingl

www.hanser-literaturverlage.de

www.colsonwhitehead.com

  1. 11. 2017