KosmosTheater: Barbara Klein im Gespräch

Oktober 28, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Intendantin nimmt Abschied vom „Frauenraum“

Barbara Klein, Intendantin des KosmosTheater. Bild: Bettina Frenzel

Mit März verabschiedet sich Gründungsintendantin Barbara Klein vom KosmosTheater. Künstlerisch hat sie’s mit ihrer fulminanten Inszenierung von Juli Zehs „Good Morning, Boys and Girls“ schon getan (heute Abend: letzte Vorstellung!). Denn bereits kommenden Montag, am 30. Oktober, werden ihre beiden Nachfolgerinnen vorgestellt. Barbara Klein im Gespräch über Vergangenheit und Zukunft:

MM: „Good Morning, Boys and Girls“ ist Ihre Abschiedsinszenierung am KosmosTheater. Was werden Sie nun tun?

Barbara Klein: Bis Ende März Abschied feiern, dann reisen, lesen, was ich möchte, nicht was ich muss, und die Freiheit genießen. Und vielleicht inszenieren, wenn mich wer fragt. Ich werde sicher nichts „Freies“ auf die Beine stellen, nachdem ich nun 18 Jahre lang die Freiheit hatte, mir am eigenen Haus ab und an Inszenierungen zu gönnen. Aber es ist eine Erleichterung, dass ich die Verantwortung für ein Theater nicht mehr trage, in dieser politischen Situation bin ich darüber ganz froh.

MM: Sie sind im KosmosTheater seit der Hausbesetzung, Sie sind die Gründerin. Welche Entwicklung hat das Haus in den beinah zwei Jahrzehnten unter Ihnen genommen?

Klein: Ich war am Anfang sehr unsicher, wie sich Feminismus und Kunst in der Praxis ausgehen können, es gibt ja in ganz Europa kein Vorbild. Die Fragen waren, wie kann man arbeiten, ohne zu dick aufzutragen, so dass von der Kunst nur noch die Botschaft bleibt? Aber auch, brauche ich Feministinnen, die das Haus betreuen, oder brauche ich Theaterprofis. Das wusste ich alles noch nicht, und habe natürlich viele Fehler gemacht, aber letztlich, glaube ich, hat es sich genau dahin entwickelt, wie ich es erahnt habe: Besucherinnen und Besucher, die wissen, es handelt sich um Gendertheater, fokussieren das auch und denken darüber nach, und wenn sie’s nicht wissen, sind sie einfach auf die Themen konzentriert, wie in jedem anderen Theater auch.

MM: Und wie ging die Frage Feministinnen oder Theaterprofis aus?

Klein: Zuerst haben hier Frauen gewirkt, die damals das Haus auch besetzt haben, die ehrenamtliche Arbeit für den Verein gemacht haben. Das war eine Fehlentscheidung, da wären wir nach zweieinhalb Jahren fast in Konkurs gegangen. Das waren gutmeinende, engagierte Frauen, aber  keine Theaterprofis. Andererseits hatten wir wunderbare feministische Künstlerinnen im künstlerischen Leitungsgremium. Da sind wir dann auf unsere Themen gekommen, „Das Gelächter der Geschlechter“ oder damals schon Queer-Fragen, ganz zentrierte Felder, die von wissenschaftlicher und künstlerischer Seite bearbeitet worden sind. Dazu hatten wir eine schöne Zeitschrift, die wir leider nicht fortführen konnten, weil sie nicht gefördert worden ist.

Bild: Bettina Frenzel

Good Morning, Boys and Girls. Bild: Bettina Frenzel

MM: Sind Sie in 18 Jahren KosmosTheater milder oder vehementer geworden? Sie haben irgendwann das Wort „Frauenraum“ aus dem Titel gestrichen. Damit ging die Einladung mehr auch an Männer zu kommen und zu schauen und zu staunen?

Klein: Das war eine ganz pragmatische Entscheidung. Die Männerwelt war immer angesprochen, aber der Begriff „Frauenraum“ hat zu Missverständnissen geführt. Manche dachten, wir machen nur Kultur von Frauen für Frauen – tatsächlich gab es damals oft exklusive Frauenräume. Mir war’s das Missverständnis nicht wert, auf knapp unter 50 Prozent des Publikums zu verzichten. Sehr stolz war ich auf meine Idee mit den unterschiedlichen Eintrittspreisen, wobei Frauen um das Drittel, das sie weniger verdient haben, weniger bezahlt haben. Das hat unheimlich Furore gemacht, das ist ohne Erklärung verstanden worden und war sehr lustig. An der Kassa, am Telefon hat’s tolle Diskussionen gegeben. Bis der Falter und der Augustin zeitgleich schrieben: Männer zahlen mehr. Und auf einmal war der Neidkomplex da.

MM: Weil Sie sagten, früher hätte es mehr Frauenräume gegeben: Sind die Feministinnen schon wieder auf dem Rückzug? Es hat sich doch für Frauen wenig geändert?

Klein: Es hat sich gar nichts geändert. Der Backlash wird immer größer. Doch die Feministinnen sind noch da. Es gibt ganz junge Frauen, die das von ganz anderer Seite anpacken. Nur – die Stefanie Sargnagel und die Barbara Ungepflegt machen’s halt nicht aus, das sind super Performances, großartige Künstlerinnen, aber das ist zu wenig. Wir am Theater können mit Podiumsdiskussionen und anderen Informationsveranstaltungen, Publikumsabenden etc. auch viel explizierter sein, als die Kunst und die Literatur, die oft aufpassen muss, dass die Botschaft  nicht zu dicke kommt, weil wir zum Dialog einladen können. Was aber total fehlt, ist der Feminismus der Männer, die immer noch nicht kapiert haben, dass man keine dunkle Hautfarbe haben muss, um gegen Rassismus zu sein. Das stehen wir total an, bei Männern, die sich für unsere Anliegen einsetzen würden.

MM: Stella Kadmon, Emmy Werner und Sie waren so ziemlich die ersten Intendantinnen. Nun gibt’s am Burgtheater und am Volkstheater Direktorinnen. Haben es Frauen im Kulturbetrieb heute leichter, in Führungspositionen zu kommen?

Klein: Nein! Die Bergmann wird nicht durch eine Frau nachbesetzt, Sabine Haag im KHM auch nicht, die Tage von Anna Badora, denke ich, sind abzählbar. In der kommenden politischen Situation wird nichts besser werden, der Backlash wird noch größer werden, also ich sehe keine rosigen Zeiten auf die Frauen zukommen.

MM: Was müsste geschehen?

Klein: Wir müssen wieder auf die Straße gehen. Wir müssen raus aus dem virtuellen Raum. Der bringt’s nicht, das sind kleine Strohfeuer, die aufflackern, die aber nichts bewirken. Präsenz ist das Wesentliche. Wir hätten das KosmosTheater nie durchgesetzt, ohne die Kraft der körperlichen Präsenz. Wir sind mit Jausensackerl im Vorzimmer des Kunstministers gesessen, und haben gesagt: Nein, wir haben keinen Termin, wir warten auf ihn, auch drei Tage. Das muss wiederkommen. Man muss den Leuten in die Augen schauen können. Wobei es seit 9/11 natürlich schwieriger ist. Die Mächtigen und Wichtigen haben den Terrorismus genutzt um sich total abzuschotten. Die sitzen alle hinter Gittern, zu ihnen durchzudringen und der Politik nahe zu rücken ist kaum noch möglich. Diese Männer in ihren „Männerbünden“, die wissen gar nicht, welche Anliegen wir haben, welche Probleme es gibt. Die leben auf einem anderen Stern …

Bild: Bettina Frenzel

MM: Nun geben Sie das KosmosTheater in neue Hände, in die von zwei Frauen. Wie wurden die ausgewählt?

Klein: Wir haben vor zwei Jahren begonnen, an dem Ausschreibungsprozess zu arbeiten. Wir haben erst der Stadt angeboten, dass sie das macht oder teilnimmt bei uns, aber es wurde abgewunken. So viel zur Transparenz! Wir haben dann einmal um Subventionen gekämpft, die sind seit sechs Jahren gleich, 600.000 € von der Stadt und 110.000 € vom Bund, denn ohne Zusage können wir  nicht ausschreiben. Danach haben wir ein Auswahlgremium gebildet, mit mir nur als beratender Stimme, und aus den Bewerbungen haben wir eine künstlerische und eine kaufmännische Leiterin gewählt. Die beiden werden am 30. Oktober präsentiert.

MM: Was geben Sie mit auf den Weg?

Klein: Ich werde in den nächsten fünf Monaten meine Erfahrung und mein Wissen mitgeben, so sie darauf rekurrieren. Sie kommen natürlich auch nicht unbeleckt, und wir werden schön langsam und gemeinsam die Übergabe organisieren. Danach können sie umstrukturieren, planen, ganz wie sie wollen.

MM: Welche Entwicklung wünschen Sie sich für das Haus?

Klein: Ich wünsche mir vor allem von der Politik die Beendigung der Ignoranz, denn das KosmosTheater wird ja nicht schlechtgemacht, sondern einfach ignoriert. Wir sind nicht einmal das Feigenblatt, dass eh was für Frauen gemacht wird. Wenn es eine Rede von Mailath-Pokorny über die Szene gibt, wir werden nie vorkommen. Wenn er nicht direkt drauf angesprochen wird, tut er nichts, um das Haus zu präsentieren, dabei könnte er auf diese Alleinstellung wahnsinnig stolz sein.

MM: Kommt er denn ins Haus, um überhaupt zu sehen, was geboten wird?

Klein: Der Kulturstadtrat hat die letzte Vorstellung 2002 besucht.

MM: Lassen Sie uns noch über die Bundespolitik sprechen und über einen Wahlkampf ohne Frauenthemen außer dem Burkaverbot.

Klein: Ja, Zuschreibungen das funktioniert. Da können sich die Herren austoben. Auf dem Körper der Frau kann man immer noch seine Macht spielen lassen. Es ist unglaublich. Kultur war ja auch kein Thema. Dabei: Wofür ist Österreich bekannt in der Welt …?

MM: Was erwarten Sie diesbezüglich?

Klein: Ich glaube, ich werde die Augen zu machen und durch. Und viel reisen. Ich hatte das alles ja schon. Uns hat Schwarz-Blau erwischt mitten im Umbau vom Kino zum Theater, und was war? Ein sofortiger Geldstopp und eine finanzielle Überprüfung. Dabei war das alles doppelt und dreifach abgeklärt, mit dem Frauenministerium und dem Kulturministerium, mit Frauenstadträtin und Kulturstadtrat – das muss man erst einmal zusammenbringen. Es steht zu befürchten,  dass es fürs Haus wieder schlechter wird. Das KosmosTheater hat aber jetzt auch die Chance, der Raum zu werden für subversive Treffen und für Gegenreaktion.

MM: Wird es ein Fest zu Ihrem Abschied geben?

Klein: Im März. Aber ich habe keine Ahnung, was passieren wird, ich lasse mich wie alle, die kommen wollen, überraschen.

Rezension „Good Morning, Boys and Girls“: www.mottingers-meinung.at/?p=26842

www.kosmostheater.at

28. 10. 2017