Viennale 2017: Western

Oktober 27, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mann auf dem weißen Pferd ist nicht immer der Gute

Meinhard findet in der Nähe der Baustelle einen weißen Hengst und reitet ihn zu: Meinhard Neumann. Bild: © Komplizen Film

Eine Gruppe Outlaws hat sich unweit eines kleinen Städtchens mitten im Nirgendwo niedergelassen. Sie drangsalieren die Dorfbewohner, vor allem gegenüber deren Frauen benehmen sie sich schlecht. Der Bande angeschlossen hat sich ein schweigsamer Desperado, ein Mann, so scheint es, ohne Vergangenheit.

Er wird sich zwischen die Einheimischen und die Fremden stellen, wird ins Duell mit deren Anführer gehen. Eine Frau kommt vor, und ein weißes Pferd. Und der Mann auf dem weißen Pferd wird nicht immer der Gute sein … Der Film dieses Inhalts heißt, wie es klingt: „Western“. Es ist der neue Spielfilm von Regisseurin und Drehbuchautorin Valeska Grisebach, und hat seine Österreich-Premiere bei der Viennale am 29. Oktober, danach Kinostart am 3. November. Die Viennale widmet der deutschen Filmemacherin außerdem ein Special.

Grisebachs „Western“ ereignet sich in Osteuropa, in Bulgarien. Ein deutscher Bautrupp soll in tiefster Provinz ein Projekt umsetzen, doch wurden sie von einem ansässigen Schottergrubenbesitzer gerade um den Kies betrogen. Die Arbeit stagniert, die Männer langweilen sich. Grisebach stellt zwei von ihnen gegenüber: Vincent, den Vorarbeiter, der mit aller Macht und deutscher Gründlichkeit und vor allem, wird sich zeigen, um jeden Preis, auch um den eines Lebens, versucht, was weiter zu bringen. Und Meinhard, den Neuen, der viel vom Job versteht, aber irgendwie seltsam ist.

Meinhard findet in der Nähe der Baustelle einen weißen Hengst. Er geht ins Dorf, um zu fragen, ob er das Tier reiten darf. Er darf, und kommt immer wieder, leise Freundschaften entwickeln sich, vor allem zum Dorfvorsteher Adrian. Die beiden verstehen einander, ohne die Sprache des anderen zu können. Meinhard hilft den Männern Zäune auszubessern, den Frauen Tabak zum Trocknen aufzuhängen, doch die „Kumpels“ folgen ihm ins Dorf. Die Konflikte, davor war nur eine deutsche Flagge, die die Arbeiter über ihrem Lager gehisst hatten, um die „Dorfis“ zu ärgern, heimlich gestohlen worden, brechen offen aus.

Vorarbeiter Vincent versucht den Bautrupp bei Laune zu halten: Reinhardt Wetrek (Mitte). Bild: © Komplizen Film

Wenig diplomatisch hissen die Männer über ihrem Lager die deutsche Fahne. Bild: © Komplizen Film

Deren schlimmster ist ein Streit um Trinkwasser. Es gibt in der Gegend nicht genug davon, also an der Pumpe an der Quelle einen Hebel, der das Wasser einmal Richtung Dorf, einmal Richtung Lager fließen lässt. Vincent will alles Wasser allein für seine Männer und sich, er wird das weiße Pferd nehmen und zur Pumpe reiten, und ein Unglück wird passieren. Und Meinhard wird es rächen, indem er sich die Frau nimmt, in die Vincent sich verguckt hat …

Es ist großartig, wie Grisebach alle Momente des Western-Genres bedient, ohne in ihnen jemals plakativ zu werden, ohne überkompensieren. Zum Stil im Sinne der beiden Sergios trägt maßgeblich die Kameraarbeit von Bernhard Keller bei, der unter gleisender Sonne eine karge, staubige Landschaft so fotografiert, dass sie fast schon wie abstrakte Malerei wirkt. Inszeniert ist das alles mit einer unruhigen Handkamera, deren Bilder mit langen, statischen Einstellungen wechseln: Wälder, Wege, Unwegsamkeiten –  in Gestalt einer Sisyphos-Arbeit.

Dazwischen werden auch optisch Westernräume aufgemacht, etwa, wenn offene oder geheime Blicke gewechselt werden, und Keller in die für Duelle übliche Schuss-Gegenschuss-Perspektive wechselt. Auch die Darsteller sind mit viel Fingerspitzengefühl in Szene gesetzt. Allen voran Meinhard Neumann als Meinhard, dessen stoische Präsenz die Kamera gekonnt auffängt. Der Schauspieler, hauptberuflich Schausteller, Trödelhändler und Arbeiter in der Automobilindustrie, gibt den Anti-Helden wie aus dem Buche. Ein großer, gebeugter und doch irgendwie eleganter Mann, dem man in seiner Körpersprache, denn gesagt wird im Film ja wenig, durchaus auch Narzissmus unterstellen kann. Einmalig sein Gesicht, das übers Nicht-Zeigen der Gefühle zeigt, wie viele dahinter stecken.

Es arbeitet unablässig in diesem Gesicht, die Angst es zu verlieren, dass die Züge entgleisen und die Kontrolle auf der Strecke bleibt. Denn der Mann, der sich anfangs so klein macht, den alle für einen Loser halten, der augenscheinlich mehr als andere eingesteckt hat, hat natürlich ein Geheimnis. „Legionnaire“, entfährt es ihm einmal, als Adrian fragt, was er früher gemacht hat. Gelächter auf deutsch-bulgarischer Seite, keiner glaubt’s, bis sich Meinhard im Zweikampf – dies ja auch eine berühmte Eastwood-Angelegenheit – enttarnen muss.

Zu Adrian entsteht fast eine Freundschaft: Meinhard Neumann und Syuleyman Alilov Letifov. Bild: © Viennale

Westernheldenpose: Meinhard stellt sich zwischen die „Dorfis“ und die Bauarbeiter: Meinhard Neumann. Bild: © Viennale

Der Ostberliner Reinhardt Wetrek, Gerüstbauer und zum „Western“-Casting nur gekommen, weil er seiner 12-jährigen Tochter zeigen wollte, dass er sich traut, ist Meinhards Gegenspieler, ist Vincent, der Bauleiter der Truppe. Auch er ein vielschichtigerer Charakter, als man auf den ersten Blick glauben möchte, zeigt er doch einerseits eine Großmäuligkeit, die Männer seines Schlages alles andere als beliebt macht, doch auf der anderen Seite ist er von Pflichterfüllung und der Sorge um seine Mitarbeiter zerfressen. Er verkörpert die Landnehmermentalität der Menschen aus Industrieländern, er ist ein Pionier, der sich die Wildnis unterwerfen will.

Wetreks Vincent ist um nichts weniger undurchsichtig als Neumanns Meinhard, sein Spiel ebenso eindrücklich, seine Figur ein ebenfalls schwieriger Charakter, seine ständigen Anrufe daheim, ob seine Frau fremd geht, und er wird Meinhard auch nichts schenken. Diesem vermeintlichen oder tatsächlichen Konkurrenten um die Machtstellung in den Bergen.

Die tatsächlich der Dorfobere Adrian, gespielt von Syuleyman Alilov Letifov, hat. Er ist ein Fädenzieher, der auch die Ostmafia und ihren Kies im Griff hat. Lange Zeit fragt man sich, ob die Dorfbewohner die deutsche Baustelle, die letztlich zu ihrem Wohle sein soll, boykottieren. Vorurteile gibt es jedenfalls auch von dieser Seite, beim Kartenspielen kann man die reichen Nemskis ruhig abzocken, und Missverständnisse und Misstrauen. „Western“ – und der Titel dieses klugen und leisen Films von enormer Tiefe ist so ironisch wie korrekt gewählt – zeigt eine Männerwelt, auf beiden Seiten Macho-Gehabe und Hahnenkämpfe, dass das Testosteron nur so von der Leinwand tropft, und in dieser Welt entpuppen sich nicht alle Dorfbewohner als arglos …

„Die Welt ist Fressen und Gefressen Werden“, sagt Meinhard zu Adrian an einer Stelle. In einer der schönen Szenen, in denen die beiden nächtens über Familie und deren Verlust reden. Nach eineinviertel Stunden Film kommt da von Meinhard die erste (und letzte) Emotion.

Valeska Grisebach im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27063

www.viennale.at

www.western-der-film.de

  1. 10. 2017