Stadtsaal – Alfred Dorfer: und …

Oktober 25, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Stück, das zu wenig politisch ist

Bild: Ernesto Gelles

Wo sein Zorn geblieben sei, fragt ein Theaterdirektor, den Alfred Dorfer spielt, den Alfred Dorfer, den Alfred Dorfer spielt. Der, also Nummer zwei, winkt ab. Mitte Fünfzig und altersmilde, das ist der neue Lebensplan, und tatsächlich turnt der Kabarettstar im Wiener Stadtsaal mit nie geahnter Leichtigkeit und Gelassenheit durch sein aktuelles Programm „und …“ Was nicht heißt, dass ihm der Biss verloren gegangen ist, nur hinschnappen und sich verbeißen will er nicht mehr.

Weil, sagt er, in jedem Zyniker doch ein zartes Herz schlage, und sich immer das „bissige Satire“ nenne, das umgemünzt auf Politik nichts anderes als Populismus sei. Da will er nicht (mehr) mitmachen. Das Kabarettproblem ist ja bekannt, dass die „oben“ und die „unten“ eh immer eines Geistes sind. Vornehmlich, weil die anderen gar nicht erst kommen. Und so kommt’s zu Alfred Dorfers volksbildnerisch politischer Forderung: die „Links-Rechts-Scheiße“ hinter uns zu lassen und „endlich unseren Verstand zu benutzen“.

Ein gewagter Ansatz, so knapp nach der Wahl. Man fühlt sich von ihm in „und …“ immer wieder aufs Glatteis geführt. Sieben Jahre hatte sich Dorfer Zeit gelassen, um sich nach Tourneen durch den deutschen Sprachraum, einer nachgeholten Dissertation und kleineren Lehraufträgen an der Uni seinen Bühnenmonolog zu überlegen. Dessen Kern ist ein Umzug, oder wie die eigene Urgroßmutter sagte: Lieba drei Moi obrennt, ois a Moi um’zogen.  Und so sitzt er auf seiner Bananenkistenbühne und denkt (erstmals ohne Band) laut nach. Über Gewesenes und Seiendes, Veränderung und Neuanfang, und Philosophisches.

„Dinge wahrzunehmen ist der Keim der Intelligenz“, zitiert er Laotse. Dorfer bedient sich in seinem Solo mehrmals beim Unter-dem-Mandelbaum-Sitzer. Was dem aktuellen Träger des Deutschen Kabarettpreises nämlich gegen den Strich geht, und was der chinesische Vordenker auf seine Art vorformuliert habe, ist die unhinterfragende „Instanzengläubigkeit“ selbsterklärter Intellektueller, eine allgemeine Tendenz sich lieber auf den Hausverstand der Hauszeitung als aufs eigene Hirn zu verlassen. Ausgeteilt wird in „und …“ gegen denkfaule Besserwisser wie gegen die Sexgrapscher von Köln. Gegen letztere zieht er mit dem neu aufgekommenen „Vulgärfeminismus“ ins Feld: „Unsare Weiber belästig’n mia scho söba!“ Die Allianzen werden immer unheilvoller. Dorfer macht klar, „dass es nicht wichtig ist, wer was sagt, sondern wer was sagt“. Er fürchtet eine Zukunft, in der Idealisten nur noch nützliche Idioten sind.

Bild: Ernesto Gelles

Diese Brandpredigten schlittern, mitten unter Plädoyers fürs Stehpinkeln als Männlichkeitssymbol und den obligaten Witzchen über Veganer und Kevin-Kinder (die übrigens genauer betrachtet allmählich das mittlere Management besetzen und unser, der Mittfünfziger, Vorgesetzte werden …), blitzeisglatt durchs Gesagte und verschwinden ebenso schnell wieder. Das ist konsequent gemacht, denn Dorfer macht dessen Beiläufigkeit und Beliebigkeit diesmal zum Programm, und streut zwischendurch die Pointen ins Publikum, als Sand für Lachtränenaugen.

Und so ist eine der schöneren von Dorfers Weisheiten: „Ich denke, also bin ich: Wenn ich beim Aldi zwei Bananen stehle und mir nichts dabei denke, war ich es dann nicht?“, und eine der fordernden: „Wann hat in der Menschheitsgeschichte dieser Schwachsinn begonnen, dass man Dinge trennt, die man im Grunde nur unterscheiden kann?“

Dorfer schlüpft von einer Rolle in die nächste. Gibt Studienkollegen, Nachbarn, einen einfältigen, was sonst?, Journalisten, Gastarbeiter, Osteuropamafiosi und einen Schwyzer mit Sprengstoffgürtel. Er tritt als sein jüngeres Ich ins Zwiegespräch mit der Mutter und ihrer Frage, warum er sich eine so depperte Arbeit ausgesucht hat, „wo du dein Geld damit verdienst, dass sie dich auslachen.“ Virtuos und temporeich agiert Dorfer in den von ihm erdachten Parallelwelten, spielt mit den Figuren und deren Perspektiven, und macht sein Solo damit zu einem Ein-Mann-Theater.

Die Story mit dem Theaterdirektor geht natürlich auch zu Ende, der Dorfers Stück trotz Auftrag schließlich um die Burg nicht wollte. Weil: „Es war in keinster Weise politisch.“ Da blieb wohl nichts anderes übrig, als zurück auf die Kabarettbühne. In der Zugabe macht Dorfer das deutlich. „Ich weiß, warum er jetzt wieder spielt, weil’s nix geworden ist mit seiner Partei“, imitiert er einen angeödeten Zuschauer. Wobei, ist das nicht ein anderer, der nach seinem Gang in die Politik gerade „Der Kanzler“ wird?

www.dorfer.at

www.stadtsaal.com

  1. 10. 2017