Kammerspiele: Die 39 Stufen

Oktober 20, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Suspense, Slapstick und Stummfilmmomente

Im schottischen Hochmoor wird scharf geschossen: Ruth Brauer-Kvam als Pamela und Alexander Pschill als Richard Hannay. Bild: Rita Newman

Sie wissen, was ein MacGuffin ist? Nein, nicht einer der schottischen Sonderlinge, denen Richard Hannay bei seiner Flucht durch die Hochmoornebel in die Hände fällt. Alfred Hitchcock hat den Begriff für seine Filme erfunden, für ein beliebiges Ding, das keinen anderen Nutzen hat, als die Handlung voranzutreiben. „Die 39 Stufen“ sind ein MacGuffin.

In des Meisters Werk aus dem Jahr 1935 erfährt man nicht viel mehr, als dass dies die Bezeichnung für einen den Briten feindlichen Spionagering wäre, der brisanteste Geheimdokumente von der Insel schaffen will. Ein Unschuldiger, eben Hannay, er noch dazu Kanadier, wird in die Story verstrickt, bald des Frauenmordes bezichtigt, alles rennet, rettet, flüchtet, die Handlung verwickelt sich immer mehr, die Bedrohung lauert auf allen Seiten (was Hitchcock in den 1930er-Jahren durchaus politisch meinte), das Tempo verschärft sich quasi minütlich – der perfekte Stoff für die Kammerspiele. Wo Regisseur Werner Sobotka den Filmklassiker nun auf der Bühne umsetzte. Das heißt, natürlich nicht einfach so.

Sobotka peppt den Suspense mit dem Slapstick der Stummfilmära auf, er erzählt davon, wie die Bilder laufen lernten, und er beschreibt ein „Making of“-Kino. Seine Inszenierung ist eine Hommage an eine Zeit, als jeder Stunt und jeder Special Effect noch mit Kulisse und Courage angegangen, nicht am Computer hergestellt wurden. Die Mittel, denkt man, sind einfach. Sobotka reichen zwei Leitern und ein Steg, um eine Brücke zu simulieren, vier Stühle und ein Lenkrad werden zum Fahrzeug.

Stunts, Slapstick, Stummfilmmomente: Hannay fällt auf der Flucht von einer Brücke …. Bild: Rita Newman

…. und versucht im Auto zu entkommen. Bild: Rita Newman

Türen stehen allein im Raum, dass das auf beiden Seiten ein anderer ist, versteht sich; Überseekoffer sind mal Bar in einem Herrenclub, mal Hotelrezeption. Erst am Ende der mit viel Applaus bedachten Vorstellung, als sich weit mehr Menschen von der Bühne winkend verabschieden, als vorher darauf gespielt haben, wird klar, welchen Kraftakt dieser rasante Kulissenumbau (Bühnenbild: Karl Fehringer und Judith Leikauf) darstellt. „Die 39 Stufen“ in den Kammerspielen sind wie ein Wunderwerkl, der kleine Theaterraum wie eine Springteufelbox, aus der jeden Moment eine andere Knallcharge emporschnellt.

Sobotka hat die Kunst des großen Sir Alfred studiert. Er zitiert „Die Vögel“ und „Das Fenster zum Hof“, als Schattenspiel zeigt er die berühmte „Psycho“-Duschszene und die Flugzeuge, die Cary Grant in „Der unsichtbare Dritte“ verfolgen. Und auch, wenn seine Aufführung auf absichtliches Overacting und outrierte Theatralik setzt, hat sie sich dennoch auch Hitchcocks trockenen Humor angeeignet.

Dass diese Übung gelingt, ist im hohen Maße dem Spiel von Alexander Pschill zu danken, der als Richard Hannay, gemeinsam mit Ruth Brauver-Kvam in drei Frauenrollen, die beiden ja bekannt als Kammerspiele-Traumpaar, den komödiantischen Kern des Abends bildet. Pschill steht der Typ Upper-Class-Snob, der sich erst aus seiner Trotteligkeit und von seinem Ennui befreien muss, bevor er zum Abenteurer und Helden werden kann. Wie er mit rollenden Augen und sexy Schnoferl um Mitgefühl und die Mitwisserschaft des Publikums buhlt, das ist sehr charmant. Vergebens versucht er verwegen zu sein, so etwas wie britische Offiziersschneidigkeit an den Tag zu legen, doch erst als ihm Pamela erliegt, läuft er zu voller Form auf.

Pamela ist eine von Ruth Brauer-Kvams Charakteren. Hitchcock-erblondet gibt sie als solche das patente Mädchen vom Lande, das Hannays Beschwörungen der Bösen keinen Glauben schenken mag, bis sie sich zufällig vom Gegenteil überzeugen kann. Weil, was von Kriminellen mit Handschellen aneinander gekettet wurde, der Mensch nicht trennen soll, ist das Happy End hier klar. Davor aber brilliert Brauer-Kvam als schüchtern-sinnliche Bauersfrau Margaret – und vor allem als russische Agentin Annabella, so exotisch wie erotisch, die Hannay bald den Kopf verdreht hätte, aber mit Messer zwischen den Rippen endet.

Superspionin Annabella wird in Hannays Wohnung ermordet: Ruth Brauer-Kvam und Alexander Pschill. Bild: Rita Newman

Und auch das Medium Mr. Memory wird ein Opfer des feindlichen Geheimdienstes: Boris Pfeifer (in der rezensierten Vorstellung spielte Martin Niedermair), Markus Kofler, Ruth Brauer-Kvam und Alexander Pschill. Bild: Rita Newman

Das mitunter schon gefährlich akrobatisch über die Bühne turnende Schauspielerkleeblatt komplettieren Markus Kofler und Martin Niedermair (er alterniert mit Boris Pfeifer und spielte am rezensierten Abend), und tatsächlich sind es die beiden, die dem Ganzen den besonderen Kick geben. In Windeseile gestalten sie gefühlte 100 Figuren, Polizisten, Putzfrauen, Zugführer, Zeitungsjungen, oft nur durch Wechseln der Kopfbedeckungen und flexibel, was Akzente und Dialekte oder das Geschlecht betrifft.

Ihre Tour de Farce ist am schönsten, wenn Kofler und Niedermair das Wirtsehepaar geben, ersterer als resolute, liebestolle Hausherrin, zweiterer als sich dem Trunke ergeben habender Schon-wieder-ran-Müsser, als schottische Greise bei einer örtlichen Wahlkampfveranstaltung, ein surrealer Moment – und natürlich als Professor und Louisa Jordan, diesmal Niedermair als Dame des Hauses und Kofler als verrückter Oberschurke, das Phantom mit dem fehlenden kleinen Finger und Kopf der Gaunereien.

Die Anstrengung, die am Schluss alle versuchen, nicht im Gesicht stehen zu haben, hat sich gelohnt. Das Publikum reagierte begeistert, die Kammerspiele dürfen sich über die nächste Erfolgsproduktion freuen.

Werner Sobotka erwies sich einmal mehr als Regisseur, der „oben“ und „unten“ die Fantasie beflügeln kann. Ach ja, die Geheimdokumente waren keine Papiere, sondern Informationen, die die Vaudeville-Sensation Mr. Memory auswendig gelernt hatte. Als diesen ereilt auch Martin Niedermair der Bühnentod. Kofler sprach’s gelassen aus: Er war einfach, der Mann, der zu viel wusste …

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=5&v=eAzKGz67rK0

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  1. 10. 2017