Leopold Museum: Spuren der Zeit

Oktober 19, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Erforschung der Welt durch visuelle Kunst

Kay Walkowiak: Waterfall, 2017. Bild: Courtesy Kay Walkowiak und Zeller van Almsick, Wien

Ab 20. Oktober präsentiert die Ausstellung „Spuren der Zeit“ im Leopold Museum zeitgenössische künstlerische Positionen, die sich der Erforschung der visuellen Kultur widmen. Die Geschichte visueller Kultur steht im Fokus von Kay Walkowiaks Videoarbeiten, Fotografien und Skulpturen.

Indem er auf Formen aus dem Bilderkanon der westlichen Kunstgeschichte zurückgreift und diese spielerisch in andere kulturelle Kontexte transferiert, hinterfragt er die soziale Prägung von Wahrnehmung und legt visuelle Formen als Projektionsflächen von Utopien der westlichen Kulturgeschichte offen. Architektonische Gestalt erhielten diese Utopien in der indischen Planstadt Chandigarh. Diese wurde Mitte der 1950er­-Jahre nach Plänen des Schweizer Architekten Le Corbusier errichtet. Zur Zeit ihrer Entstehung galt die auf geometrischen Grundformen basierende und vom Leitgedanken der Funktionalität getragene Stadt als Sinnbild von Indiens Streben nach Modernität.

Die mit der Architektur verbundene Idee einer „Zeitlosigkeit der Form“ kontrastiert. Walkowiak in den Fotografien der Serie „Unscripted Deviations“ sowie in der Videoarbeit „The City Lost“ mit dem zunehmenden Verfall der Stadt. So erschließt der Künstler die mit Chandigarh historisch verbundenen utopischen Ansprüche und verleiht der Stadt gleichzeitig den Charakter einer Dystopie. Die prinzipielle Suche des Künstlers nach den Geistern der Vergangenheit in den visuellen Formen der Gegenwart lassen jedoch auch die anderen präsentierten Werke, wie die Videoarbeit „Waterfall“, erkennen.

Mit der Verzahnung von Kultur, Gesellschaft, Politik und Visualität beschäftigt sich Sofie Thorsen in ihrer Installation „Precious Things That Come out of the Ground“. Mit dieser umkreist sie die Phänomene illegaler Ausgrabungen sowie die Zerstörung von archäologischen Fundstätten im Kontext vergangener wie aktueller politischer Krisensituationen in Nordirak. Die Künstlerin stellte fest, dass widerrechtlich geborgene Kunstgegenstände in den Medien momenthafte Sichtbarkeit erlangen, bevor sie der öffentlichen Wahrnehmung wieder entzogen werden – sei es aufgrund ihrer Zirkulation auf dem Schwarzmarkt oder ob ihrer Lagerung in Depots. Von dieser Beobachtung ausgehend, reflektierte sie auf die gesellschaftlichen Grundbedingungen von Sichtbarkeit und der von medialen, kulturellen und politischen Faktoren bestimmten Dialektik der Präsenz und Absenz kultureller Objekte. Ihr Umgang mit Dokumenten wie Satellitenbildern der Fundstätten oder Fotografien der illegal ausgegrabenen Kunstgegenstände ist hierbei von einem Wechselspiel von konkreter Bezugnahme und Abstrahierung geprägt, mit der die Künstlerin auf An-­ und Abwesenheiten im visuellen Feld verweist.

Cäcilia Brown: Gelegenheitsdame, 2017. Ausstellungsansicht „Spuren der Zeit“ Leopold Museum, Wien. Bild: Lisa Rastl

Sofie Thorsen: Precious Things That Come out of the Ground, 2017 (Detail). Ausstellungsansicht „Spuren der Zeit“ Leopold Museum, Wien. Bild: Lisa Rastl

Demgegenüber fragt Cäcilia Brown, wie die visuellen Strukturen des Stadtraumes die gesellschaftliche Ordnung übersetzen, indem sie auf subtile Weise das menschliche Zusammenleben dirigieren. Ihr Interesse gilt dementsprechend architektonischen Objekten, die Orientierungsrahmen und ordnende Elemente täglicher individueller sowie gemeinschaftlicher Lebensprozesse sind. Über ihren subversiven Zugriff auf das analysierte Stadtinventar – seien es Holzpaneele als Träger von Wahlplakaten, Feuertreppen, mobile Plattformsysteme von Parkhäusern oder öffentliche WC­Anlagen – und dessen poetische Überformung entlarvt Brown die Gestaltung des Stadtraumes als einen visuellen, sich gesellschaftlichen Prozessen verdankenden Rahmen, der ein Feld möglicher Handlungen (oder Haltungen) vorgibt.

Anita Witek spürt in ihren Fotografien, der unbewussten Einflussnahme der alltäglichen Bilderflut auf die Wahrnehmung nach. In ihrer aktuellen Serie „Artist and Muse“ verwendete Witek Plakate des Leopold Museum, die Werke Egon Schieles zeigen. Entsprechend ihrer Arbeitsweise schnitt sie die zentralen Bildinhalte aus den Plakaten aus und setzte die Fragmente der abstrakten, einzig aus malerischen Strukturen zusammengesetzten Hintergründe so übereinander, dass neue Konstellationen entstanden. Während in der Serie ausgestellter Fotografien unterschiedliche Stadien dieses Schichtungsprozesses festgehalten sind, verzahnt Witeks Rauminstallation eine der Collagen direkt mit der Architektur des Museums. Der abstrakte und in Form der Wandinstallation auch physisch betretbare Gedächtnisraum von Witeks Arbeiten reflektiert damit nicht nur auf das Medium der Fotografie als Dokument visueller Kultur. Er stellt die museale Institution als einen Ort vor, der über die Präsentation seiner Sammlungsexponate als Träger kultureller Geschichte fungiert.

Anita Witek: Draft #B02 (Artist and Muse), 2017. Bild: Courtesy Anita Witek und l’étrangère, London © Bildrecht Wien, 2017

Mladen Bizumic: Album (Ikea Mirror Scan), 2017. Bild: Courtesy Mladen Bizumic und Georg Kargl Fine Arts, Wien

Mladen Bizumic reflektiert auf die Fotografie hingegen als eine spezifische Form der Medialität. Die zunehmende Obsoletheit der analogen Fotografie in Hinblick auf das digitale Bild bestimmen sowohl die inhaltliche Ebene zahlreicher seiner Arbeiten als auch seinen dazu stets in Relation stehenden Umgang mit dem Material. Über das Moment der Vergänglichkeit, das den Motiven ebenso wie den verwendeten Materialien inhärent ist, spricht er die prinzipielle Historizität jeglicher gesellschaftlichen Praktik – insbesondere der Fotografie – an. Gleichzeitig zeigt er auf, wie Bildmedien in ihrer je eigenen Materialität auf die Wahrnehmungsordnungen einer Gesellschaft einwirken.

Andreas Fogarasi: Logo der Stadtverwaltung, Jardín Alexander Pushkin, Mexiko-Stadt. Aus der Serie „Mobile“, 2013–2017. Bild: Courtesy Andreas Fogarasi und Georg Kargl Fine Arts, Wien; Galerie Thomas Bernard/Cortex Athletico, Paris; Vintage Galéria, Budapest © Bildrecht Wien, 2017

Andreas Fogarasi untersucht urbane Räume als sich verändernde Konstellationen, deren Nutzung Rückschlüsse auf die Werte und Ideologien des jeweiligen Gesellschaftssystems zulässt. In den Fotografien der ausgestellten Serie „Mobile von 2013–2017“ streicht Fogarasi die zunehmende Bildwerdung des Stadtraumes in der heutigen Mediengesellschaft hervor.

Seine Arbeiten zeigen Hinweistafeln, Informationsschilder, Logos, diverse Schriftzüge oder Produktdisplays, die in die Struktur der Städte verwoben sind sowie Kulissenwelten temporärer Architekturen, wie sie für Konzerte oder Produktpräsentationen errichtet werden. Der Künstler interessiert sich speziell für das Design dieser visuellen Formen. Dieses veranschaulicht die zunehmende Kulturalisierung des urbanen Raumes, die oftmals von ökonomischen Parametern wie dem Tourismus geleitet wird. In seiner Präsentation stellt Fogarasi den urbanen und musealen Raum als Orte einer gesellschaftlich  geprägten Form des Zu­sehen-­Gebens spielerisch miteinander in Beziehung.

www.leopoldmuseum.org

19. 10. 2017