Jüdisches Museum Wien: Helena Rubinstein. Die Schönheitserfinderin

Oktober 16, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Wasserballett präsentierte die Waterproof Mascara

Sie inspirierte die Frauen, ihre individuelle Schönheit zu unterstreichen: Helena Rubinstein in Schiaprelli Kleid. Bild: Archives Helena Rubinstein, Paris

Ab 18. Oktober widmet das Jüdische Museum Wien Helena Rubinstein unter dem Titel „Die Schönheitserfinderin“ eine umfassende Schau. Rubinstein (1870 – 1965) ist die Pionierin des weiblichen Unternehmertums. Mit sechzehn kehrte sie den engen, kleinbürgerlichen Verhältnissen ihrer jüdisch-orthodoxen Familie in Krakau den Rücken, zunächst Richtung Wien, dann nach Australien.

Dort begründete sie ohne jegliche Hilfe ein Weltimperium, das den Weg für viele andere, ebenfalls zum Großteil jüdische Unternehmerinnen und Unternehmer auf dem neuen Gebiet der Kosmetik, ebnete. Ihr Unternehmen umfasste bald 100 Niederlassungen in 14 Ländern mit etwa 30.000 Beschäftigten, nebenbei wurde sie zu einer wichtigen Förderin der Künste und Wissenschaften. Krakau – Wien – Melbourne – London – Paris – New York – Tel Aviv sind die wesentlichen Stationen ihres Lebens.

Die Ausstellung zeichnet den Weg Rubinsteins als Migrantin, die Kontinente überwindet und Konventionen aufbricht, nach und rückt ihr Engagement für die Selbstbestimmung von Frauen in den Mittelpunkt. Ein Fokus auf Wien zeigt, wie gekonnt sie ihr künstlerisches Netzwerk und wirtschaftliches Können vor Ort einsetzte. Dass ihr das alles mehr oder weniger allein gelungen war, scheint sie selbst in einer Rückschau auf ihr Leben fast erstaunt zu haben.

Leidenschaft, Zähigkeit, Hartnäckigkeit, Verantwortung tragen, gepaart mit einem „angeborenen“ außergewöhnlichen Geschmack und ein außerordentliches Talent, den Zeitgeist zu erfassen, das sind die wesentlichen Merkmale, die Helena Rubinstein zur ersten Selfmade-Frau der Geschichte machten. Zu einer Zeit, als Schönheitspflege kein Thema war und Schminke als lästerlich und verpönt galt, setzte sie sich mit ihrer Idee durch, dass jede Frau ihre individuelle Schönheit entdecken könnte und daraus das Beste machen sollte. Rubinstein war von der Idee beseelt, ja geradezu besessen, dass Frauen dadurch Selbstbewusstsein erhalten würden. Eine Disposition, die ihr selbst, wie wenigen ihrer Zeitgenossinnen, eigen war. Damit setzte sie sich ganz nebenbei auch noch in der von Männern dominierten (Geschäfts-)Welt durch und schuf einen komplett innovativen Markt, der sich international dauerhaft etablierte und bis heute besteht. „Die Schönheit ist dein besonderes Gebiet, deine eigentliche Heimat, Helena. Ein Gebiet, das noch brach liegt. Lerne es bauen.“ Ein Leitspruch, den sie sich selbst immer wieder vorgesagt hat.

Die berühmte Morning Creme. Bild: Archives Helena Rubinstein, Paris

Wertvolle Puder-Edition. Bild: Archives Helena Rubinstein, Paris

Eigenwillig und unkonventionell schuf sie sich ihr eigenes Image. Sie gab ein Vermögen für Kunstwerke, für Immobilien und deren Einrichtung aus. Für die Architektur und Gestaltung ihrer Schönheitssalons, Institute, aber auch ihrer Häuser und Wohnungen engagierte sie die interessantesten und innovativsten Architekten ihrer Zeit. Urbane Modernität war Helena Rubinsteins Devise, verbunden mit einem überbordenden Hang zur Üppigkeit. Pionierarbeit leistete sie auch beim Design, bei der Verpackung ihrer Kosmetikprodukte und in der Werbung. Von Anbeginn ihrer Tätigkeit erkannte sie die Wichtigkeit dieses Metiers und engagierte auch hier die interessantesten kreativen Köpfe.

Die Expansion der Helena Rubinstein Schönheitssalons machte auch vor Wien nicht halt. 1932 eröffnete sie dann einen eigenen Salon am Kohlmarkt 8. Wenige Jahre nach der Eröffnung spielte Wien bereits eine wichtige Rolle für Rubinsteins Unternehmen: Den Wettlauf um die Entwicklung einer wasserfesten Wimperntusche, die bei Regen oder Hitze nicht zerlief, gewann, zunächst unbemerkt, die Wienerin Helene Winterstein-Kambersky. Die nach einer Bleivergiftung an den Rollstuhl gefesselte Sängerin ließ sich die in vielen Versuchen entwickelte wasserfeste Mascara 1935 patentieren. Mit dem Vorbehalt, die Rezeptur mit ihrer eigenen Firma „La Bella Nussy“ auch selbst zu vermarkten, verkaufte sie die Lizenz an Rubinstein. Als Weltneuheit wurde die „Waterproof Mascara“ auf der New Yorker Weltausstellung 1939 medienwirksam mit einem Wasserballett vorgestellt. Mascara aus Aluminiumtuben trug man damals mit Hilfe von Papierstäbchen auf. 1958 brachte Rubinstein unter dem Namen „Mascara-Matic“ die bis heute übliche Mascara im Röhrchen mit Bürste auf den Markt.

1939, ein Jahr nach dem sogenannten „Anschluss“, wurde der Wiener Salon Rubinstein geschlossen. Antisemitismus bekam Helena Rubinstein auch in den USA zu spüren, unter anderem als sie in New York eine Wohnung mieten wollte, die man ihr verweigerte, weil sie Jüdin war. Doch nicht mit ihr. Helena Rubinstein kaufte daraufhin das ganze Haus an der Park Avenue. In Städten, die tendenziell als WASP-Hochburgen galten, überließ Helena Rubinstein das Terrain ihrer langjährigen Konkurrentin Elizabeth Arden. Die Rivalität der beiden Kosmetikgigantinnen dient bis heute als Stoff für die Literatur und als Motiv für Musicals und Theaterstücke. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten gelang es Helena Rubinstein, fast ihre gesamte Familie in die USA zu bringen. Allerdings wurde eine ihrer Schwestern, Regina Kolin und deren Mann, in Auschwitz ermordet. Weitere Schicksalsschläge blieben nicht aus: die Scheidung von ihrem geliebten ersten Mann Edward Titus, der Tod des zweiten Mannes, des wesentlich jüngeren georgischen Prinzen Artchil Gourielli-Tchkonia und wenig später der Unfalltod ihres Sohnes Horace Titus. Kraft und Antrieb schöpfte die unermüdlich Anpackende immer wieder aus ihrer Arbeit.

Rubinsten in Long Island, 1953. Bild: Archives Helena Rubinstein, Paris

Reisen nach Australien, Japan, Hongkong und Israel, wo sie eine Fabrik plante, rissen sie aus ihrem Kummer. In dieser Zeit wurde der von ihr gestiftete „Helena Rubinstein Pavilion for Contemporary Art“ des Tel Aviv Museum of Art eröffnet, für den sie mehrere Arbeiten aus ihrer Sammlung spendete. Außerdem vererbte sie ihre Sammlung historischer Miniaturräume mit etwa 20.000 Möbeln und Figurinen in historischen Kostümen dem Tel Aviv Museum of Art.

Ein Teil der „Jewish Queen Victoria“, wie Rubinstein vom Kolumnisten der New York Post, Leonard Lyons, genannt wurde, blieb bei allem Glamour und Geltungsbedürfnis, das Mädchen aus Kazimierz: Mit einem unverhohlen slawischen Akzent, einem Sprachmix mit jiddischen, deutschen und polnischen Einsprengseln.

Und den legendären braunen Jausensackerln, in denen sie harte Eier, Hühnerschenkel, Krakauer Würste und entsprechend fettige Dollarnoten für das Taxi in ihr Büro mitnahm – und dort alle Angestellten rügte, die beim Verlassen eines Raumes das Licht nicht ausschalteten. Am 1. April 1965 starb Helena Rubinstein mit 94 Jahren. Sie wurde in ihrem Lieblingskleid von Yves Saint Laurent begraben. Rubinstein ging immer unbeirrt ihren eigenen Weg, wozu es auch gehörte, sich alle Träume aus eigener Kraft, mit selbst verdientem Geld und gemäß den eigenen, unbescheidenen Vorlieben zu erfüllen. Sie sagte es selbst: „Qualityʼs nice but quantity makes a show.“

www.jmw.at

16. 10. 2017