Neu am Volkstheater: Sebastian Pass im Gespräch

Oktober 3, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Endlich wieder Extrawurstsemmel mit Gurkerl

Seit dieser Spielzeit neues Ensemblemitglied am Volkstheater: Sebastian Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Als er vor zwei Spielzeiten als Diener Johann in Nestroys „Zu ebener Erde und erster Stock“ das Volkstheater rockte, dachte sich Direktorin Anna Badora wohl: Den will ich haben. Und so kommt’s, dass Sebastian Pass (www.volkstheater.at/person/sebastian-pass-2/) mit dieser Saison neues Ensemblemitglied am Haus ist. Mit seinem Odysseus in „Iphigenie in Aulis / Occident Express legte er gleich die nächste schauspielerische Glanzleistung hin, nun beginnen für ihn die Proben zu Orwells „1984“. Sebastian Pass im Gespräch über Hausbrandt, Kalksburg und sein Dasein als Hedonist:

MM: Sie waren 2015/16 als Gast in  „Zu ebener Erde und erster Stock“. Was hat sich dazu bewogen fixes Ensemblemitglied zu werden – noch dazu nach einer Inszenierung, die von der Kritik gar gebeutelt wurde? Denkt man sich da: Jetzt bleib‘ ich justament?

Sebastian Pass: Natürlich! Nein, schlicht und einfach: Anna Badora hat mich gefragt und da musste ich gar nicht lange nachdenken, denn in Wien am Volkstheater zu spielen, ist einfach was Großes. Das war das erste Mal, dass ich ein Engagement mit einem großen Ja im Herzen angenommen habe.

MM: Was sind denn die Vorzüge des Volkstheaters?

Pass: Erstens: Ich bin in Wien. Zweitens: Das Volkstheater ist ein irrsinnig schöner Raum, es ist ein Hammer, auf der Bühne zu stehen und ins Publikum zu schauen. Die Kollegen sind großartig, …

MM: Sie passen aber auch dazu, wie die Faust aufs Aug‘.

Pass: … ich wurde mit offenen Armen und herzlichst aufgenommen. Ich spiele ja derzeit in „Iphigenie in Aulis / Occident Express“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25881), und das ist eine wunderschöne Ensemblearbeit. Jetzt freue ich mich schon auf das nächste Stück, und darauf, die nächsten Kollegen kennenzulernen.

MM: Sie spielen im ersten Teil des Abends, in der „Iphigenie“, den Odysseus. Mit nacktem Oberkörper und Mut zum Bauch. Der lässt in der doppelten Bedeutung des Wortes „die Muskeln spielen“.

Pass: Ja, Odysseus ist ein bissl angefressen, dass er da in Aulis festsitzt, und das hat sich bei mir in der Probenarbeit in eine Überheblichkeit und Eitelkeit verwandelt. Und was den Bauch betrifft: Ich muss mich ja nicht anschauen. (Er lacht.) Ich hab’s eigentlich nicht so mit dem Nacktsein, mein bestes Stück zeige ich nicht gerne her, aber den Bauch, das geht schon.

MM: Obwohl es in „Occident Expresseine sehr dezent gehaltene Nacktszene gibt.

Pass: Das ist auch richtig so, denn es geht nicht um Nacktheit, sondern darum, die Verletzlichkeit dieser Kriegsflüchtlinge aus dem Nahen Osten zu zeigen, ihr Ausgestelltsein, und dass diese Menschen alles verloren haben, dass sie sozusagen nur die nackte Haut retten konnten.

MM: Ist Odysseus Ihnen nahe?

Pass: Teils-teils. Ich bin Hedonist, ich mag gutes Essen, guten Wein, guten Kaffee. Da wo er den Schnösel raushängen lässt, kommen wir nicht zusammen, aber ich verstehe seine Verbitterung, seinen Zorn darüber, dass er gezwungen ist, diesen Krieg mitzumachen.

MM: Und über die Ilias befragt: Wer ist in Homers Schriften ihr Held?

Pass: Sie werden lachen, ich habe am Gymnasium sogar Altgriechisch gehabt, und musste die Ilias zum Teil übersetzen. Ich wollte eigentlich Medizin studieren, deshalb hatte ich mich für Altgriechisch entschieden, mein Professor war allerdings von meinen Übersetzungen nicht sehr angetan … Mein Held? Ich weiß es nicht. Als Altgrieche kann ich mich da schwer entscheiden …

MM: Bevor Sie ans Volkstheater gekommen sind, waren Sie ein Jahr am Staatsschauspiel Dresden. Die Dresdner gegen auf die Wiener ja ab wie Schmidts Katze. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Pass: Tatsächlich, die stehen auf den Wiener Schmäh. Ich wurde ständig aufgefordert, „was Wienerisches“ zu sagen. Ich fand Dresden eine wunderschöne Stadt. Ich habe in der Neustadt gewohnt, das ist wie eine Mischung aus Wien und Berlin: die Überschaubarkeit von Wien und in der Neustadt das Abgefuckte von Berlin. Was mich fasziniert hat: Dass die Leute einem auf der Straße noch in die Augen und nicht aufs Handydisplay schauen. Dort läuft kaum jemand mit dem Handy herum. Ich habe mich sehr wohl gefühlt, am Elbufer ist die Lebensqualität sehr hoch, leider habe ich es nicht bis in die Sächsische Schweiz geschafft.

Als Odysseus mit Anja Herden in „Iphigenie in Aulis“ … Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

… und in „Occident Express“ (vorne) mit Rainer Galke, Jan Thümer, Katharina Klar, Sebastian Pass, Anja Herden, Lukas Holzhausen. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

MM: Aber als Kaffeekenner und -liebhaber?

Pass: Ich habe mir meine Mischung, den Hausbrandt, aus Wien mitgenommen. Es stimmt aber auch nicht mehr, dass man in Deutschland keinen Kaffee trinken kann. In Dresden gibt es ein paar gute Kaffeehäuser.

MM: Und was genießen Sie zurück in Wien?

Pass: In einer schönen Stadt zu sein und die Familie – und ich habe eine große mit meiner Mutter, einer Schwester, unzähligen Cousins, Cousinen, Nichten und Freunden – um mich zu haben. Ich bin Wiener, ich bin hier geboren, und es war immer das Ziel hierher zurück- zukommen. Ob mir das gelungen ist, weiß ich noch nicht, denn ich habe einmal einen Vertrag für zwei Jahre unterschrieben. Ich bin aber jetzt 40, und da wird’s dann einmal Zeit, sesshaft zu werden. Eines, was ich beispielsweise genieße, ist in ein Geschäft zu gehen, und ein Extrawurstsemmerl mit Gurkerl zu bestellen. Das kriegt man in Deutschland nicht.

MM: Wie sind Sie den aufgewachsen – Arbeiter- oder Nobelbezirk?

Pass: Sechster Bezirk, Ecke Kettenbrückengasse/Naschmarkt, zwischen desolat und bobo. Dann aber im 15. gelebt, und jetzt wohne ich wieder im 6.

MM: Warum Schauspieler? Von Altgriechisch und der Idee, Arzt zu werden, ein weiter Weg.

Pass: Meine Mutter behauptet immer, ich hätte irgendwann gesagt, dass ich Schauspieler werden will. Ich behaupte, das war nicht so. Ich war in der Rahlgasse bis zur dritten Klasse Gymnasium, dann meinte meine Mutter ich brauche etwas Strengeres, und hat mich ins Kollegium Kalksburg geschickt. Und dort hat es eine Theatergruppe gegeben. Da bin ich eingestiegen, und es hat Spaß gemacht. Ich habe mich dann nicht für Medizin, sondern für Jus eingeschrieben, aber gleichzeitig die Aufnahmeprüfung am Reinhardt-Seminar gemacht. Ich bin hin – und hatte keine Ahnung. Ich habe meinen Deutschprofessor gefragt, was ich vortragen soll, und der gab mir unter anderem Thomas Bernhards „Theatermacher“. Mit meinen 19 Jahren habe ich also einen 65-Jährigen gespielt, und mich gewundert, warum ein Regiestudent vorbeikam und sagte: Sehr mutig, sehr mutig!

MM: Und?

Pass: Ich bin ins Finale gekommen, war aber mit der Atmosphäre am Reinhardt-Seminar überfordert, habe aber dort erfahren, dass es das Konservatorium gibt – und so wurde ich ein Elfriede-Ott-Schüler. Dort habe ich mich sehr wohl gefühlt, und habe mich langsam in die Wiener Theaterszene hineingearbeitet. Wenn man das Konservatorium unter der Ott absolviert hat, hat man wahnsinnig viel gelernt, ist aber immer noch ein Mensch. Und es ist einem nichts mehr peinlich. Und das sind zwei Dinge, die ich für diesen Beruf sehr wichtig finde: Man muss seine Schamgrenzen zwar runter setzen, aber dabei ein Mensch bleiben. Das ist ein irrsinnig sympathischer Gedanke.

MM: Damit ist meine nächste Frage, was macht Sie als Schauspieler aus, beantwortet. Ihnen ist nichts mehr peinlich.

Pass: Natürlich habe ich eine Peinlichkeitsgrenze, und als junger Schauspieler musste ich oft über meine Schmerzgrenze gehen, aber ich laufe mittlerweile innerlich rot an. Außen ist die Maske drüber, und gut ist’s. Was mich als Schauspieler ausmacht, ist vermutlich, dass mir mein Beruf wirklich Spaß macht. Ich mag es, mit Leuten zu arbeiten, und ich mag über meine Grenzen geführt werden. Ich habe einen sehr aufregenden Beruf, aber auch einen anstrengenden, weil man pausenlos kritisiert wird, nicht nur von Zeitungskritikern, auch von Regisseuren und Kollegen während der Proben.

MM: Diese Nach-der-Probe-Kritiken und -Selbstkritiken haben ja mitunter etwas vom diesbezüglichen maoistischen Ritual?

Pass: Jajaja, man ist permanent mit seinem Spiegelbild konfrontiert. Das muss man aushalten. Aber, wie gesagt, ich mag meinen Beruf. Ich mag Geschichten, ich mag träumen, ich mag Fantasie, und das Kindliche, das man in der Pubertät unbedingt verlieren wollte, um erwachsen zu sein, und das man sich als Schauspieler wieder aneignen und ausleben darf. Das ist ein großes Geschenk, dass man das machen darf.

MM: Schauen Sie sich an, was an anderen Wiener Bühnen läuft?

Pass: Ja! Wenn ich spielfrei habe, auf jeden Fall: Burg, TAG und auch die freie Szene, die ja in Wien zu Glück über weite Strecken noch bestehen kann.

MM: Auf der Webseite des Volkstheaters gibt es einen kurzen Film mit Ihnen. Da kommt die Rede aufs Lampenfieber, und sie nennen als Ihr Heilmittel Cola und Bananen. Heilt man damit nicht Durchfall?

Pass: Stimmt eigentlich. Meine Verdauung ist aber relativ gut. Es ist so, dass ich aus Nervosität nichts essen kann, und da sind die Bananen gut, weil sie Energie geben, aber nicht im Magen liegen. Ich bin dann beruhigt, weil ich mir sage, ich habe etwas gegessen und werde auf der Bühne nicht umfallen. Und Cola ist einfach Koffein und Kohlensäure. Soletti nehm‘ ich eh keine dazu … Ich habe also keinen Durchfall, manchmal aber geistige Verstopfung. Das Peinlichste, das mir je passiert ist, war, als ich in Coburg den „Urfaust“ gespielt habe. Ich fang‘ an mit: Habe nun, ach! Und mir ist nicht mehr eingefallen, was ich studiert habe. Zum Glück gibt’s die Souffleusen und Souffleure!

MM: Ihre nächste Premiere wird George Orwells „1984“ am 17. November. Das haben wir alle in der Schule gelesen. Wie ist nun die Wiederbeschäftigung mit dem Stoff?

Pass: Ich nicht! Wir haben in der Schule „Animal Farm“ gelesen, ich beschäftige mich also zum ersten Mal mit „1984“. Ich habe mit dem Buch angefangen, ich bin grad mittendrin, hab‘ mir aber jetzt einmal den Film mit Richard Burton und John Hurt angeschaut.

MM: Welche Rolle werden Sie spielen?

Pass: Das weiß ich noch nicht.

Als Diener Johann (oben) in „Zu ebener Erde und erster Stock“. Mit Sylvia Bra, Thomas Frank, Martin Zrost, Paul Skrepek, Sebastian Pass, Gilbert Handler. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

MM: In diesen Tagen, da alles immer restriktiver wird, „1984“ zu spielen, ist eine Zeit-Ansage.

Pass: Zweifellos, der ganze Spielplan von Anna Badora ist es. Ich finde es wichtig, dass Theater zeitpolitisch ist. Ich glaube fest, dass Theater etwas bewirken kann. Als ich 25 war, ist mein Vater gestorben. Meine Schwester ist in einem medizinischen Beruf, und hat sich sehr gekümmert. Ich war damals in Linz und kam mir so nutzlos vor und sagte ihr das. Und meine Schwester sagte, das stimmt nicht, weil die Menschen bei mir im Theater abschalten können, träumen können, ich sie auf andere Gedanken bringe …

MM: Wobei ich unterstelle, dass Anna Badora will, dass wir nicht ab-, sondern einschalten.

Pass: Einschalten beim Abschalten. Heißt, das Denken von den Alltagssorgen weg zu den Weltproblemen bewegen. Theater soll zum Nachdenken anregen, andere Blickwinkel aufzeigen, neue Gedanken, Ideen, Impulse vermitteln. Und natürlich darf man sich im Theater auch aufregen, wenn es einem nicht gefallen hat. Ich finde es großartig, dass wir am Volkstheater immer wieder die Möglichkeit haben, mit Zuschauern ins Gespräch zu kommen. Unlängst sagte ein Ehepaar zu mir, warum wir die „Iphigenie“ mit „Occident Express“ verknüpft haben …

MM: Ihre Antwort?

Ich sagte das Naheliegendste: Weil das eine vor dem Krieg und das andere nach dem Krieg ist. Darauf das Paar: Ah so, und wir dachten, wegen der Flüchtlinge, die über die Türkei, heißt: Troja, und Griechenland kommen, also vom selben Ausgangspunkt. Das war für mich ein wunderbarer neuer Gedanke, der mir so noch nicht gekommen war. So kann jeder in einer Aufführung etwas anderes sehen.

www.volkstheater.at

  1. 10. 2017