Kasino: Kartonage

September 30, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mord mit Marillenmarmelade

Die Mutter (Video: Petra Morzé) dominiert und tyrannisiert „Vater Werner“ Bernd Birkhahn und „Rosalie“ Irina Sulaver. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Stimmt?“ – „Stimmt.“ Mit dieser in provokantem Ton gestellten Frage und der bockig-devoten Antwort versichern sich „Werner zwei“ und „Werner eins“ ihres Immer-noch-Vorhandenseins, bestätigen sie einander, dass die Welt draußen nicht anders als beängstigend gefährlich sein kann, verbürgen sie sich dafür, in den eigenen vier Wänden am sichersten aufgehoben zu sein. Home sweet home.

Das ist in diesem Fall ein Pappkartonhaus, wiewohl das Bühnenbild von Michela Flück mehr an Endspiel in Eiche massiv erinnert, in dem das Ehepaar Werner sich seine in seltsamen Ritualen erstarrte Existenz eingerichtet hat … Kasino des Burgtheaters. Gegeben wird „Kartonage“. Das Debütstück von Yade Yasemin Önder, das von den Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin als einer von drei Gewinnertexten auserwählt wurde, und das der junge Halleiner Regisseur Franz-Xaver Mayr nun als Uraufführung zeigt. Im Interview erklärt die Autorin, ihre Arbeit sei erst ein zynisches Langgedicht, ein Streitgespräch zweier alter Menschen über Leben und Sterben gewesen, aber als die Figuren mehr Raum für sich beansprucht hätten, hätte sie sich entschlossen, ihre Lyrik zu dramatisieren.

Nun verkörpern Petra Morzé und Bernd Birkhahn Önders Prototypen kleingeistiger Kleinbürger. Ihre Verwandtschaft zu Becketts Hammer und Nagel unverkennbar, sind die beiden ein pikantes Paar, zwei in Hilf- und Alternativlosigkeit aneinander Gefesselte, er auf tattrigen Beinen, sie mit Tippelschrittchen durch die Bühnenbox tapsend. Sie hält ihn bewusst blöd. Werner zwei/Morzé hat vor langer Zeit das Kommando übernommen, sie hat Werner eins/Birkhahn mittels Trommelzeichen auf den Küchentisch konditioniert, tap-tap-tap, und wenn er nicht grad grunzend im Stehen schläft, gehorcht er auch. Für mehr Konzentration gibt’s ab und zu Ohrfeigen, ist er brav, darf er Brustnuckeln.

Tagein, tagaus wird Marillenmarmelade eingekocht: Irina Sulaver und Petra Morzé. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Gegenseitige Verletzungen erfolgen nicht nur durch Worte: Petra Morzé, Irina Sulaver und Bernd Birkhahn. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Morzé schenkt sich als Tyrannin in Fatsuit und hellblauer Kittelschürze (Birkhahn trägt dazu passend Polohemd und Shorts, Kostüme: Korbinian Schmidt) wie üblich nichts, ihr falsches Lachen korreliert mit ihrer aufgesetzten Freundlichkeit. Sie ist böse wie die Königin-Stiefmütter in Märchen. Tagein, tagaus macht sie Marillenmarmelade, kocht das Obst ein, wie Önder ihre Sprache zur Formelhaftigkeit kondensiert hat.

Die Dominanz selbst über den Speiseplan ist Werner zweis Rache für eine verkorkste Ehe, die nun an der von Flück eingerichteten Küchenzeile samt Sitzecke Früchte trägt. Die Moral der Zwei-Mann-Truppe hält sie mit Stehsätzen wie „Verteidigung kommt vor dem Fall“ oder „Im Zweifel ist man stets dagegen“ aufrecht.

Birkhahn macht aus Werner eins das prächtige Vorzeigemodell eines langsam und nicht unzufrieden in die Demenz gleitenden Lustgreises. Wie die Gattin am Herd, so zelebriert auch er seine grotesken Handlungen, in die meist Staubsauger, Baumstammskelett und das Familienwappen involviert sind. Regisseur Mayr trägt dem Artifiziellen des Textes mit seiner Inszenierung Rechnung.

Er taucht finsterste menschliche Abgründe in grausam-grelle Komik, er setzt dem eintönig-braunen Irren-Haus kunterbunt-skurrile Einfälle entgegen. Ganz wunderbar hat er Morzé und Birkhahn zu einem absurd doppelbödigen Spiel inspiriert, bei dem von Anfang an klar ist, dass zum Kern der Sache noch vorzudringen sein wird. Nämlich als Irina Sulaver als abgängig gewesene Tochter Rosalie durch die Decke kracht. Sechzehn Jahre war sie von zu Hause weg, als sie ins Exil ging, war sie sechzehn Jahre alt.

Die Videos von Sophie Lux, zugeschaltet auf einer Vidiwall über der Box, erzählen nicht nur von einer trostlosen Kindheit und Jugend, aufgepeppt mit Jungs und Zungenküssen, von Aus- und Aufbruchsplänen, sondern auch vom plötzlichen Ende all dieser Zukunftsträume. Rosalie hat, weil von Alkopops betrunken, einen Autounfall gebaut. Die beste Freundin Ella (Marta Kizyma) kam uns Leben. Die beiden Mädchen auf der Leinwand in ihrem real existierenden Lebensunglück sind der anrührende, zu Herzen gehende Widerpart zum Irrealen des Bühnengeschehens.

Die kurzen Rückblenden offenbaren nun auch endlich das Geheimnis der Familie, erzählen von Daseinsvernichtung in mehrfacher Ausprägung, von Verstoßung innerhalb der Familie und aus der Gesellschaft, von Fensterlosigkeit, weil bei Sichtbarwerden doch nur Schimpf und Schande. Nichts herein-, nichts hinaus- und sich auf nichts einlassen, so seither die Werner’schen Devisen. Die durch das plötzliche Aufschlagen der Tochter aus dem Konzept gebracht werden. Sulaver spielt die Rosalie, schwarz gewandet, die Augen schwarz umrandet, als trotzig-verschreckte Kreatur. Nicht weiß man, wo sie war, woher sie kommt, was seither geschah … ein blutig-bandagiertes Knie, einen Buckel hat sie, und hält sich schief wie Richard III.

In Videorückblenden erfährt man, was passiert ist: Marta Kizyma (auf der Leinwand rechts als Ella) mit Sulaver, unten Birkhahn und Morzé. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Demütigungsspielchen eskalieren. Wo Blut schon ist, da fließt noch mehr. Die Eltern geben der Tochter die Schuld an ihrer Selbsteinsargung. Eine Klinge fährt in Vaters Hand, der mütterliche Kleinkrieg ums zunichte gemachte kleine Glück weitet sich von ihm auf die Tochter aus. Die Mutter mischt giftige Beeren in ihre orange Glibberkost, deswegen erfährt man, sie kannte aus der Pappschachtel immer einen Fluchtweg, hat nur den Mann zur Strafe wie gefangen gehalten.

Der toxische Brotaufstrich streckt Werner eins und Tochter Rosalie nieder. Sie sind tot. „Ich weiß nicht, wohin mit mir“, sagt Morzé/Werner zwei über ihren einsamen Schluss. Hilde heißt die Figur übrigens, und nicht einmal der Andachtsjodler wird ihr noch Frieden bringen.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2017