Albertina: Raffael

September 25, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Gemälde und Zeichnungen vom Meister der Harmonie

Raffael: Selbstporträt, 1506. Bild: Galleria degli Uffizi Florenz, Gabinetto Fotografico delle Gallerie degli Uffizi

Raffael bildet mit Leonardo da Vinci und Michelangelo das große Dreigestirn der Renaissance. Mit seinen weltberühmten Zeichnungen zählt der jung verstorbene Meister darüber hinaus zu den größten Zeichnern der Kunstgeschichte. Die Albertina widmet Raffael mit 150 Gemälden und Zeichnungen ab 29. September eine groß angelegte Ausstellung. Ausgehend von den bedeutenden Beständen der Albertina und ergänzt um die schönsten und wichtigsten Zeichnungen bedeutender Museen wie den Uffizien, der Royal Collection der britischen Königin, dem British Museum, dem Louvre, den Vatikanischen Museen und dem Ashmolean Museum in Oxford stellt die monografische Schau das Denken und die Konzeption Raffaels ins Zentrum.

Sie reicht von den ersten spontanen Ideenskizzen, virtuose Detailstudien, über Kompositionsstudien bis zu den ausgeführten Gemälden. Ob als Maler in Umbrien, Florenz und Rom oder im Auftrag von Päpsten und Fürsten – Raffael ist ein wahres Universalgenie der Hochrenaissance, stets auf der Suche nach dem Equilibrium zwischen Naturnachahmung und Idealität.

Die Albertina-Schau zeigt sämtliche bedeutende Projekte des Künstlers: Von der frühen umbrischen Periode bis 1504, über die Jahre des Florenz-Aufenthaltes  von 1504 bis 1508 bis hin zur römischen Zeit 1508 bis 1520, als er sich stark mit der Antike auseinandersetzt, sind beeindruckende Werke aus allen Schaffensphasen zu sehen. Auf universelle Weise bringt Raffael allgemein menschliche Aspekte seiner Geschöpfe, ihren Charakter, ihr Wesen, ihre Gefühle und die Motivation ihres Tuns zum Ausdruck. Wenngleich er sie genau beobachtet, idealisiert er sie und gibt ihnen dadurch allgemeingültige Bedeutung. Seine Figuren treten durch ihre Handlungen in ein Beziehungsgeflecht, in dem Gegensätze und Spannungen geklärt werden, sich auflösen und in einer wundervollen Einheit aufgehen.

Raffael: Die Madonna mit dem Granatapfel, um 1504. Bild: Albertina, Wien

Raffael: Maria mit dem Kind (Madonna Colonna), 1508. Gemäldegalerie Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz. Bild: Jörg P. Anders

Raffael ist ein Meister der Schönheit und der Harmonie, seine Werke sind erfüllt von einer verheißungsvollen Botschaft, die heute noch aktuell ist. Stärker als Leonardo da Vinci oder Michelangelo setzt sich Raffael mit der Kunst seiner Zeitgenossen und Vorgänger auseinander, nimmt sie auf, verarbeitet sie und kommt schließlich zu gänzlich eigenständigen Lösungen. Grundlegend für seine künstlerische Sicht bleibt die Naturbeobachtung, das Studium am menschlichen Modell, an dem er jede Bewegung und jede Haltung seiner Figuren überprüft. Durch die Auseinandersetzung mit dem Ideal der Antike erhalten seine Geschöpfe Monumentalität, Würde und Erhabenheit, und so wird Raffael zu einem der bedeutendsten Historienmaler im großen klassischen Stil.

Raffaels spontane Gedanken und Intentionen sind am unmittelbarsten in den Zeichnungen nachzuvollziehen. Die Betrachtenden glauben geradezu, dem Künstler beim raschen Aufsetzen einer Linie, beim Schraffieren mit Kreide oder Rötel oder beim Korrigieren eines Motivs über die Schulter zu schauen. Raffael zeichnet streng zweckgebunden, immer im Hinblick auf die Ausführung eines Kunstwerks. Er konzipiert dieses in einzelnen Entwurfsschritten, die vom primo pensiero über das Studium einzelner Figuren und Gruppen, den Gesamtentwurf, die Modell- oder Aktstudie bis hin zum Modello und Karton gehen. Dieser systematische Charakter des Entwurfsverfahrens legt Zeugnis davon ab, mit welcher Sorgfalt Raffael seine Werke vorbereitet.
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Raffael: Kopf- und Handstudie, 1519-20. Bild: Ashmolean Museum, Oxford © Ashmolean Museum, University of Oxford

Vor allem in seiner späten Werkphase ist Raffael durch die Fülle von Aufträgen extrem überlastet: Er befasst sich mit der Ausmalung der Stanzen im Vatikan, schafft Entwürfe für die Teppichserie der Sixtinischen Kapelle und die Loggien und arbeitet in der Villa Farnesina. Nach dem Tod Bramantes 1514 wird er schließlich zum Leiter des Neubaus von Sankt Peter und zum Baumeister des päpstlichen Palastes bestimmt. Seine archäologischen Forschungen gipfeln in dem Vorhaben, einen Plan mit den Gebäuden des antiken Rom zu zeichnen.

Neben den päpstlichen Aufträgen für Fresken und Tafelgemälde häufen sich Arbeiten für geistliche und weltliche Mäzene, von denen der reiche Bankier und Unternehmer Agostino Chigi der bedeutendste ist. Um diesen Verpflichtungen nachzukommen, nimmt Raffael die Hilfe von Schülern und Gehilfen in Anspruch. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert versucht die Forschung, Zeichnungen aus dieser Spätphase den Mitarbeitern zuzuschreiben. Die meisten von ihnen sind jedoch in der Tat Arbeiten Raffaels und einige werden in der Ausstellung wieder für den Meister in Anspruch genommen.

Die Auswahl der beeindruckenden Zeichnungen, die auch alle verwendeten Techniken und Materialien, wie Feder, Kreide, Kohle, Metall- und Silberstift, Weißhöhung und Lavierung, vor Augen führen, und die Vielzahl der Gemälde gibt den Besucherinnen und Besuchern die einzigartige Möglichkeit, Raffaels vielseitige künstlerische Persönlichkeit als Maler und Zeichner zu erleben.

www.albertina.at

25. 9. 2017