Schauspielhaus Wien: Tomas Schweigen im Gespräch

September 25, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Lust, sich immer wieder neu zu fordern

Der künstlerische Leiter des Schauspielhaus Wien: Tomas Schweigen. Bild: © Matthias Heschl

Die Hälfte seines Vier-Jahres-Vertrags hat Tomas Schweigen, künstlerischer Leiter des Schauspielhauses Wien, mit Beginn der Theatersaison 2017/18 erfüllt. Zeit für eine Zwischenbilanz. Tomas Schweigen im Gespräch über Erkenntnisse und Entdeckungen, das Spezielle am Wiener Publikum und sein jüngstes Projekt, die „Seestadt-Saga“:

MM: Halbzeit! Was ging bis hierher auf, was ging schief?

Tomas Schweigen: Im Großen und Ganzen sind wir sehr zufrieden – wobei das wiederum kein Zustand ist, mit dem wir uns zufriedengeben. Wenn man das tut, hat man als leidenschaftlicher Theaterschaffender schon verloren. Prinzipiell aber bin ich sehr guter Dinge. Die Wiedereinführung des En-Suite-Spielbetriebs ist aufgegangen, die Auslastungszahlen waren trotz Neuausrichtung schon in den ersten beiden Spielzeiten mit rund 80 Prozent stabil. Darüber sind wir natürlich erleichtert und glücklich. Der En-Suite-Betrieb erlaubt uns unter anderem eine stärkere Gleichbehandlung von Text, Spiel, Regie und Ausstattung, was mir wichtig ist. Etwas, das ich auch in der zweiten Hans-Gratzer-Ära, die ich am intensivsten mitbekommen habe, als prägend für das Schauspielhaus wahrgenommen habe. Und: Man ging damals immer rein, ohne genau zu wissen, was einen in dieser Hinsicht erwartet. Das fand ich spannend, so stelle ich mir Theatermachen vor.

MM: Im Gegensatz zu anderen Städten, in denen Sie zugange waren: Wie einfach oder schwer ist es, in Wien Theater zu machen?

Schweigen: Es ist anders. Es ist speziell. Einerseits sind die Wienerinnen und Wiener so theaterbegeistert, in Wien kommt man ums Theater nicht herum. So ging’s auch mir. Ich hatte früh ein Theater-der-Jugend-Abo, meine Eltern haben mich ins Theater mitgenommen, meine Deutschlehrerin war mit uns Schülern oft im Theater. Das ist sehr besonders, wenn ich das zum Beispiel mit Städten in Deutschland vergleiche. Und wenn man eine Wohnung sucht, ist Wien einer der wenigen Orte, wo es kein Nachteil ist, am Theater zu arbeiten, sondern wo es sein kann, dass man damit beim Vermieter sogar einen gewissen Vorteil  hat. (Er lacht.) Prozentual betrachtet gehen in Wien auch mehr Leute ins Theater als in anderen Städten, und auch die, die nicht so oft gehen, reden darüber.

MM: Und andererseits …

Schweigen: … trennt man in Wien stärker zwischen „Hochkultur“ und der freien Szene. Auch qualitativ. Ich habe in Zürich studiert, da wird qualitativ nicht zwischen dem Theaterhaus Gessnerallee und dem Schauspielhaus unterschieden, so im Sinne von erster und zweiter Liga. Da geht das Publikum heute da und morgen dort hin. Es gibt eine größere Offenheit und selbstverständliche Neugier für das Unbekannte, Neue, Fremde. Für andere Spielweisen und Ästhetiken. Und die freie Szene in der Schweiz ist hochgradig professionell organisiert, international vernetzt, hat gute Arbeitsbedingungen. Dadurch kommen da großartige Produktionen raus, die Szene hat einen hohen Stellenwert. In Wien hat man schnell den Begriff „postdramatisch“ zur Hand, wenn Erzählkonventionen gebrochen werden, egal ob es sich dabei um Postdramatik handelt oder nicht. Er meint in vielen Fällen dann eher abschätzig so was wie „Ich kenn‘ mich nicht aus“.

MM: Sie haben in diesem von Ihnen jetzt beschriebenen Biotop ein kleines Wunder vollbracht. Die Besucherzahlen Ihrer Zuschauer unter 30 Jahren steigen ständig und liegen derzeit bei 50 Prozent. Da treffen Sie offenbar einen Nerv.

Schweigen: Das hoffen wir, wobei wir auch beobachten, dass das auch projektabhängig ist. Mit Formaten wie „Cellar Door“ oder jetzt auch mit der „Seestadt-Saga“ sprechen wir natürlich besonders junge Menschen an. Und klar, ich freue mich, wenn junges Publikum kommt, darüber freut sich jedes Theater. Aber wir wollen alle Altersgruppen ansprechen, alle, die sich für zeitgemäßes Theater interessieren und neugierig sind. Es war und ist mir immer wichtig, zu schauen, was Theater alles ist und sein kann. Ich spiele gern mit der Zuschauererwartung und hole die Leute an einer Stelle ab, wo sie nicht damit gerechnet hätten.

MM: Was freut Sie denn bis hierher besonders? Die Entdeckung von Thomas Köck als Dramatiker oder, dass Sie Bo Nilsson in Wien bekannt gemacht haben?

Schweigen: Ich will da wirklich niemanden einzeln raus nehmen. Sicher sind die beiden besonders, und wir sind stolz und glücklich mit ihnen aber auch mit allen anderen zu arbeiten, aber ich spreche auch nicht so gerne von „unseren“ Entdeckungen. Da wir für „neues, progressives“ Autorentheater stehen, wollen wir vorrangig junge Künstlerinnen und Künstler finden, die zumindest in Wien noch nicht so bekannt sind, an die wir aber glauben und deren Impulse wir für wichtig halten. Und mit denen wir arbeiten wollen. Ich finde es problematisch, wenn sich Theaterleiter und Dramaturgen mit „Entdeckungen“ schmücken, als wären die Künstlerinnen und Künstler ohne sie nicht geboren worden. Wer Talent und Leidenschaft hat, setzt sich früher oder später durch. Aber wir freuen uns, wenn wir Künstler ein Stück ihres Wegs begleiten dürfen, und natürlich ist es toll, wenn wie im Falle Thomas Köck, dessen erste Uraufführung in Österreich wir hier produziert haben, mit dem wir in dieser Spielzeit schon zum dritten Male arbeiten, da einer plötzlich zum Shootingstar im gesamten deutschsprachigen Raum wird …

Die „Seestadt-Saga“ startet am 19. Oktober. Bild: Schauspielhaus Wien

„Golem oder Der überflüssige Mensch“: Premiere ist am 28. September. Bild: Schauspielhaus Wien

MM: So klein brauchen Sie sich nicht zu machen, Sie haben dafür mit dem Hans-Gratzer-Stipendium ein wirkmächtiges Instrument bei der Hand.

Schweigen: Wobei wir das nicht erfunden, sondern weiterentwickelt haben. Es gibt neu eine Themenvorgabe, die allerdings mehr Anstoß als Zwang sein soll. Außerdem gibt es jetzt für jeweils fünf der Bewerberinnen und Bewerber Workshops mit etablierten Autorinnen und Autoren, die dabei jeweils eine Mentorschaft übernehmen, nach Falk Richter und Kathrin Röggla wird es in dieser Saison Wolfram Lotz sein, mit denen man also an den eigenen Texten weiterarbeitet, begleitet von uns, insbesondere von meinem Leitenden Dramaturgen Tobias Schuster. Es gibt also nicht nur die Gewinnerin, den Gewinner, sondern fünf bis sechs Menschen profitieren von diesem Prozess. Und im Rahmen dieser Workshops knüpfen wir außerdem Kontakt zu gleich mehreren Autoren, das ist neben dem Gewinnerstück unser aller Mehrwert. Ich habe mich immer zu einem Autorentheater bekannt, wo einander auf Augenhöhe begegnet wird, auch zwischen Text, Regie und Bühne, und in diesem Sinne ist natürlich auch Bo Nilsson ein Autor, er entwirft seine Welten mit Performern, Spielregeln, Scripts und Räumen – so wie andere klassischen Dialog schreiben. Ich glaube an den ständigen inspirierenden Austausch zwischen Dramatik und Bühne, Schreibenden und Regieteams, Austausch zwischen der Institution und den Künstlern, innerhalb des Ensembles.

MM: Apropos, Austausch: Sie legen auch sehr viel Wert auf Austausch mit dem Publikum. Sie haben da eine beachtliche Reihe an „Nebenschienen“, mit denen Sie das ermöglichen.

Schweigen: Man sollte Theater nicht nur als Ort sehen, an dem einem fertige Produkte vorgesetzt werden, sondern wo man natürlich auch miteinander reden und in Diskussion treten kann. Wir haben ein paar Reihen im Nachbarhaus, wo man sich näher kommt, als normalerweise im Theater. Da ist es ein Vorteil, dass wir kein so großes Theater sind. Wir wollen nah am Zuschauer sein, und da Formate zu finden, wo das möglich ist, ist uns ein Anliegen. In diesem Sinne gibt es auch die neue Reihe „Hausbesuch“, wo jeweils ein bis zwei Schauspieler wirklich privat zu erleben sind. Sie kochen, lesen Lieblingstexte, verraten vielleicht auch intime Geheimnisse.

MM: „Salon in Gesellschaft“ ist auch neu.

Schweigen: Ja, wir hatten mit der Festwochen-Produktion „Agora“ von Robert Misik so großen Erfolg, dass wir dieses Diskutieren von gesellschafts- und tagespolitischen Themen mit hochkarätigen Gästen am Haus weiterführen wollten. „Salon in Gesellschaft“ gibt es schon, er fand bis jetzt im Spektakel statt, und übersiedelt jetzt zu uns. Martin Kitzberger, der auch bei „Agora“ dabei war, wird das auch weiterhin machen, wir versuchen aber schon die Themen mit Produktionen zu verbinden, die bei uns am Haus gerade zu sehen sind.

MM: Sie selbst arbeiten schon intensiv an der „Seestadt-Saga“, die am 19. Oktober beginnen wird. Was und wie wird das? Versuche die Peripherie ans Theater zu führen, haben schon viele unternommen, zuletzt auch die Burg mit einem Bürgerbeteiligungsprojekt. Warum soll gerade Ihr Format funktionieren?

Schweigen: Die „Seestadt-Saga“ ist ein Glücksfall, weil viele Interessen von uns in diesem Projekt zusammenkommen. Uns hat einerseits die Seestadt interessiert, weil sie eine dieser Utopien vom idealen Zusammenleben ist, dieser Frage, wie gesellschaftliches Zusammenleben in Zukunft organisiert werden will, nachgeht. Die Seestadt gehört zu den drei größten Wohnraum schaffenden Baustellen in Europa, im Moment wohnen circa 6000 Menschen dort, 20.000 sollen es werden.

MM: Dieses Projekt ist für das Schauspielhaus wieder einmal eine Gelegenheit, aus dem Theater in die Stadt rauszugehen, was Sie ja gerne machen.

Schweigen: Auch das, genau. Ein Serienprojekt zu versuchen, war mir schon lange ein Anliegen, aber nicht, wie es das, auch an diesem Haus, schon so oft gab: Jede Woche eine Folge, kurze Probenzeit dazwischen, klassische Theaterserie im Theaterraum also. Ich war an einem innovativeren Weg interessiert, einer Form, die es so bis jetzt nicht gab. Es gibt einen eigens dafür installierten Writer’s Room, der die Storyline und die Texte entwickelt, die Handlung läuft über 25 Tage, ununterbrochen in Echtzeit und an den Originalschauplätzen.

MM: Aber wie funktioniert das? Sind die Darsteller vom Haus oder Laien? Wie kann man die Sache verfolgen?

Schweigen: Von unserem Ensemble sind erstmal zwei, drei Schauspieler dabei, zusätzlich Gäste, junge Performer, Laien und auch Bewohner der Seestadt. Wir spielen mit der Vermischung von Realität und Fiktion. Folgen kann man der Story indem man den Social-Media-Profilen der Figuren folgt. Man kann zu zuvor angekündigten Events, Partys, Veranstaltungen direkt in die Seestadt kommen und die Figuren treffen. Die Serie begleitet einen sozusagen vier Wochen lang, wenn man das möchte, in der Arbeit, in der Schule, abends auf dem Sofa, weil ja alles in Echtzeit passiert, und man die Geschichte über die verschiedenen Medien, Facebook- und Instagram-Posts, Tweets, Video-Clips, Fotos und Texte verfolgt. Wem das zu kompliziert und zu komplex wird, kann auch die wichtigsten Ereignisse auf der Seite www.seestadt-saga.at erfahren, auch dort in Echtzeit. Und dort werden jeden Sonntag auch Kurzfilme veröffentlicht, die filmisch zusammenfassen, was im Laufe der letzten Woche geschehen ist. Hilfreich, wenn man etwas versäumt hat oder später eingestiegen ist.

Wieder zu sehen: „Imperium“ … Bild: © Matthias Heschl

… und „Blei“. Bild: © Matthias Heschl

MM: Das klingt alles sehr aufwendig, auch finanziell. Gibt es eine Sonderförderung?

Schweigen: Das Projekt ist von Shift gefördert, einem Fonds der Stadt Wien, mit dem vorrangig Kunst- und Kulturprojekte unterstützt werden, die nicht in der Institution Theater, Museum, und so weiter stattfinden, sondern site-specific, zum Beispiel an der sogenannten Peripherie. Da haben wir uns als Haus mit dem Konzept der „Seestadt-Saga“ beworben und die Ausschreibung gewonnen. Ohne die 50.000 Euro von Shift wäre dieses Vorhaben für uns auch nicht umsetzbar.

MM: Sie haben hier ein fixes Team an Schauspielern, eine, wie ich finde, eingeschworene Gemeinschaft. Dieser Wille zum Ensemble, mit dem Sie ja auch vollbezahlte Arbeitsplätze im Kulturbereich schaffen, ist Ihnen offenbar ein Anliegen?

Schweigen: Das war mir von Anfang an wichtig. Obwohl es natürlich Stimmen gab, die meinten, so, wie wir en suite spielen, braucht man kein fixes Ensemble, da kann man jeden Monat mit anderen Leuten arbeiten. Und so war es ja vor Andreas Beck am Haus auch. Ich habe noch während meines Regiestudiums eine Theatertruppe gebildet, mit der ich intensiv zusammengearbeitet, und die ich auch an Häuser mitgenommen habe. So ein Ensemble entwickelt sich, die Zusammenarbeit entwickelt sich. Diese Kontinuität ist künstlerisch extrem fruchtbar, also war sie mir immer wichtig, denn so kommt man gemeinsam weiter. Mir war also von Anfang an klar, dass ich in Wien ein festes Ensemble haben möchte.

MM: Nach welchen Kriterien?

Schweigen: Dadurch, dass wir so viele Ästhetiken und Arbeitsweisen ausprobieren, müssen unsere Schauspielerinnen und Schauspieler extrem flexibel und offen sein. Sie müssen sich aber nicht nur drauf einlassen, sie müssen’s auch können. Einer, der sagen würde, mit dieser Arbeitsmethode kann ich nicht, passt nicht in unser Team. Und da unsere Schauspielerinnen und Schauspieler nicht gerade unterbeschäftigt sind, finde ich es nur gerecht, dass alle angestellt sind. Ich bemühe mich am Haus um eine flache Hierarchie, wir begegnen uns auf Augenhöhe, da wäre es nicht fair, wenn ich sagte, die hinter den Kulissen sind angestellt, die Schauspieler holen wir uns bei Bedarf.

MM: Das Schauspielhaus ist auch Mitglied der Theaterallianz. Warum sind Sie beigetreten?

Schweigen: Die Allianz wurde schon vor meiner Zeit am Schauspielhaus gegründet: Dabei sind neben diesem Theater das Schauspielhaus Salzburg, das Theater Kosmos Bregenz, das klagenfurter ensemble, das Theater Phönix Linz und ich freue mich, dass wir vor einem Jahr auch das Grazer Theater am Lend ins Boot holen konnten. Ursprünglich ging es vor allem darum, sich über die Bundesländergrenzen hinweg zu vernetzen und Produktionen auszutauschen. Vor zwei Jahren haben wir allerdings dann gemeinsam mit den Allianzpartnern den ersten Autorinnen- und Autorenwettbewerb für zeitgenössische Dramatik mitinitiiert, bei dem jedes Partnertheater zwei Autorinnen oder Autoren vorschlägt und ins Rennen schickt. Wir hatten unter anderem Thomas Köck nominiert, der schließlich mit seinem „Kudlich“ gewann und dann bei uns in Wien uraufgeführt wurde und durch alle Theater der Allianz getourt ist. In der laufenden Saison suchen und wählen wir wieder ein Gewinnerstück, das dann voraussichtlich 2019 uraufgeführt werden soll.

MM: Schauen Sie sich auch anderes Theater in Wien an?

Schweigen: Natürlich, nur meistens will ich mehr sehen, als ich kann, die Zeit ist das Problem. Aber wir arbeiten ja zum Glück im Team, wenn also jemand nicht kann, gehen andere aus dem Team und erzählen dann.

MM: Was wünschen Sie sich für die aktuelle Saison?

Schweigen: Neugieriges Publikum. Und, dass die Sachen, die wir uns so ausgedacht haben, zu spannenden Auseinandersetzungen und Gesprächen führen. Ich bin da sehr optimistisch. Am Theater kann natürlich immer etwas in die Hosen gehen, vor allem, wenn man Dinge probiert, die man so noch nicht versucht hat, und vielleicht auch niemand sonst vor einem. Das ist ein Risiko, aber gerade das zieht uns an, das hält uns wach. Uns treibt die Lust, uns immer wieder auch zu fordern.

www.schauspielhaus.at

25. 9. 2017