Werk X: Das Programm der Saison 2017/18

September 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Grand Hotel Abgrund“ heißt das Motto in Meidling

Die Werk-X-Leiter Ali M. Abdullah und Harald Posch. Bild: Renata Bencke

Sie würden es sich bei einem Aperitif auf der Terrasse ihres Grand Hotels am Rande des Abgrunds gutgehen lassen und geistreiche Debatten über das vor ihnen liegende Desaster führen, unterdessen „die Probleme des verfaulenden Kapitalismus immer offensichtlicher unlösbar“ würden, warf Georg Lukács 1962 Theodor W. Adorno und Max Horkheimer vor. Die Terrasse des gleichen Grand Hotels ist auch heute gut besucht.

Es haben sich lediglich andere Protagonisten eingefunden – und man diskutiert seltener über dialektische Umkehrung und „Instrumentelle Vernunft“. Stattdessen geht es etwa um die Frage, ob man sich in den zurückliegenden Jahrzehnten zu viel mit Identitätspolitiken beschäftigt habe, ob politische Korrektheit Sprechverbote produziere und Linke und Liberale am international zu verzeichnenden Aufstieg einer neuen Rechten am Ende selbst schuld seien. Damals wie heute kann „der tägliche Anblick des Abgrunds zwischen behaglich genossenen Mahlzeiten die Freude an diesem raffinierten Komfort nur erhöhen.“ Unter dem Motto „Grand Hotel Abgrund“ begibt sich das Team des Werk X in der Spielzeit 2017/2018 auf die Spuren der Frankfurter Schule und blickt in die zivilisatorischen Abgründe des Projekts Aufklärung.

„Ziel des Werk X ist es, ein progressives Sprechtheater mit gesellschaftspolitisch relevanten Themen und innovativer Ästhetik in Wien zu etablieren. Einen Ort, an dem Künstler arbeiten, die zwar in Berlin, Hamburg oder Zürich, aber eben nicht in Wien zu sehen sind. Dass uns dies in den vergangenen Jahren gelungen ist, verdankt sich vor allem der konsequenten Arbeit eines außergewöhnlichen Teams“, so Harald Posch, künstlerischer Leiter des Werk X bei der Vorstellung des Spielplans 2017/2018 am Mittwochvormittag.

aktionstheater ensemble. Ich glaube. Bild: Stefan Hauer

Schorsch Kamerun zeigt „Me are the world“. Bild: privat

Die erste Eigenproduktion der neuen Werk-X-Spielzeit hat am 18. Oktober Premiere: ein „Opernspektakel zum Ende der Vielfalt“ von Schorsch Kamerun. Titel: „Me are the world“. Am 18. Jänner gelangt „Homohalal“ von Ibrahim Amir zur Aufführung. Vor etwa zwei Jahren sagte das Volkstheater die geplante Aufführung des Stücks angesichts der hitzigen Diskussion um Geflüchtete ab. „Wir sind überzeugt, einen angemessenen Umgang mit diesem Stoff zu finden, der auch heute noch Potenzial zur Diskussion birgt“, so Werk-X-Co-Leiter und Regisseur Ali M. Abdullah.

Zu sehen sind außerdem Pasolinis „Der Schweinestall“ als Gastspiel des Residentheater München, hier werden die Termine noch bekannt gegeben, „Mission der Schönheit“ von Sibylle Berg, Regie von  Julia Burger (Premiere: 19. Februar), „Onkel Toms Hütte“ ab 15. März in einer Inszenierung von Harald Posch und Elfriede Jelineks „Raststätte oder So machens alle“ in einer Inszenierung von Susanne Lietzow (ab 10. April). Diskussionen und Gespräche zur Lage der Zeit soll es auch in diesem Jahr in diversen Formaten wieder geben.

Die neue Spielzeit bringt auch einige Veränderungen mit sich. So wird das „diverCITYLAB“ von Asli Kislal, das in den vergangenen vier Jahren am Werk X aufgebaut wurde, nun andernorts weitergeführt – dafür erhalten die Wiener Wortstätten ein „Asyl X“, in dem sie nach der umstrittenen Einstellung der öffentlichen Förderung weiter arbeiten können. Hinsichtlich der Juryempfehlung vom März 2017 finden gegenwärtig die abschließenden Gespräche mit dem Kulturamt über den vom Stadtrat gewünschten Spielstättenverbund ab 2018 statt. Das Werk X ist bemüht, so Posch, die Möglichkeiten für die  freie Szene weiter auszubauen und die Rahmenbedingungen zu verbessern.

Das Werk X kann auf eine Auslastung von 87 Prozent und 24.480 Zuschauerinnen und Zuschauer in 271 Veranstaltungen verweisen. Den Hauptanteil an diesem Erfolg tragen Produktionen wie „Demokratische Nacht – Du Prolet!“ nach Ödon von Horváths „Italienische Nacht“ (Inszenierung: Harald Posch), die auf Einladung des künftigen Burgtheater-Intendanten Martin Kusej an dessen aktueller Wirkungsstätte, dem Münchner Residenztheater, gastieren wird. Thirza Brunckens Inszenierung von „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ (Romanvorlage: Clemens J. Setz) oder Ali M. Abdullahs Bühnenfassung des Romans „Macht und Rebel“ von Matias Faldbaken erwiesen sich als Publikumsmagneten. Die Spielzeit 2017/2018 startet am 11.10.2017 mit „Ich glaube“, einer Produktion des aktionstheater ensemble, und am 18.10.2017 mit „Me are the world“ von und mit Schorsch Kamerun.

werk-x.at

21. 9. 2017