mumok: Naturgeschichten. Spuren des Politischen

September 19, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Kolonialismus, Krieg – und ein echter Kojote

Die Giraffe als Opfer des Kolonialismus: Candida Höfer: Zoologischer Garten Paris II, 1997. Bild: Courtesy the artist. © Bildrecht Wien, 2017

Die Ausstellung „Naturgeschichten. Spuren des Politischen“, ab 23. September im mumok, befasst sich mit Darstellungen von Natur, die auf gesellschaftliche Prozesse und zeitgeschichtliche Ereignisse Bezug nehmen. Die Arbeiten unterlaufen sowohl die Vorstellung von Natur als geschichtsfreiem Raum als auch die Fiktion eines unveränderlichen, naturgegebenen Geschichtsbildes. Sie verdeutlichen in unterschiedlichen Themenfeldern den Wechselbezug von Natur und Geschichte.

Und zwar jenseits romantisierender Natur- und Geschichtsverklärung. Auf drei Ausstellungsebenen spannt die Präsentation einen Bogen von den 1960er-Jahren bis in die Gegenwart. In der Ausstellung zeigt sich, dass zeit- und systemkritische Kunst, die sich auf den Kolonialismus und seine Folgen, auf totalitäre Ideologien und kriegerische Konflikte sowie auf gesellschaftliche Veränderungen im Zuge politischer Systemwechsel bezieht, bis heute eine zentrale Bedeutung besitzt.

Die Schau setzt mit Arbeiten der Neoavantgarde ein, die in ihrer Reflexion über die Rahmenbedingungen künstlerischer Produktion und Rezeption auch deren gesellschafts- und geschichtskritische Dimensionen mitdenken. Beispielhaft dafür sind Arbeiten von Marcel Broodthaers, Joseph Beuys, Hans Haacke, Mario Merz, Hélio Oiticica oder der Künstlergruppen SIGMA aus Rumänien und OHO aus Slowenien. In seiner Rauminstallation „Un jardin d’hiver II“ (1974) spielt Broodthaers mit exotischen Pflanzen- und Tiermotiven auf die bürgerliche Sehnsucht nach fernen und fremden Ländern ebenso wie auf deren kolonialistische Ausbeutung an.

Joseph Beuys verweist in seiner Aktion „I Like America and America Likes Me“ (1974) mittels eines Kojoten als Symboltier der indianischen Ureinwohner Amerikas auf deren gewaltvolle Kolonialisierung. Während Mario Merz mit dem Motiv des Iglus als Zeichen naturverbundener nomadisierender Lebensform Zivilisationskritik betreibt, unterläuft Hans Haacke mit seinem „Grass Cube“ (1967) die im minimalistischen Kubus imaginierte nüchtern-zweckfreie Form und aktiviert stattdessen naturhaftphysikalische Prozesse als Gegenentwurf zu einem realitätsblinden Kunst- und Gesellschaftsbegriff.

Jonathas de Andrade: ABC da Cana / Sugarcane ABC, 2014 (26 Fotografien/Detail). Bild: Courtesy Jonathas de Andrade and Galleria Continua, San Gimignano, Beijing, Les Moulins, Habana

Joseph Beuys: I like America and America likes Me, 1974. Einwöchige Performance von Joseph Beuys anlässlich der Eröffnung der René Block Gallery New York im Mai 1974. Bild: Courtesy Archiv Block, Berlin. © Bildrecht Wien, 2017

Auch in naturbezogenen Arbeiten von Künstlern aus osteuropäischen Staaten und aus Lateinamerika spiegeln sich zeit- und systemkritische Anliegen: In den Arbeiten der Sigma-Gruppe (Ștefan Bertalan, Constantin Flondor, Roman Cotosman und Doru Tulcan) werden in den zunehmend restriktiver werdenden 1970er-Jahren unter dem Ceauşescu-Regime Natur und Wissenschaft zu Plattformen nonkonformistischer Kunst. Im titoistischen Jugoslawien bekundet die OHO-Gruppe (Marko Pogačnik, David Nez, Milenko Matanović, Andraž Šalamun, Naško Križnar und Marjan Ciglic), anknüpfend an die Konzeptkunst und durch den Rückzug in die ländliche Natur, ihre Kritik an der politischen Fortschrittsideologie wie auch am kunstbetrieblichen Karrieredenken. Die globale Bedeutung der Natur als politisches Motiv Ende der 1960er-Jahre zeigt sich auch in Oiticicas Installation Tropicália (1968), die auf die gleichnamige Protestbewegung gegen die brasilianische Militärdiktatur der Zeit Bezug nimmt.

Vertreter der nachfolgenden Künstlergenerationen bedienen sich sowohl kolonialismuskritischer als auch geschichts- und gesellschaftskritischer Traditionen der Neoavantgarde und aktualisieren sie für ihr eigenes zeitgeschichtliches Umfeld. Eine kritisch-analytische Sicht auf koloniale und postkoloniale Geschichte findet sich in den Arbeiten von Jonathas de Andrade, der sich brasilianischen Plantagearbeitern zuwendet, oder bei Matthew Buckingham, Andrea Geyer und Stan Douglas, die die Kolonialisierung des amerikanischen Kontinents thematisieren. Auch Mark Dions Installation über einen fiktiven Ethnografen, Candida Höfers Fotografien von Zoos, Christian Philipp Müllers oder Isa Melsheimers Bezugnahme auf das Verhältnis von Kolonialisierung und Pflanzentransfer sowie Margherita Spiluttinis Fotografien von exotischer Kulissenmalerei des 18. Jahrhunderts beleuchten Aspekte kolonialer Geschichte und deren Folgen bis in die Gegenwart.

Mario Merz: Igloo di Giap, 1968. Leihgabe Centre Pompidou, Paris. Bild: Centre Pompidou, MNAM-CCI, Dist. RMN-Grand Palais / Philippe Migeat. © Bildrecht Wien, 2017

Beitrag aus Rumänien: Constantin Flondor (SIGMA Group): Knoten, dreieckige Prismen, 1974. Bild: mumok. © Constantin Flondor/Sammlung Georg Lecca, München

Die Arbeiten von Anri Sala, Ingeborg Strobl, Lois Weinberger sowie Anca Benera und Arnold Estefan behandeln Veränderungen und Verwandlungen öffentlicher und historischer Orte durch natürliche Prozesse. Die alles überwuchernde Natur erweist sich dabei als Indikator geschichtlicher Dynamiken. So zeigt Sala in „Arena“ (2003) den Verfall des Zoos in Tirana als Folge und Metapher zerbrochener gesellschaftlicher Ordnung. Während bei Strobl und Weinberger Verfallsprozesse im Landschaftlichen oder Urbanen vom Bedeutungsverlust einst funktionierender Strukturen in Krisenregionen zeugen, bringen Anca Benera und Arnold Estefan die absichtsvolle Tarnung ehemaliger Militäreinrichtungen und Kriegsschauplätze durch künstlich angelegte Naturanlagen ans Licht.

Naturdarstellungen prägen auch Werke, die sich mit Völkermord im Rahmen totalitärer Systeme und kriegerischer Konflikte auseinandersetzen. Die Geschichte des nationalsozialistischen Terrors und des Holocausts begegnet den Betrachtern in den Arbeiten von Heimrad Bäcker, Mirosław Bałka, Tatiana Lecomte, Ion Grigorescu und Christian Kosmas Mayer. Wendet sich Mayer der Geschichte der sogenannten Hitler-Eichen zu, die 1936 bei der Olympiade in Berlin an die Sieger vergeben wurden, so haben Bałka, Lecomte, Grigorescu und Bäcker die Opfer und die Landschaften, Architekturen oder Relikte von Konzentrationslagern im Blick, um an die Verbrechen und ihre Verdrängung zu erinnern.

Mark Dion: The Tar Museum – Skeleton Cabinet, Lizard and Gecko & Flamingo, 2006. Bild: mumok / Klaus Pichler. Courtesy the artist and Georg Kargl Fine Arts, Vienna

Weitere Arbeiten, die von politisch motivierter Gewalt, von Flucht oder Widerstand handeln, schließen hier an: so Christopher Williams’ Fotoserie „Angola to Vietnam“ (1989), in der Glasmodelle von Pflanzen an politische Morde gemahnen, oder Sandra Vitaljićs Fotoarbeiten „Infertile Grounds“ (2012), in denen verborgene Orte in der Natur als Zeugen kriegerischer Massaker ausgewiesen werden. Ebenso zählt Sanja Ivekovićs Bezugnahme auf ein Flüchtlingslager während des Balkankrieges in ihrer Arbeit „Resnik“ (1996) zu diesem Themenfeld.

Wie auch die Arbeiten Sven Johnes, Alfredo Jaars und Nikita Kadans. Während Sven Johne anhand eines erfundenen Flüchtlingsschicksals in der ehemaligen DDR gesellschaftliche Realität untersucht und Alfredo Jaar die vietnamesischen Boatpeople porträtiert, die während des Vietnamkrieges über das Meer nach Hongkong geflüchtet waren, bezieht Kadan Stellung zur ukrainischen Revolution von 2013 in Kiew. Er führt in einer Diaserie die Rolle von provisorischen Gärten als Nahrungsreservoir für die 2013 gegen den Expräsidenten der Ukraine, Viktor Janukowitsch, revoltierende Bevölkerung auf dem Maidan-Platz vor Augen.

www.mumok.at

19. 9. 2017