Vladimir Jabotinsky: Die Fünf

März 14, 2013 in Buch

Untergang einer alten Welt

51b7MSuT50L._SL500_Odessa ist Ende des 19. Jahrhunderts eine Stadt des pulsierenden Lebens. Doch Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung werden auch in Russland keine Seltenheit. Die große jüdische Gemeinde ahnt noch nichts von der drohenden Gefahr. Die Wohlhabenden leben ein ungestörtes Leben der Bälle und Circles, bei denen junge Damen ihre unzähligen männlichen Verehrer um den kleinen Finger wickeln. Ein jüdischer Feuilleton-Journalist (Jabotinsky selbst) präsentiert das Schicksal Odessas an Hand der Familie Milgrom und ihren fünf Kindern: Matussja und Lika sowie ihrer Brüder Serjosha, Marko und Torik, die nicht unterschiedlicher sein könnten – so auch ihre Einstellung zum Judentum. Matussja ist der Mittelpunkt des gastfreundlichen Hauses, das von einer Vielzahl von Gästen besucht wird. Ihr Bruder Serjosha ist das genaue Gegenteil, der geborene Lebemann, der alles in Frage stellt und kein Verbot akzeptiert. Dass er schließlich von seinem anscheinend naiven Bruder Torik, der zu einem Karrieristen wird, abgelöst wird, ist eine Ironie des Schicksals. Lika repräsentiert die dunkle Seite der Familie, die ihre eigenen Spielchen spielt und sogar die zaristischen Spione austrickst.

Vladimir Jabotinsky lässt seinen ICH-Erzähler und Lika auf Reisen durch Europa gehen, lange in Italien weilen, auch in Bern. Immer wieder fährt der Erzähler zurück nach Russland, auch nach Odessa, besucht die mit einem Apotheker verheiratete Marussja, trifft deren Geschwister und nimmt Teil am tragischen Schicksal, am Auseinanderbrechen der Familie. Und so wie die Mutter, im Lauf weniger Jahre ergraut ist, so ist Odessa auch eine graue Stadt geworden. Das langsame Abgleiten in einen Überwachungsstaat, die Zensur von Zeitungsberichten, das Gründen von Bürgerwehren gegen die jüdischen Mitbewohner. Am Schluss bleiben noch einige Familienmitglieder zurück, die glauben noch an ein Recht festhalten zu können, das es schon lange nicht mehr gibt. Und dann gibt es auch Opportunisten.

Die Andere Bibliothek, Vladimir Jabotinsky: “Die Fünf“, 266 Seiten, Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt, die Lyrik wurde übertragen von Jekatherina Lebedewa

www.die-andere-bibliothek.de

Von Rudolf Mottinger

Wien, 14. 3.  2013