steirischer herbst 2017: Fünf Tipps aus dem Programm

September 15, 2017 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Hoffnung, Angst und allerlei Untotes

Nature Theater of Oklahoma & Elfriede Jelinek: Die Kinder der Toten – das New Yorker Performancekollektiv lädt mit öffentlichen Dreharbeiten zum Mitspielen ein. Bild: Ditz Fejer

Der steirische herbst feiert Jubiläum, er findet bereits zum 50. Mal statt. Diesen Anlass greift das Festival ab 22. September auf, um grundsätzliche Fragen zu Kunst und Gesellschaft zu stellen: Wo steht man eigentlich? Was hat zu dieser Gegenwart geführt? Und mit welchen Mitteln will man den Platz in der Welt und die Wege, die man zukünftig einschlägt, überhaupt bestimmen? Oder, so das Motto nach einem späten Song von David Bowie: „Where Are We Now?“

Die Beteiligten und Projekte des Jubiläumsprogramms 2017 schaffen Zeit und Raum für Erkenntnis und Sinnlichkeit, Spielfreude im Umgang mit Historischem und Neugier auf das Kommende. Zweckrationalität und Fortschrittsglauben treten hinter das Hier und Jetzt. In unterschiedlichsten Formaten wird nach der Rolle von Hoffnung, Angst und Glücksversprechen für die individuelle wie kollektive Verfassung gefragt. Verborgene Zusammenhänge, allerlei Untotes und verdrängte Wahrheiten treten zu Tage. Träume, Schwindelerregendes und atemberaubend Überstürztes finden ihren Platz im Programm.

Für diverse Veranstaltungen gibt es Shuttles von Wien, Linz und Graz. Fünf Highlights aus dem Programm:

Nature Theater of Oklahoma & Elfriede Jelinek: Die Kinder der Toten – Der Große Dreh. Ab 15. 9.,Treffpunkt im VAZ Mürzer Oberland. Eintritt frei! Das Nature Theater of Oklahoma wagt das Unmögliche: eine Verfilmung von Elfriede Jelineks Roman „Die Kinder der Toten“. Der Dreh rund um Neuberg an der Mürz ist gleichzeitig eine Live-Performance. Wer will, kann zusehen, und vor allem: mitmachen. An den Originalschauplätzen in der Obersteiermark wird das New Yorker Performance-Kollektiv  öffentliche Dreharbeiten inszenieren. Dabei ist die Beteiligung der ortsansässigen Bevölkerung wie auch des herbst-Publikums in jeder Hinsicht erwünscht. Größte und kleinste Rollen sind zu vergeben. An allen Ecken und Enden des Films herrscht Bedarf. Egal, ob man nur einen oder zehn Tage Zeit hat, alle, die Lust auf ein Abenteuer haben, können an den Dreharbeiten teilnehmen. Geboten werden wilde Heimatfilm-Phantasmen und eigentümlich anheimelnder Horror. Gedreht wird bis Mitte Oktober an sieben Tagen in der Woche, für die großen Drehs an den Samstagen werden besonders viele Mitwirkende gesucht: Ob man sich am Rande eines monströsen Unfall-Szenarios wiederfindet, einer Untotenparade beiwohnt oder dabei ist, wenn in einem verfallenen Kino die Toten aus der Leinwand steigen – man wird immer zugleich zuschauen und mitspielen. Informationen unter kinderdertoten@steirischerherbst.at; Drehplan unter www.steirischerherbst.at/drehplan.

Bild: Tianzhuo Chen

Florentina Holzinger: Apollon Musagète. Bild: Radovan Dranga

 

 

 

 

 

 

 

 

Florentina Holzinger: Apollon Musagète. Ab 28. 9., Dom im Berg. Die Inszenierungen von Florentina Holzinger sind geprägt durch Kompromisslosigkeit, Kickboxen, Ballett, Gewichtheben, Freakshow und Stunting: In einer nicht enden wollenden Tour de Force eignet sich die österreichische Performerin und Choreografin unterschiedlichste Körpertechniken an, die sie auf der Bühne zugleich meistert und zerstört. Eine Beschwörung der menschlichen Lebenskraft – mit Sexualität, Humor und großer Lust am Risiko. In „Apollon Musagète“ seziert Holzinger das Genre der Freakshow und lässt es mit neoklassischem Ballett kollidieren. Ein nur aus Frauen bestehender Cast nimmt mit großer Leidenschaft Balanchines Choreografien auseinander und konfrontiert deren strenge Form mit der unberechenbaren Kraft und dem tabulosen Witz der Performerinnen. Okkulte Fitnessgeräte, Werkzeuge und schweres Geschütz kommen zum Einsatz und lassen die skurrilen Gemeinsamkeiten zu Tage treten, die die revolutionären Performances der 1960er- und 70er-Jahre mit dem historischen Entertainment der „All American Freakshows“ verbindet: Kategorien von Können und Dilettantismus geraten gehörig ins Wanken, virtuos entlarven die Tänzerinnen den klassischen Mythos von der perfekten Frau, wie er sich in Balanchines Musen manifestiert. Ein Abend voll Wahnsinn, Lust und Ekel, Trash, Entertainment und Hochkultur. Niemand wird geschont, weder das Publikum noch die Künstlerinnen. Erstaufführung im deutschsprachigen Raum.

Gunilla Heilborn & Theater im Bahnhof: The Wonderful and the Ordinary. Ab 29. 9., Orpheum. Die schwedische Regisseurin Gunilla Heilborn und das Grazer Theater im Bahnhof teilen eine Liebe zum Alltäglichen. Und so begeben sich drei Ensemblemitglieder des TiB gemeinsam mit einer Performerin und einem Tänzer aus Schweden auf die Suche nach Techniken des Erinnerns für die kleinen Details des alltäglichen Lebens. Was löst Erinnern aus? Ist es ein Geruch, ein Pop-Song? Ist das Gedächtnis ein Feld, auf dem man herumstreunt, um Dinge aus der Vergangenheit zu finden? Und wie wäre es, einer dieser wenigen Menschen zu sein, die ein extremes Erinnerungsvermögen haben, das ihnen erlaubt, sich an alles zu erinnern, was sie jemals getan haben – Albtraum oder Segen? Mit verschiedensten Mitteln versuchen die Performerinnen und Performer, ihre Erinnerungen abzurufen, wiederholen und hinterfragen sie – mit besonderem Fokus auf dem, was jenseits großer Ereignisse und Lebensmomente zu liegen scheint. Der 7. April 2017 in Stockholm zum Beispiel: „Wir verlassen die Arbeit per Boot. Mit anderen, die das normalerweise nicht tun würden. Es ist ein schöner Abend. Ein schrecklicher Tag. So ruhig.“ Eine Uraufführung.

Berlin: Zvizdal. Bild: Frederik Buyckx

Gunilla Heilborn & Theater im Bahnhof: The Wonderful and the Ordinary: Gunilla Heilborn, Pia Hierzegger, Monika Klengel und Lorenz Kabas. Bild: Heilborn/Theater im Bahnhof

Berlin: Zvizdal. Ab 10. 10., Orpheum. Nadia und Pétro Opanassovitch Lubenoc wohnen mehr als 80 Jahre im ukrainischen Zvizdal. Auch die nukleare Katastrophe im nahe gelegenen Kraftwerk von Tschernobyl hat daran nichts ändern können. Ihr Dorf wurde für unbewohnbar erklärt und evakuiert. Während alle Nachbarinnen und Nachbarn es verlassen haben, sind Nadia und Pétro geblieben. „Wenn du an einem Ort geboren wurdest, solltest du in deiner natürlichen Umgebung bleiben“, sagt Pétro. „Wenn ich in eine andere Gegend umziehen müsste, würde ich sterben.“

30 Jahre haben die beiden in selbst gewählter Einsamkeit gelebt. Ohne fließendes Wasser, Strom und Telefon. Inmitten geplünderter Häuser und umgeben von einer Natur, die ungehindert von der unsichtbaren, aber allgegenwärtigen radioaktiven Strahlung das vormals besiedelte Terrain zurückerobert. Eine Situation zwischen Stillstand und Zerfall. Die Künstlergruppe Berlin hat das Paar zusammen mit der Journalistin Cathy Blisson über fünf Jahre hinweg besucht und gefilmt. Das dokumentarische Filmmaterial wird in den Aufführungen mit Live-Bildern aus einem Miniatur-Modell verschnitten, das Pétros und Nadias kleines Biotop im Wechsel der Jahreszeiten zeigt.

Ein Projekt über Einsamkeit, Überleben, Hoffnung, Liebe und den Eigensinn zweier Menschen, die gegen jede verordnete Vernunft handeln – sowie über Kunst, die diese Menschen ebenso unvernünftig und mutig mit langem Atem begleitet. Österreichische Erstaufführung.

Tianzhuo Chen: An Atypical Brain Damage. Ab 12. 10., Dom im Berg. Mit seiner Uraufführung für den steirischen herbst inszeniert Tianzhuo Chen eine düstere und gleichermaßen lustvolle Pop-Oper, in der sich instrumentelle Live-Klänge mit pumpenden Beats vermengen und großstädtische Fashionarroganz auf die Camouflagejacken chinesischer Bauern trifft. Das Publikum bewegt sich durch einen installativen Bühnenraum, in dem kulturelle Codes und ikonografische Figuren von Performerinnen und Performern seziert und akribisch wieder zusammengesetzt werden. Das Material für diese hybride und gleichermaßen ekstatische Leichenfledderei stammt aus globaler Club-Kultur, aus Folklore und Social Media, sowie nicht zuletzt aus Diskursen rund um „das Asiatische“ und „das Europäische“. Tianzhuo Chen ist einer der prominentesten Vertreter einer jungen Generation chinesischer Kunstschaffender, die mit großem Selbstbewusstsein die Extravaganz und selbstgewählte Exotisierung einer kommerzialisierten asiatischen Identität zelebrieren. Für seine Objekte, Performances und Videoarbeiten gestaltet er farbenfrohe, groteske Bildwelten, die voll sind von Referenzen zu Buddhismus, Butoh und Drag, und stellt so eine Verbindung zwischen dem Zusammenbruch überkommener Moralvorstellungen und traditioneller Glaubenswelten her. Tianzhuo Chen war 2017 bereits mit „自在天 / Ishvara“ bei den Wiener Festwochen zu Gast. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25039

www.steirischerherbst.at

15. 9. 2017