Gunkl: Zwischen Ist und Soll – Menschsein halt

September 14, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Herr Asperger und wie er die Welt sieht

Bild: Robert Peres

Am Dienstag lud Kabarettist Gunkl in den Stadtsaal, Anlass: die Premiere seines jüngsten Abends für Denksportbegabte mit dem Titel „Zwischen Ist und Soll – Menschsein halt“. Entlang also der Sollbruchstelle, an der die meisten versuchen, die Selbstbeschädigung aufgrund von zu viel Ich-und-Ist-Reflexion möglichst klein zu halten, lässt Gunkl seinen Abend entlangwandern.

Der Experte für eh alles erklärt den Unterschied zwischen Mitschwingen und Rütteln am ruhenden Objekt, und präsentiert sein Programm als Gemenge aus der ihm eigenen Sprachverliebtheit, wissenschaftlichem Vortrag und Sätzen von so tiefer Wahrheit, dass man ihnen gar nicht bis auf den Grund gehen möchte. Und es ehrlich gesagt mitunter auch nicht kann. Gunkl beim gestreckten Galopp durch sein Gehirn zu folgen, das wird für den Zuhörer streckenweise zum Parforceritt. Seine Analyse der Gemenge-Lage der Menschheit, sein Zerpflücken des Allzu- wie des Unmenschlichen ist jedenfalls so scharfsinnig wie scharfzüngig, Motto: Wer Fragen stellt, muss mit den Antworten leben können, und diesmal eine Lehrstunde in Sachen Non/Kommunikation. Sprach- und Sprichwortkritik inklusive.

Es geht ums Mies- und Missverstehen, Zitat: „Wenn man sagt: ,Das Unsichtbare bleibt dem Auge meist verborgen‘ nicken die allermeisten gleich einmal in verzückter Betulichkeit so, als hätte man da etwas sehr Kluges gesagt. Die, die nach zwei Sekunden ein stumpfes Stöhnen von sich geben, mit denen ist ein sachlich ergiebiges Gespräch möglich. Die, die weiterhin nicken, sollte man in ihrem Glück lassen.“ Auch sehr schön ist, wie Gunkl das Unsinnswort „postfaktisch“, so gern verwendet von denen, die sich die Beschreibung von Wirklichkeit aufs Fähnchen geheftet haben, weil gleichbedeutend mit „nach den Fakten“ als semantisches Eigentor entlarvt …

Mehr denn jemals ist „Zwischen Ist und Soll“ eine Ich-Erzählung. Gunkl erzählt von sich, und warum ihm ein Zahnarztbesuch lieber ist, als der eines Fests (weil er den Sinn des ersteren erkennt, und dessen Ende eine klare Vereinbarung und deutlich abzusehen ist, während Partys auf unbestimmte Weise und in nicht dingfest zu machender Zeit abebben), und wie er sich als Schüler gegen das Teenagercliquenhafte seiner Umgebung stemmte. Schwarmintelligenz ist Gunkls Sache nicht, der selbstdefinierte Sozialasket ist sich Menge genug. Das erklärt sind, weil er ein „Aspergerischer“ ist, Asperger – Gunkl: „eine Art Autismus light“, eine Artung, die Konzepte den Gefühlen vorzieht, und Wissen um des Wissens willen schätzt. Fazit Gunkl: „Ich kenn‘ mich halt gern aus.“

Bild: Robert Peres

Bild: Robert Peres

Die Klarsicht auf die Welt sieht sich allerdings konterkariert durchs getrübte Gehör, das nur durchlässig ist für das, was es hören will. Selektive Wahrnehmung ist was Feines, und Gunkl garniert diesen Priming-und-Framing-Effekt mit einer Anekdote aus seinen Jugendtagen, als Eric Carmen mit seinem „All By Myself“-Song sein absoluter Held war. Bis ihm Jahre später die zweite Refrainzeile bewusst wurde, „Don’t wanna be“, und er sich dachte: „Memme!“

In all diesen Beobachtbarkeiten und darob dargelegter Beweggründe ist „Zwischen Ist und Soll“ mehr als intellektuelle Nabelschau, nämlich durchaus tages/politisch. Gunkl braucht keine Politiker-, um die Dinge beim Namen zu nennen. „Nur darüber zu reden, was wir gemeinsam haben, ist gefährlich. Darüber, was uns trennt, müssen wir reden“, sagt er – und sein Publikum weiß genau, wer gemeint ist.

Kritik gibt es auch an der Vorgabe, immer noch besser, heißt: optimiert werden zu müssen, es mit dem ständigen Soll nicht einmal gut sein und die Welt, wie sie ist, lassen zu können.

„Denn wenn mehr immer besser ist, dann ist viel nie genug.“ Ein Antiglobalisierung-Neoliberalismuskritik-Satz, der heftig beklatscht wurde. In seinem Nachdenken über das Umgehen mit der Welt, hofft Gunkl auf eine „grandiose Selbsternüchterung des Menschen“, wobei er davor in anderem Zusammenhang Nüchternheit bereits als „Ersatzdroge“ ausgewiesen hatte. Das Publikum dankte für derlei humorvolle Spitzfindigkeit mit viel Lachen und Applaus. Eine gab der Wortfuchs am Ende noch mit auf den Weg: „Wenn der Weg das Ziel ist, dann sollte man in der Wahl der Richtung sehr sorgfältig sein …“ Für die meisten Zuschauer ging’s danach Richtung U3.

Gunkl im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=25806

www.gunkl.at

www.stadtsaal.com

  1. 9. 2017