Wien Museum: Ganz Wien. Eine Pop-Tour

September 12, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Kostbarkeiten aus 70 Jahren Musikgeschichte

Wolfgang Ambros: Es lebe der Zentralfriedhof, LP, 1975. Bild: Coverfoto Wolfgang Sos

Wien als Musikstadt: Dieses überstrapazierte Label speist sich zumeist aus den unterschiedlichen Spielarten der klassischen Musik, von der Wiener Schule Haydns, Mozarts und Beethovens über Schubert und Strauß bis hin zur Zwölftonmusik. Das diesbezügliche Terrain inklusive einer spezifischen „Wiener“ Ästhetik ist wissenschaftlich gründlich aufbereitet.

Anders verhält es sich mit der popkulturellen Musik seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Zwar gelten Namen wie Georg Danzer, Falco oder neuerdings Wanda über die Grenzen Österreichs hinaus als ebenso singuläre wie prototypische Musikbotschafter Wiens.

Doch eine systematische Erfassung und Beschreibung des Phänomens gibt es erst in Ansätzen. Die Ausstellung des Wien Museums „Ganz Wien. Eine Pop-Tour“ unternimmt ab 14. September den nächsten Schritt und erzählt eine Geschichte Wiens anhand von elf popkulturellen Brennpunkten seit den 1950er-Jahren: vom Strohkoffer, in dem unter anderem die Wiener Gruppe auftrat, über das skandalumwitterte Voom Voom der 60er-Jahre, den Folkclub Atlantis der 70er-Jahre und die 80er-Kultdisco U4 bis hin zu jüngeren Szenetreffs wie Flex oder rhiz.

Eine „Pop-Tour“ durch Wien ist gerade jetzt besonders aktuell: International erfolgreiche Acts wie Bilderbuch haben bei Falco und der Wiener Gruppe gelernt, Sänger wie Der Nino aus Wien oder Voodoo Jürgens führen auf ihre Weise eine spezifische Wiener Tradition, die einst von H.C. Artmann begründet und dann von Wolfgang Ambros aufgegriffen wurde, fort. Von den Verbindungen Gustavs zum Protest-Kollektiv Schmetterlinge ganz zu schweigen.

Georg Danzer übergibt Frau Josefine Hawelka die Single Jö schau, 1975. Bild: Wolfgang Sos

Falco, 1985. Bild: Didi Sattmann

Die Ausstellung „Ganz Wien“ zeigt Kostbarkeiten und unbekanntes Material aus zahlreichen, vornehmlich privaten Sammlungen und Archiven: Videos, Konzertfotos, Plattencover, Flyer und Plakate, Bühnenoutfits, Musikinstrumente und Kurioses. Insgesamt sind mehr als 300 Objekte zu sehen.

Dazu kommen über 40 Stationen mit Soundbeispielen aus fast 70 Jahren Popgeschichte, von Wolfgang Ambros, Die Bambis, Bilderbuch, Blümchen Blau, Chuzpe, Al Cook, Georg Danzer, Drahdiwaberl, Falco, Gustav, Hallucination Company, André Heller, Kruder & Dorfmeister, Hansi Lang, Marianne Mendt, Minisex, Der Nino aus Wien, Novak’s Kapelle, Pulsinger & Tunakan, Schmetterlinge, Schönheitsfehler, Soap & Skin, The Dead Nittels, The Vienna Beatles, Tom Pettings Herzattacken und Wanda.

Außerdem ist in der Ausstellung eine Auswahl aus dem „Lexikon der österreichischen Popmusik“ von Ö1 zu hören. Dabei handelt es sich um eine Radiokollegreihe, die Leben und Werk einzelner Musikerinnen, Musiker und Bands dokumentiert und ihre Bedeutung für die österreichische Musiklandscha ft sowie ihre Rolle bei der Entstehung gegenkultureller Milieus reflektiert oe1.orf.at/lexikonderpopmusik.

Nehmen Sie hoch das Bein, treten Sie ein!: ein Ausstellungsrundgang

Den Beginn macht ein kleiner Raum mit angeschlossener Galerie in der Kärntner Straße Nr. 10, den der Art Club Wien 1951 eröffnete: der Strohkoffer. Das 48m² große Kellerlokal war an den Wänden mit Schilfrohr verkleidet (eine Idee des Architekten Oswald Haerdtl), was den Bildhauer Fritz Wotruba zur Namensgebung inspirierte. Nicht nur Vertreter der Bildenden Künste trafen sich dort, auch Literaten und Musiker schätzen die dichte, kreative Atmosphäre. Es gab Lesungen, Performances und Konzerte. Die Wiener Gruppe, Ernst Jandl, Friederike Mayröcker, Friedrich Gulda sowie die Jazzer Uzzi Förster, Hans Salomon und Joe Zawinul zählten zum Stammpublikum, Helmut Qualtinger fand hier Inspiration für seine Sketches und Figuren. Ab und zu schaute auch internationale Kunstprominenz vorbei, so etwa Jean Cocteau. Die dominante Musik war der Jazz, der im Wien der Nachkriegszeit von vielen noch immer als subversive „Negermusik“ und Propagandamusik der Amerikaner angesehen wurde. Der Strohkoffer war zwar nur ein temporäres Refugium bis 1953, doch seine künstlerischen Impulse wirkten fort und beeinflussten auch die Jüngeren.
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Gustav, 2008. Bild: Thomas Degen

Bilderbuch, 2017: Maurice Ernst, Michael Krammer, Peter Horazdovsky und Philipp Scheibl. Bild: Heribert Corn

Nach allgemeiner Anschauung sicher nicht in Ordnung waren die wirklich alternativen Brutstätten der Popmusik in Wien. Neben dem San Remo in der Neubaugasse, das später als Camera Club in die Undergroundgeschichte der Stadt einging (hier tratder geniale Karl Ratzer mit seiner Band Slaves auf), war dies vor allem das legendäre Voom Voom in der Laudongasse. DJ-Kanzel, Stroboskop, Discokugel und eine untadelige Musikanlage machten das Lokal zum Hot Spot für eine „bunte Mischung, die von Künstlern, Musikern, Studenten und informierten Working-Class-Typen reichte“, so Edek Bartz, der zu den Mitbegründern zählte und dort als DJ die heißesten Tracks aus den USA unters Volk brachte. Gespielt wurden die Stones, Frank Zappa, James Brown oder Jimi Hendrix. „In der Wüste der Ignoranz und des Unwissens entstand so eine Oase der Coolness“, so Bartz. Die fortschrittlichste Pop-Formation Wiens dieser Zeitwar zweifellos Novak’s Kapelle, deren Auftritte eher provokanten Performances denn herkömmlichen Konzerten glichen.

Mit Pionierarbeit und musikalischer Horizonterweiterung aufs Engste verbunden war auch das Funkhaus in der Argentinierstraße. Vor der Gründung von Ö3 im Jahr 1967 hatte es zwar immerhin die Sendung „Gut aufgelegt“ von Evamaria Kaiser gegeben, die als Promotorin junger Talente Beachtliches leistete. Doch erst die Gründung eines eigenen Jugendsenders sorgte für eine musikalische Durchlüftung in großem Stil. Dabei ging es nicht nur darum, die neueste internationale psychedelische Rockmusik zu vermitteln. Der ORF mutierte selbst zum Förderer, Initiator und Produzenten heimischer Pop-Acts. Marianne Mendts Hit „A Glock ́n, die 24 Stunden läut ́“ wurde von der späteren ORF-Big-Band aufgenommen; Radioredakteur Alfred Treiber regte die Worried Men Skiffle Group zum Vertonen von Texten des Dichters Konrad Bayer an, woraus der erste große Dialekthit „Glaubst i bin bled“ resultierte; in der Jugendsendung Musicbox lief die Gründungshymne des Austropop, „Da Hofa“ von Wolfgang Ambros, im Dauerloop. Der Pioniergeist dieser Jahre, der mit Namen wie Ernst Grissemann, André Heller und Wolfgang Kos verbunden ist, kehrte in den 90er-
Jahren neuerlich zurück, als sich die Musicbox mit dem damaligen Redakteur Werner Geier zum Hip-Hop-Reservat wandelte und schließlich der Sender FM4 gegründet wurde.
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Chuzpe: Love will tear us apart, Single, 1980. Bild: Privatsammlung Walter Gröbchen

Hansi Lang, Keine Angst, LP, 1982. Bild: Privatsammlung Walter Gröbchen

Im Folkclub Atlantis, der mehrmals seinen Ort wechseln musste, spielte Wolfgang Ambros erstmals seinen „Hofa“, und auch der „Watzmann“ feierte hier Premiere. Mit dem Song „Jonny reitet wieder“ wurden die Schmetterlinge zur wichtigsten politischen Band der Wiener Szene. Nicht weniger politisch, aber mit ganz anderen Methoden agierten die Hallucination Company mit Hansi Lang und dem jungen Falco sowie die Schockrocker Drahdiwaberl. Beide brachten in den späten 70er-Jahren das Hernalser Vergnügungszentrum mit theatralischen Freakshows zum Beben. Der Ort war geschichtsträchtig: 1868 unter dem Namen Etablissement Klein als Volkssängerbühne gegründet, übernahm der Jazzmusiker Hans Neroth 1959 die Location und funktionierte sie zur breitenwirksamen Entertainment-Bühne um. Man kam, um Heinz Conrads, Cissy Kraner oder Fritz Muliar zu sehen. Ab 1966 wurde eine neue Ära eingeläutet. Jeden Samstag Abend hieß es „sweet sweet sweet“, jeden Sonntag und Feiertag „beat beat beat“. 1000 Besucher pro Abend waren keine Seltenheit. Ende der 70er-Jahre wurde das Etablissement geschlossen, dann renoviert und von Kulturveranstalter Alf Krauliz unter dem Namen Metropol zur Kleinkunstbühne umgewandelt.

Im U4, 1980er-Jahre. Bild: Privatsammlung Conny De Beauclair

Mit Sicherheit der bis heute bekannteste und in punkto Undergroundkultur prägendste Ort Wiens ist das U4, das 1980 von Ossi Schellmann eröffnet wurde und der neuen Punk- und New Wave-Szene alle Freiheiten ließ. Falco war hier bekanntlich Stammgast, Blümchen Blau, Tom Pettings Herzattacken, Hansi Lang, Drahdiwaberl – sie alle gehörten zum Inventar.

Geadelt wurde das U4 auch durch internationale Stars wie Einstürzende Neubauten, Sonic Youth, später Nirvana. Sogar die Soul- und Jazzsängerin Sade und Pop-Superstar Prince traten hier auf. Wer zur Szene gehören wollte, musste dabei sein (und an Türsteher Conny de Beauclair vorbei). Der Flamingo-Club am Montag, Crossover-Veranstaltungen mit Kunst und Mode, die legendären U4-Feste: All das machte das U4 bis in die 90er-Jahre hinein zum „einzigen Nachtclub Österreichs mit internationaler Bedeutung“, so Ossi Schellmann.

Nach Ausflügen ins Flex und ins rhiz endet die Tour schließlich auf dem Karlsplatz. Seit 2010 feiert sich hier die heimische Musikszene mit dem jährlichen Popfest, dessen Idee sich aus einem Begleitprogramm zur Fußballeuropameisterschaft 2008 entwickelt hatte. Jährlich wechselnde Kuratoren sorgen dafür, dass die unterschiedlichsten Klangentwürfe und Musikrichtungen hier ihren Auftritt haben. „Was mir an den Musikerinnen und Musikern der Generation Popfest von Anfang an auffiel, war, wie wenig sie an spezifische Subkulturen gebunden waren“, so Robert Rotifer, einer der entscheidenden Impulsgeber. „Und wie bereit, miteinander in wechselnden Zusammenarbeiten Musik der unterschiedlichsten Stile zu produzieren.“

www.wienmuseum.at

12. 9. 2017