Volksoper: Maria Happel im Gespräch über „Gypsy“

September 8, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Als Mama Rose zieht sie alle Register

Maria Happel spielt in „Gypsy“ erstmals in einem klassischen Musical. Bild: © Johannes Ifkovits

Die Eröffnungspremiere der Volksoper gilt am 10. September dem Musical „Gypsy“. Die Hauptrolle bei dieser Erstaufführung am Haus hat Burgtheaterschauspielerin Maria Happel übernommen. „Gypsy“ wurde 1959 am Broadway uraufgeführt, die Musik von Jule Styne, die Liedtexte von Stephen Sondheim, das Buch von Arthur Laurents, und mit Lob überhäuft. Am vielsagendsten ist wohl die Bezeichnung „Mutter aller Musicals“, denn eine Power-Mutter steht im Zentrum der Handlung: Mama Rose, die ohne Rücksicht auf Verluste ihren Lebenstraum verfolgt, ihre Töchter im Rampenlicht zu sehen. Sie verliert dabei viel.

Die jüngere Tochter June entzieht sich ihr, Verehrer Herbie verlässt sie, und als sich das hässliche Entlein Louise zum Striptease-Star Gypsy mausert, steht die Mutter alleine da … Für „Gypsy“ kehrt Regisseur Werner Sobotka nach Sondheims „Die spinnen, die Römer!“ an die Volksoper zurück. Danny Costello und Stephan Prattes zeichnen erstmals für Choreographie beziehungsweise Bühnenbild verantwortlich.

Es spielen unter anderem Toni Slama (Herbie), Martina Dorak, Peter Lesiak, TAG-Schauspieler Jens Claßen – und Wolfgang Hübsch.  Und auch einige Debütantinnen verzeichnet die Besetzungsliste, darunter Tania Golden als Alternativbesetzung zu Maria Happel, Lisa Habermann als Louise und Marianne Curn als June. Am Pult des Volksopernorchesters steht Lorenz C. Aichner. Maria Happel im Gespräch:

MM: Sie spielen die Mutter in der „Mutter aller Musicals“. Wie ist die Spannung so knapp vor der Premiere?

Maria Happel: Extrem. Es ist eine andere Arbeit, als ich es vom Sprechtheater gewohnt bin, es kommen viel mehr Dinge zusammen. Ich bin sehr gespannt, wie sich das anlässt. Musical erfordert eine andere Präzision. Es ist nicht so, dass man extemporieren oder improvisieren kann. Denn da gibt es etwas, das nennt sich „Key“, das heißt: ein Wort muss in einem Satz an exakt einer Stelle kommen, weil hier das Orchester einsetzt. Man hat also ein sehr viel engeres Korsett …

MM: Man ist der Sklave des Systems.

Happel: Absolut. Da denkt man erstmal, das sei ganz furchtbar. Aber, wenn man die Regeln einhält, hat man innerhalb des Systems wieder eine größere Freiheit, denn es kann einem nichts mehr entgleiten.

MM: Wie laufen nun also die Proben?

Happel: Die Proben sind wahnsinnig anstrengend, das hätte ich vorher nicht gedacht. Man kennt ja die Lieder, und denkt sich: Ach, das wird leicht, so ein bisschen Musical. Und dann ist es aber so, dass man einfach unglaublich gefordert wird, weil man gleichermaßen das Gewicht aufs Singen wie aufs Spielen wie aufs Tanzen legen muss. Da steht man dann da, und sieht diese kleinen Mäuse, die schon morgens um 10 Uhr im Spagat sind, und unglaublich motiviert sind. Und plötzlich denkt man sich: Oh Gott, das kann ich ja alles gar nicht, und schon gar nicht alles zusammen.

MM: Müssen Sie aber, Sie sind für die beiden größten Hits dieses Musicals verantwortlich: „Everything’s coming up roses“ und „You’ll never get away from me“ …

Happel: Genau. Das zweite Lied ist ein Duett, das ich mit Toni Slama singe, der den Verehrer Herbie spielt. Wir haben im Sommertheater schon „Frühere Verhältnisse“ zusammen gemacht. Vor zwanzig Jahren haben wir in Kobersdorf gemeinsam „Der Widerspenstigen Zähmung“ gespielt. Er hat auch in Reichenau gespielt, wenn ich Regie geführt habe. Aber jetzt, dass wir so richtig gemeinsam auf der Bühne stehen, das haben wir uns lange gewünscht. Was lange währt, wird endlich gut. Er ist ein wahnsinnig toller Partner, auf den man sich 180 Prozent verlassen kann.

Toni Slama als Herbie, Maria Happel als Rose. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Maria Happel mit Lisa Habermann als Tochter Louise und Toni Slama. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

MM: Musik begleitet Ihr Leben und Ihre Karriere. Dabei hatten Sie nie Gesangsunterricht. Haben Sie sich für die Rolle nun coachen lassen?

Happel: Ich habe mit dem Korrepetitor gearbeitet, und zwar schon lange vor den Ferien. Aber zwischendurch habe ich mir gewünscht, ich hätte Gesang studiert. (Sie lacht.)

MM: Dafür können Sie Orgel spielen, das haben Sie wirklich gelernt.

Happel: Genau, und das ist auch etwas, woran mich das Musical im Großen und Ganzen erinnert, weil so viele Register gezogen werden. Ich bin wahrscheinlich ein Teilchen davon, also ein Register, in diesem Falle vielleicht vox humanae, die menschliche Stimme.

MM: „Gypsy“ ist Ihr erstes klassisches Musical, aber Sie hatten es zu Beginn Ihrer Karriere schon einmal versucht. Bitte um diese Anekdote.

Happel: Ich habe für „Cats“ vorgesungen, das muss 1984/85 gewesen sein, und ich war auf der Schauspielschule in Hamburg. Es sollte also „Cats“ aufgeführt werden, und ich habe mich angemeldet. Man bekam Nummern, ich glaube, meine war 97. Vor mir war 96, aber nur ganz kurz. Die kam nur bis „Ich bin die Christl …“ – „Danke, nächste.“ Ich glaube, ich habe den „Kleinen Gardeoffizier“ oder „Oh, mein Papa“ gesungen und mich dabei selbst am Klavier begleitet.

MM: Und wie kam das an?

Happel: Ich durfte immerhin zu Ende singen. Aber dann kam aus dem dunklen Zuschauerraum das „Danke“. Das war das Ende meiner Musicalkarriere. Wobei ich dann engagiert wurde nach Bremen für mein allererstes Stück, und das war ein Musical von Jérôme Savary: „Vom dicken Schwein, das dünn werden wollte“. Nun gibt es auch diese jahrzehntelange Auseinandersetzung mit Frau Piaf, der ich an dieser Stelle sehr für dieses Stücktraining danke. Also Musical kommt immer wieder, und immer wenn es Stücke mit Musik gibt, freut mich das sehr. Robert Meyer hat „Gypsy“ in London gesehen, und rief mich prompt an und sagte: Ich habe eine Rolle für dich.

MM: „Gypsy“ ist eine sogenannte true story.

Happel: Ja, diese „Mama Rose“ gab es tatsächlich. Ihre ältere Tochter, die den Künstlernamen Gypsy Rose Lee trug, hat ein Buch über Ihre Mutter geschrieben, das mich sehr an „Meine liebe Rabenmutter“ von Christina Crawford erinnerte. Man denkt sich über diese Frau: Oh Gott!, aber das Buch ist natürlich auch aus einer Perspektive geschrieben. Was mich interessiert hat, oder was ich versuche zu verstehen, ist die Zeit, in der das alles passierte, die 1920er-Jahre, und was es für eine junge Frau bedeutete, alleinerziehend zu sein. Sie wurde mehrfach sitzengelassen, und versuchte ihre Kinder durchzubringen. Für mich, in meiner Interpretation, ist das absolut eine Parallele zur „Mutter Courage“. Ob das nicht in uns allen steckt, dass wir das, was wir in uns haben, in unseren Kindern weitertransportieren wollen? Ob wir da immer das richtige tun, ist sehr fraglich.

Lisa Habermann und Maria Happel. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

MM: Wie ist diese Mama Rose? Sie will ihren Lebenstraum über ihre Töchter verwirklichen, oder wie würden Sie das sagen?

Happel: Ich glaube, sie ist einfach eine ungeheuer leidenschaftliche Frau, die mit all dieser Leidenschaft das Theater liebt. Aus ihrer Sicht gibt es keinen besseren, schöneren, wertvolleren Ort, und natürlich möchte sie ihre Kinder dahin bringen. Vielleicht flieht sie auch vor der Realität ins Theater. Am Theater und im Zirkus ist man ja immer bereit, Menschen aufzunehmen, die nicht woanders hinkönnen. Natürlich ist das Theater ihre Sehnsucht, und sie hat geträumt, dass ihre Kinder ihren Weg vollenden. Sie war sich sicher, dass das klappt. Sie hat es versprochen: Dass ihre Töchter Stars werden. Für sie aber war das Leben eine Hochschaubahn, und die Watschn, die sie bekommen hat, haben aus ihr das gemacht, was sie war.

MM: Watschn wegen Mangel an Engagements?

Happel: Sie stand noch für das Vaudeville, aber ringsum bröckelte schon alles, weil der Tonfilm kam. Das war für sie eigentlich nicht zu verkraften. Dazu kommt, sie ist ohne Mutter groß geworden, was ihrem eigenen Muttersein eine ganz andere Bedeutung gibt. Man kann sie nicht mit dem Wort „Eislaufmutter“ abfertigen, man muss schon fragen, warum sie so war. Sie hat alles versucht, damit die Kinder so lange wie möglich klein bleiben, damit sie ihr nicht abhandenkommen, damit sie nicht loslassen muss. Das sind die Fragen, die ich mir stelle: Wann aus einem liebenden Menschen ein fanatisches Monster wird, das geht schleichend.

MM: Und wie legen Sie’s an, so zwischen Mensch und Monster?

Happel: Genau so. (Sie lacht.) Die Figur kommt auch meiner Vorliebe für komödiantische Rollen entgegen, Motto: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Das ist das Tolle an der Figur, dass die Humor hat, und auch lebenslustig ist, und lebensbejahend und optimistisch bis zum Geht-nicht-mehr. Sie hat einen selbstkritischen Blick und kann auch über sich selber lachen. Das macht sie reizvoll zu spielen.

MM: Apropos, Kinder und Pläne und Pläne mit Kindern: Ihre ältere Tochter Paula drängt es auch zur Bühne?

Happel: Ja, schaun wir mal. Wenn sie drängt, soll es mir recht sein. Ich dränge sie nicht.

MM: Wollen wir noch übers Burgtheater reden? Die Wahnsinnsinszenierung der „Orestie“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24313) wird im September wiederaufgenommen.

Happel: Was heißt „im September“? Am 11.! Und am 10. habe ich hier Premiere. Man schont mich nicht. Ich war für diese Produktion gar nicht vorgesehen, ich bin eingesprungen, da hatten die Kolleginnen schon gearbeitet. Also ging es nicht ohne Fleißaufgaben: Wir haben uns außerhalb der Proben getroffen, um diese Textmassen chorisch zu bewältigen. Sieben einzelne Rennpferde dazu zu kriegen, dass nicht eines vorne weg galoppiert, sondern, dass alle im gleichen Rhythmus atmen, das ist wahnsinnig schwer. Aber das war unser Ehrgeiz, und das haben wir geschafft.

MM: Was kommt denn neu?

Happel: Ich weiß es noch nicht. Auf dem Spielplan sind nach wie vor „Der Talisman“, der „Sturm“, „Ein europäisches Abendmahl“ und „Hermann und Dorothea“. Außerdem wird „Spatz und Engel“ wiederaufgenommen.

www.volksoper.at

8. 9. 2017