Schauspielhaus Wien: Das Programm 2017/18

September 7, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Golem, Kürbisse und ein Ausflug in die Seestadt Aspern

Schauspielhaus-Chef Tomas Schweigen (M.) mit seinem Leitenden Dramaturgen Tobias Schuster und der kaufmännischen Leiterin Rita Kelemen. Bild: Schauspielhaus Wien

„Das ist kein Spielplan, der bequem oder etabliert wird.“ Mit diesen Worten eröffnete Schauspielhaus-Wien-Chef Tomas Schweigen die Präsentation seines Programms für die Saison 2017/18. Gemeinsam mit seinem Leitenden Dramaturgen Tobias Schuster und der kaufmännischen Leiterin Rita Kelemen stellte er die acht Uraufführungen und die Österreichische Erstaufführung der neuen Spielzeit vor. Motto, so Schuster, sind die Fragen des Futurismus.

Mit Gernot Grünewalds multimedialer Inszenierung Golem oder Der überflüssige Mensch wird die Spielzeit am 28. September eröffnet. Grünewald komponiert ausgehend vom Golem-Mythos eine bildgewaltige musikalische Zukunftsvision: eine Welt nach dem Menschen. Schuster: „Der Abend wird eine zeitgenössische Variante des archaischen Mythos vom künstlichen Menschen, der sich gegen seinen Schöpfer wendet.“

Das Schauspielhaus geht auch diese Saison wieder in die Stadt hinaus, und setzt in einer Kooperation mit Bernhard Studlar und den Wiener Wortstaetten die Beschäftigung mit kollektiven Schreibprozessen fort. Mit der Seestadt-Saga wird ab 19. Oktober ein neuartiges Experiment zum seriellen Erzählen im Theater starten. Unter der Leitung von Tomas Schweigen soll die erste begehbare Social-Media-Serie umgesetzt werden. „Begehbar bedeutet“, so Schweigen, „dass das Publikum die vorgestellten Figuren treffen kann, mit ihnen joggen kann, Party machen, Events besuchen … Man kann interaktiv teilhaben.“ Herzstück des gescripteten Formats sind allerdings die Social Media. Schweigen: „Man kann in den einschlägigen Kanälen in Echtzeit den jeweiligen Profilen der Figuren folgen.“ Eine tägliche Zusammenfassung gibt es auf der zentralen Webseite seestadt-saga.at

Dramatiker Thomas Köck kommt mit seinem dritten Stück, einem Auftragswerk, Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, klagt!) am 9. November ans Schauspielhaus.“Das große Thema ist Erben“, erläutert Schuster. „Es geht aber auch um Archäologie, Linguistik und Tyrannenmord.“ Sophia Löffler wird den Abend mit einem Chor aus 15 Jugendlichen bestreiten. Köck wird im Regieduett mit Elsa-Sophie Jach erstmals selbst inszenieren. Mit Gespräch über die Kürbisse präsentiert das Schauspielhaus im Nachbarhaus in der Regie von Marco Štorman eine ungewöhnliche Komödie, und bringt damit erstmals ein Stück von Jakob Nolte auf eine österreichische Theaterbühne. „Es ist“, so Schweigen“, eine Fake-News-Komödie, in der das Geplänkel zweier Freundinnen mehr und mehr entgleist.“ Premiere ist am 16. November; das Stück läuft über die ganze Spielzeit.

Wiederausnahmen: „Imperium“… Bild: © Matthias Heschl

… und „Blei“. Bild: © Matthias Heschl

Die Pläne für Silvester sind auch schon fix: Am 31. Dezember wird sich die gefeierte österreichisch-amerikanische Lyrikerin Ann Cotten im Rahmen von Jacob Suskes elektronischer Kammeroper Elektra – was ist das für 1 Morgen erstmals als Theaterautorin vorstellen.

Am 27. Jänner wird das „Arbeitsatelier“- Programm in Kooperation mit uniT Graz mit der Uraufführung Ein Körper für jetzt und heute von Mehdi Moradpour fortgesetzt. Das Stück des deutsch-iranischen Autors entsteht mit dem Schweizer Regisseur Zino Wey. Moradpour geht einem Phänomen im Iran nach, wo Homosexalität verboten ist, Transsexualität aber nicht. Daher gibt es überproportional viele Geschlechts- umwandlungen, weil Schwule darin die einzige Chance sehen, mit ihrem Partner leben zu können.

Mit Mitwisser von Enis Maci folgt am 24. März die jüngste Uraufführung eines Stückes, das mit dem Hans-Gratzer-Stipendium ausgezeichnet wurde. Drei Verbrechen stehen im Zentrum der poetischen Kartografie einer verrohenden Welt.

Dabei geht es der Autorin weniger um die Täter als um das zugrundeliegende Biosystem, den Humus der Gewalt: die Mitwisser. Schweigen: „Im Mittelpunkt der Handlung steht ein Elternmörder in Florida – und dessen Freunde, die ihn gegenüber der Gesellschaft verteidigen.“ Es inszeniert Pedro Martins Beja. In der letzten Premiere der Saison, War isn’t happening. Not true, untersuchen Tomas Schweigen & Ensemble anhand des rätselhaften Komplexes um das mythische Troja das Verhältnis von Kultur, Politik und Wahrheit im postfaktischen Zeitalter. „Wir befassen uns mit der Frage nach Trojas tatsächlicher Existenz und den Verschwörungstheorien rundum.“ Termin ist im Mai.

Erneut wiederaufgenommen wird die Erfolgsproduktion „Imperium“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17877) nach dem Roman von Christian Kracht, für die Regisseur Jan-Christoph Gockel für den Nestroy-Preis und die Short-List des Berliner Theatertreffens nominiert wurde. Ebenso wird „Blei“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24690) von Ivna Zic erneut zu sehen sein. Die Produktion „Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23816) von Miroslava Svolikova wird als Gastspiel im Rahmen der Theaterallianz am Theater Phönix gezeigt. Nach dem Erfolg von „Agora“ gibt es ein neues Diskussionsformat, Salon in Gesellschaft, erstmals am 10. Oktober. Ensemblemitglied Sebastian Schindegger gestaltet mit Sechzehnhundertdreiundachtzig – eine erfundene Belagerung eine mehrteilige Serie über die Türken vor Wien. Start ist im Frühjahr 2018.

Die kaufmännische Leiterin und Geschäftsführerin Rita Kelemen berichtete abschließend, dass die absolute Zahl verkaufter Tickets in der letzten Spielzeit um fünf Prozent gesteigert werden konnte und dass die Auslastung knapp unter 80 Prozent gelegen ist. Der Zuspruch insbesondere beim jungem Publikum unter 30 Jahren ist weiterhin zunehmend und liegt nun bei mehr als 50 Prozent. Das Budget beträgt 2,3 Millionen Euro, davon 400.000 Euro vom Bund; die Eigendeckung liegt bei 20 Prozent.

www.schauspielhaus.at

7. 9. 2017