Zwischen Ist und Soll: Gunkl im Gespräch

September 6, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Cocktailkirscherl am Sahnehäubchen

Bild: Robert Peres

Am 12. September hat im Stadtsaal Gunkls neues Programm Premiere. Titel: „Zwischen Ist und Soll – Menschsein halt“. Worum’s geht? Um eh alles. Anbei ein paar superg’scheite Antworten auf ein paar mittelprächtige Fragen:

MM: Ihr neues Programm heißt „Zwischen Ist und Soll – Menschsein halt“, das heißt wohl, es geht wieder um die Welt an sich und die Baustelle Mensch im Besonderen?

Gunkl: Ja, das ist eine korrekte Einschätzung, knapper und präziser kann man das nicht zusammenfassen. Ein Aspekt, der mir während des Schreibens als besonders betrachtenswert erschienen ist, ohne, dass ich das von vornherein vorgehabt habe, ist die Schwierigkeit, der menschlichen Kommunikation. Akademisch könnte man da statt „Schwierigkeit“ den Begriff „Problematik“ nehmen, das klingt neutraler, aber es ist bei genauerem Miterleben doch eher eine Schwierigkeit.

MM: Was „erfreut“ Sie so an unser aller Unzulänglichkeiten, dass Sie uns immer wieder quasi den Kabarettspiegel vorhalten?

Gunkl: Die Unzulänglichkeiten, die wir Menschen so zeigen, sind natürlich nicht erfreulich, aber sie sind faszinierend, jedenfalls sehr interessant. Schon einmal, weil sie zwar als solche empfunden werden, ohne, dass da punktgenau festgestellt ist, was da jetzt genau verfehlt wird. Das finde ich ja schon einmal wirklich interessant, dass es zu den Unzulänglichkeiten des Menschen gehört, ein „So nicht!“ gemeinsam zu empfinden, und sich dabei als Gruppe zu fühlen, und nicht zu bedenken, dass dieses Gruppengefühl mit der Frage „Wie denn dann?“ sehr schnell korrumpierbar ist. Andererseits ist es ja auch gut möglich, dass man ein gemeinsames Ziel anstrebt, also ein „So!“, und diese Gruppe zerfällt, sobald man die Frage „Und warum?“ stellt. Das sind alles sehr komplizierte Phänomene, die wirklich interessant sind. Also, das sind jetzt nur zwei Beispiele, warum die menschlichen Unzulänglichkeiten so ein ergiebiges Feld zum darin Herumdenken sind. Ich seh‘ meine Arbeit auch nicht darin, jemandem „einen Spiegel vorzuhalten“. Das wäre ein bisserl anmaßend; zu glauben, dass man als einer, der den Spiegel hält, auf der anderen Seite des Spiegels bessere Figur machen würde, als die, die grad reinschauen. Wenn man sieht, dass es andere Arten die Welt zu sehen gibt, und dass diese Weltsichten eine Begründung haben, dann ist schon viel gewonnen. Man muss das ja nicht teilen, was sich jemand anderer über die Welt denkt, aber man sollte wissen, dass die eigene Weltsicht nicht die einzig mögliche ist. Und wenn man auf der Bühne eine Weltsicht – so gut das in zwei Stunden geht – sauber präsentiert, ohne die Forderung, dass jetzt alle das auch so zu sehen haben, dann wird diese Weltsicht sich zwar von denen der Zuschauer unterscheiden, aber sie haben sich das einmal angehört, bemerkt, dass es Unterschiede gibt, und sind vielleicht bereiter, außerhalb des Theaters andere Weltsichten auch anzuhören.

MM: Wie steht’s eigentlich mit Ihrem persönlichen Wunsch und Werden, heißt: Sind Sie, wer und wie Sie sein möchten?

Gunkl: Ja, was und wer ich bin, ist sehr kongruent mit dem, was und wer und wie ich sein möchte. Das ist kein Verdienst, das weiß ich, da hab‘ ich einfach wirklich großes Glück.

MM: Ich habe gehört, es geht zumindest in Teilen des Programms um das AspergerSyndrom, und das Sie dem durchaus was abgewinnen können, weil es zu einer „sauberen Weltsicht“ führt. Wie kommt man denn auf so was?

Bild: Robert Peres

Bild: Robert Peres

Gunkl: Da ich das Aspergersyndrom habe, habe ich festgestellt, dass, wer in seinem Gemüt grundsätzlich emotionale Auslenkungsbegrenzer hat, weniger leicht bereit ist, das, was er denkt, dem unterzuordnen, was er da fühlt. Also, wenn das Gewusste mit dem Erhofften nicht zusammen passt, dann wird das Erhoffte verabschiedet, und das Gewusste bleibt, und nicht umgekehrt.

MM: Wird das Programm jetzt eine Ich-Erzählung?

Gunkl: Das wird keine Erzählung, das wird wieder eine Betrachtung. Ich habe an mir etwas Seltsames festgestellt; das Programm „Verluste – eine Geschichte“, das war eine Erzählung. Klar, wenn es im Untertitel „Geschichte“ heißt, dann werden da keine Wasserstandsprotokolle vorgelesen. Und da war ich stückgerecht im Erzählmodus. Die Art des Vortrags ändert sich ja mit dem Inhalt. Und in dem Programm gab es eine Sequenz, in der ich aus der Erzählung kurz ausgestiegen bin, um etwas zu erklären. Und da war ich für die zwei, drei Minuten im Erklärmodus.

Da ist man nicht mitten in dem, was man da erzählt, sondern man steht mit dem Zuhörer gemeinsam vor dem, was da jetzt erklärt werden soll. Das ist dann eben eine andere Art des Vortrags. Und ich habe da eben festgestellt, dass mir der Erklärmodus schon sehr liegt, also da bin ich einfach mehr zu Hause. Aber um die Frage wenigstens halbwegs zu beantworten: Indem ich über meine Weltsicht rede, wissend und einräumend, dass es eben nur meine ist, also, ja insofern ist es eine Ich-Erzählung.

MM: Welche Forschungen haben Sie sonst noch für Ihr Programm betrieben? In diesen aufgepeitschten Zeiten (und ich meine das durchaus im Sinne: Caligula und das Meer) etwas zum Thema Hysterie, Angst, Paranoia?

Gunkl: „Forschung“ ist da ein viel zu großes Wort. Ich habe großen Respekt vor wirklichen Forschern. Ich habe Beobachtungen angestellt und – das wäre jetzt das, was wissenschaftlich ist – versucht, hinter den Beobachtungen eine gemeinsame Grammatik, einen Wirkmechanismus zu finden. Dass die Zeiten jetzt so aufgepeitscht sind, das liegt nicht nur an den Zeiten, da bricht gerade eine Welle, die schon lange unterwegs war. Als der Obama Präsident geworden ist, haben die Republikaner alle Vernunft überfahren lassen, und es war tatsächlich möglich, dass republikanische Abgeordnete offen gesagt haben, dass sie lieber die USA scheitern lassen, als dem Obama einen Erfolg zu vergönnen. Wenn der Diskurs so beschädigt ist, wenn Übereinkünfte, was den Dialog angeht, nicht mehr gelten, wenn kein Argument wiegt, sobald es von Emotionen überwogen wird, dann darf man sich nicht wundern, wenn der Trump rauskommt. Aber es muss auch klar sein, dass eine Welle, um sich auszubreiten, Wasser braucht, und das Wasser, das diese Welle getragen hat, ist die menschliche Natur.

MM: In Ihrem Programmen kann man immer wieder spannende Sachen erfahren und hoffentlich behalten. Haben Sie einen Lehrauftrag?

Gunkl: Also, Lehrauftrag hab ich natürlich keinen, das ist ja klar. Aber ich will in der Zeit, in der mir die Menschen zuhören, erstens einen vergnüglichen Abend gestalten, und – das hab‘ ich ja schon vorhin gesagt – ich will darstellen, dass es andere Sichten auf die Welt gibt als die, die man gerade selbst inne hat, und dass man durchaus bereit ist, sich eine andere Weltsicht anzuhören, auch wenn man sie nicht teilt. Und – das wär jetzt so das Cocktailkirscherl am Sahnehäubchen – dass man daraufhin die eigene Weltsicht, wenn man sie jemandem mitteilt, so sortiert, dass sie jemand verstehen kann, auch wenn er sie nicht teilt.

www.gunkl.at

www.stadtsaal.com

6. 9. 2017