Die Liebhaberin

September 3, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Selbstfindung im Nudistencamp

Im Nudistencamp geht’s entspannt zu. Bild: Filmgarten

Mit seinem zweiten Spielfilm gewann Lukas Valenta Rinner, Salzburger Filmemacher mit Wahlheimat Argentinien, nicht nur den diesjährigen Diagonale-Spielfilmpreis, sondern nahm auch erfolgreich an Festivals in Rotterdam, Saarbrücken und Toronto teil. Seit Freitag nun ist „Die Liebhaberin“ in den heimischen Kinos zu sehen. Rinner erzählt von der Haushaltshilfe Belén.

Die würfelt ein Job in eine hermetisch abgeschlossene Reiche-Leute-Welt, eine „Gated Community“ am Rande von Buenos Aires mit Wachposten am Tor. Darstellerin Iride Mockert gestaltet diese Belén als abgehärmte, verschlossene Frau, sie so wortkarg wie der ganze Film. Denn Rinner entführt in eine dystopisch surrealistische Ferne (der Eindruck, wird sich am Ende zeigen, trügt nicht): Schöne, heile Welt mit Prachtvillen und leeren Straßen. Menschen – nirgendwo. Belén erledigt ihren Job mit stoischer Ruhe. Die dummen Streiche der Reichen interessieren sie nicht. Weder das Treiben ihrer exaltiert-hysterischen Arbeitgeberin, noch das deren Sohnes, ein Sportass, dessen unterschwellige Aggressivität sich noch gegen die Mutter richten wird.

Rinner hält sich nicht lange mit einem Prolog auf. Nach 15 Minuten schon ist der Film dort, wo er hingehört. Belén sieht den ersten Nackedei, und entdeckt beim Spicken durch den Elektrozaun, der die Anlage abschirmt, ein Nudistencamp. Da drüben, in einem Garten Eden Argentiniens, tut sich für sie Ungeheuerliches auf, das sie erst auf-, dann erregt. In einer wunderbaren Szene tritt Iride Mockert ein ins Paradies, legt die Kleidung- und steht da, eine Mischung aus Botero-Figur und Botticellis Venus, mit letzterer Körperhaltung jedenfalls.

Putzfrau Belén (Iride Mockert) bei der Arbeit … Bild: Filmgarten

… und mit ihrer neu erworbenen Freiheit. Bild: Filmgarten

Sie wird mit offenen Armen empfangen, erfährt Gemeinschaft, Liebe (die sowieso) und allerlei Esoterisches. Die Nackten gebärden sich wie eine Art Sekte. Beléns Weg zur Selbstfindung und in die Emanzipation beginnt. Sie wird selbstbewusster, aufbegehrender, weil sie sich plötzlich begehrenswert fühlt. Rinner erzählt in seiner unaufgeregten Art, die größten Momente zeigt er in größtmöglicher Stille. Dazu gelingen ihm süffisant-amüsante Bilder. Ein Brunnen wird gekrönt von einer Rieseneichel = Nussfrucht. Ein Nackter mit Schubkarre macht sich ans Garteln. Und schließlich folgt ein hinreißend schüchterner Doch-Nicht-Sexversuch mit dem Securitymann, nach dem Besuch eines ebenfalls menschenleeren Rummelplatzes.

Rinner zeigt keine „schönen“, jungen Körper. Er macht sich behutsam an die Arbeit, waren doch viele seiner Darsteller Laien. Und je mehr der Film fortschreitet, stellt sich fest, dass die Freigeister, die Belén von ihren Zwängen und Nöten befreien, sich nicht weniger Regeln und Vorschriften auferlegt haben, als die High Society auf der anderen Seite. Zwei Stämme stehen hier gegeneinander, die Nackten und die Untoten, und als der Freikörperkultur-Gärtner vom Elektrozaun schwer verletzt wird, steuert der Film auf die Eskalation zu. Rinner treibt nun das Absurde auf die Spitze.

Auf dem Erotikplatz werden die Regeln gemacht. Bild: Filmgarten

Nämlich folgt der Sturm auf den Feind. Es kommt zu einem Science-Fiction-fähigen Shoutout, erstaunlich, wer alles zur Waffe greift, unfassbar wer aller erschossen wird. Spätestens jetzt liegen Gated Community und Nudistencamp irgendwo zwischen Aldous Huxley und Ray Bradbury. „Die Liebhaberin“ ist junges, erfrischendes, nicht unanstrengendes Kino aus Österreich. Der sprichwörtliche Blick über den Zaun wird zur humoresken Todesfalle, und dabei mit heiterem Ernst über den Menschen und seine Begierden erzählt.

www.dieLiebhaberin.com

Trailer: www.youtube.com/watch?v=OUNDqnAwWq0&feature=youtu.be

  1. 9. 2017