J. D. Vance: Hillbilly-Elegie

September 2, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Willkommen in der Welt der Trump-Wähler

In den USA und dem deutschen Feuilleton gilt J. D. Vance „Hillbilly Elegie“ als Donald-Trump-Erklärbuch. Die Süddeutsche nannte es gar das wichtigste politische Buch des Jahres. Da mag was dran sein, denkt man an die zornigen weißen Unterschichtler, die während des Trump-Wahlkampfes mit den „Make America Great Again“- und den „America First“-Taferln wachelten. Wobei völlig unverständlich blieb, warum diese Wohlstandsverlierer glauben, ein Rüpel, der ständig mit seinem Reichtum prahlt, würde ihre Arme-Leute-Interessen vertreten.

Nun also Vances Ich-Erzählung, der Ullstein Verlag nennt den Band „Erklärendes Sachbuch“. Der Autor lässt eintauchen in die Welt seiner Kindheit und Jugend, der er dank Eigenintiative, heißt: Jusstudium in Yale, entkommen konnte. Es ist die Welt der Hillbillys, der Hinterwäldler, des white trash, also der in den kargen Mittelgebirgsregionen der Appalachen lebenden Nachfahren der im 18./19. Jahrhundert eingewanderten Ulster-Schotten. Sie hatten sich weiland im sogenannten Rust Belt angesiedelt, weil es hier Arbeit gab. Doch mit der Wirtschaftskrise der 1970er-Jahre nahm die Bedeutung der ältesten und größten Industrieregion der USA rapide ab.

Heute wird die Gegend beherrscht von Arbeitslosigkeit und Alkoholismus, von Drogen und Gewaltbereitschaft. Davon berichtet Vance. Und er tut es auf seine eigene, fast möchte man sagen liebevolle Art. Er lässt die Menschen Menschen sein, die von den snobistischen Ostküstenmedien in der Regel als Dorftrottel karikiert und diffamiert werden. Er bewegt sich zwischen Familienschilderungen, Vance wuchs bei seinen Großeltern auf, denen das Buch auch gewidmet ist, und der glasklaren Analyse einer brutalen Realität.

Bild: pixabay.com

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Und plötzlich versteht man, warum diese vergessenen, in Armut und Hoffnungslosigkeit lebenden Ex-Arbeiter Trump als ihren politischen Helden feiern. Personen, wie die von Vance porträtierten, müssen elitäre Großkopferte wie Barack Obama und Hillary Clinton zu ihrem Feindbild machen. Schon, um den Dampf aus der eigenen be**scheidenen Situation abzulassen. Derart Politiker sprechen eine für die Südstaatenwelt fremde Sprache, sie verkörpern „abgehobene“ Werte, die sich im Rust Belt nicht erklären lassen.

Einen Selfmade-Millionär wie Trump können sie hingegen leichter als einen der Ihren annehmen, ergo wählen. In Europa, wo ein ähnlicher Typus die politischen Bühnen stürmt, ist die Lage gar nicht anders.

Was Vance zeigt, ist eine in sich abgeschlossene Gesellschaft, die traditionell konservative Werte hochhält. Patchworkfamilien, die ihre Ehre mit Messern und Schusswaffen verteidigen, Männer, die stets am Rande des Gefängnisses (oder darin) leben, sogar Frauen, die streitbar für ihr Recht eintreten. Vance hechelt wie gesagt seine Familie durch.

Die drogensüchtige Mutter, die Unzahl ungeliebter Stiefväter, die Onkel, von denen einer verrückter als der andere scheint – am schlimmsten der, der ihn mit einer Stichwaffe bedroht, worauf er auf den Schoß der Großmutter flüchtet. Er zeichnet Bilder von arbeitsunwilligen Freunden und alleinerziehenden Müttern, beide von der Sorte, der man vorwirft den Sozialstaat (soweit in den USA überhaupt vorhanden) zu plündern. Würde man nicht wissen, dass sich hier ein quasi Tatsachenbericht liest, man würde aufstehen und schreien: Übertreibung!

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Geschildert wird auch der merkwürdige Protestantismus, der in diesem Landstrich gang und gäbe ist, der Kirchgang nicht aus Überzeugung, sondern weil üblich, und ein gefühlsduseliger Patriotismus, zu dem sich auch Vance in schönster Unbefangenheit bekennt. Zwei Drittel der Amerikaner besitzen keinen Pass, haben noch nie das Land verlassen, noch nie über den Tellerrand geblickt, klar, dass diesen Leuten wurscht ist, was anderswo passiert. Dass der Ausstieg aus dem Paris-Abkommen in der derlei Köpfen keine Rolle spielt, versteht sich. Klima kann man nicht schmecken und nicht riechen.

Vance erzählt das alles mit im Grunde Sympathie und einem Schuss Ironie. Er verrät die Menschen seiner Herkunft nicht, spürt aber dennoch der Frage nach, warum gerade die Ulster-Schotten sozial so unbeweglich sind, so pessimistisch und vormodern. Seine Antworten sind immer dann stark, wenn sie aus seiner eigenen, unmittelbaren Betroffenheit und Selbsterlebtem gespeist sind. Und wie es sich für politisch engagierte Bücher gehört, lässt er Fragen offen, versteigt sich nicht dahin, die ultimative Antwort auf alle anstehenden Probleme zu haben. Gerade auch das macht das Buch ehrlich, ergo lesenswert. Vance selbst trat nach einer vertrödelten Schulzeit und Gelegenheitsjobs den freiwilligen Einsatz beim United States Marine Corps im Irak an. Was ihm später den Weg auf die Eliteuni ebnete. Eine typische geglückte Unterschichtskarriere in den USA …

Über den Autor:
James David Vance, geboren 1984, stammt aus der Industriestadt Middletown im US-Bundesstaat Ohio. Während seiner Jugend erlebte er den wirtschaftlichen Niedergang und den Abstieg der Menschen dort mit, während er in zerrütteten Familienverhältnissen aufwuchs. Später studierte er an der Yale-Universität Jus, arbeitet heute in einer Investmentfirma. Sein Buch „Hillbilly Elegie“ wurde ein überwältigender Erfolg. Vance lebt in Columbus, Ohio.

Ullstein Buchverlage, J. D. Vance: „Hillbilly Elegie“, Erzählendes Sachbuch, 304 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Gregor Hens

www.ullstein-buchverlage.de

  1. 9. 2017