Karan Mahajan: In Gesellschaft kleiner Bomben

September 1, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Was der Terror mit den Menschen macht

Die „Gesellschaft kleiner Bomben“, man wird es fast am Ende des Romans erfahren, ist eine Selbsthilfegruppe, die das Ehepaar Khurana ins Leben gerufen hat. Wie Raubtiere schleichen sie durch Krankenhäuser und über die Katastrophenschauplätze, um Opfer von Terroranschlägen für ihr Anliegen zu rekrutieren. Dies in erster Linie, den eigenen Schmerz zu betäuben. Kleine Bomben, das sind die, die auf Marktplätzen in Bagdad oder Kabul explodieren – und so wenige Tote fordern, das die Welt davon kaum berührt ist. Die, die die Khuranas betrifft, ging in Neu-Dehli auf dem Markt in Lajpat Nagar hoch. Ihre beiden Söhne haben den Anschlag nicht überlebt, und das Familiengewebe ist tief vernarbt.

Im kleinen, feinen Hamburger Verlag CulturBooks ist ein Roman erschienen, der in den USA schon zahlreiche Preise erhalten hat und für die New York Times zu den zehn besten Büchern des Jahres gehört: „In Gesellschaft kleiner Bomben“. Das Buch wurde vom gebürtigen Inder Karan Mahajan geschrieben. Seit seinem siebzehnten Lebensjahr lebt der nun 33-jährige Autor in den USA, aber er ist in Neu-Delhi aufgewachsen. Man merkt: Hier weiß einer, wovon er schreibt.

Mahajans Roman ist außergewöhnlich komponiert: Er beginnt buchstäblich mit dem großen Knall – und zeichnet dann die vielen Druckwellen nach, die die Bombenexplosion bei allen Beteiligten ausgelöst hat. Er schildert die Auswirkungen eines Terrorakts auf die Betroffenen – Opfer wie Angehörige wie Täter. Er geht der Frage nach, wie Menschen zu Terroristen werden. Und – wie seltsam – er wertet nicht. Er folgt keinem der wohlbekannten Narrative. Allein das macht sein Buch zu einem der relevantesten literarischen Beiträge über eines der wichtigsten Themen unserer Zeit. Die Story: Drei Freunde, die Brüder Tushar und Nakul Khurana und Mansoor Ahmed, sind auf dem Markt unterwegs, als eine Autobombe explodiert. Tushar und Nakul, 11 und 13 Jahre alt, sind sofort tot. Der zwölfjährige Mansoor flüchtet vom Schauplatz des Geschehens, er hat Splitter in den Unterarmen, und selbst als die längst entfernt und er ein erwachsener Mann ist, werden die Schmerzen wie Phantome bleiben.

Die Familie Khurana ist hinduistisch, die Familie Ahmed muslimisch. Nun brechen unter den befreundeten Elternpaaren Gräben auf. Mahajan hat keinen Religionsroman geschrieben, doch zeigt er auf, die dünn der Firnis der gegenseitigen Toleranz ist, wenn Schlimmes passiert. „,Sie können einfach nicht in Frieden leben, diese Muslime. Egal, wo sie auftauchen, befinden sie sich im Krieg‘, sagte eine Tante. ,Eine gewalttätige Religion von gewalttätigen Menschen.‘ Hinterher waren sie über sich erschrocken, sie waren keine Liberalen mehr.“

Mansoor, orientierungslos geworden, schließt sich einer NGO an, die ausgerechnet für bessere Haftbedingungen für mutmaßliche Terroristen eintritt. Es ist nicht schön zu lesen, wie die Khuranas befriedigt einer Folterung zusehen … Mitglieder der Gruppe sind Ayub, ein Kaschmiri aus dem hintersten Hinterland, wo es weder Ausbildung noch Arbeitsplätze gibt. Er glaubt durchaus, dass es Gewalt braucht, um für sich Gerechtigkeit, heißt: Gleichberechtigung zu erhalten. Ayub wird, durch Liebeskummer und Depression geschwächt, unter den Einfluss der Bombenleger geraten, die ihm eine zynische Sicht auf die Welt beibringen: „Und weißt du, was passiert, wenn eine Bombe hochgeht? Dann zeigt sich die Wahrheit über die Menschen. Männer lassen ihre Kinder im Stich und laufen weg. Ladenbesitzer stoßen ihre Frauen zur Seite und versuchen, ihr Geld zu retten. Leute kommen und plündern die Läden. Eine Explosion enthüllt die Wahrheit über Orte. Vergiss nicht, dass das, was du tust, nobel ist.“

Bild: pixabay.com

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Und Shockie. Was Mansoor nicht wissen kann: Er war der Bombenbastler in Lajpat Nagar. Was ihn zwei, drei Fingerkuppen gekostet hat. Die Terrorzelle ist arm, oder gibt vor, es zu sein, ihr Fußvolk arbeitet mit minderwertigem Material. Jahre später wird er seinen Anschlag mit dem Angriff auf das World Trade Center vergleichen und sich für dessen geringe Schlagkraft schämen …

Mahajan folgt nun dem Schicksal dieser drei Männer, die auf so unheilige Weise miteinander verbunden sind. Er schildert eindrücklich die entsetzliche Verwirrung eines Kindes, und wie sich diese beim Erwachsenen nicht gelegt haben wird. Und er schildert eben aus einer zweiten Erzählperspektive die Situation der Terroristen. „Shockie fand, dass die Leitung der Gruppe korrupt war und die Wahrheit nicht sehen wollte; dass sie die Neigung hatte, Zahlen aufzublasen, um mehr finanzielle Unterstützung zu bekommen; dass sie Geld abschöpfte, um für sich selbst große Häuser zu bauen und ihre Kinder ins Ausland zu schicken.“

Mahajan besticht mit seiner relaxt fließenden Prosa, mit der er starke Bilder zeichnet und eine scharfsinnige Analyse liefert.

Der Roman ist voller politisch höchst unkorrekter Aussagen, die mit stiller Lakonie wieder konterkariert werden. Er nähert sich differenziert, spannend und mit subtilem Sarkasmus seinem Thema – köstlich eine Szene, in der es um einen islamischen Risikokapitalfonds geht, aus dem sich die Terroristen finanzieren wollen. Vom Close-up bis zur Luftaufnahme, von der empathischen Innensicht bis zur spöttischen Distanzbetrachtung beherrscht er eine große Bandbreite an literarischen Perspektiven.

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Er hat ein Talent für hinreißende Formulierungen. Und er entwirft wie nebenbei ein Sittenbild Indiens mit seinen Kasten und Klassen, den Religionen, seiner Armut und der Jagd nach dem Geld. „Die Kaschmiri waren immer schon dreckig. Ein ganzer Winter geht vorüber, und sie baden nicht. Deshalb stinkt es so sehr in Srinagar“, wird besagte Tante auch noch sagen.

Am Ende wird ein anderer Attentäter die nächste kleine Bombe legen. Bestechend wie Mahajan formuliert: „Eine Bombe war ein Kind. Ein Wutanfall, der sich gegen alles richtete. Das Wehklagen eines Wesens, das seinen Kopf nicht durchsetzen konnte. Die Wahl von Selbstmord über Niederlage.“ Der Bombenleger wird selbst verletzt und von den Khuranas – wieder einmal auf Opfersuche, und für ein solches halten sie ihn – im Spital besucht … Das Wall Street Journal schrieb über „In Gesellschaft kleiner Bomben“, es sei das Beste, das es zu lesen gibt, „wenn es darum geht, die Verlockungen und die Kraft der alles vernichtenden mörderisch-verdrehten Logik einzufangen, die immer stärker von unserem Planeten Besitz ergreift.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Über den Autor:
Karan Mahajan wurde 1984 geboren, wuchs in Neu-Delhi auf und lebt in Austin, Texas. Er steht auf Grantas Liste der „Best Young American Novelists“ 2017. Sein erster Roman, „Family Planning“ („Das Universum der Familie Ahuja“), war für den Dylan Thomas Prize nominiert und erschien in neun Ländern. Er schrieb Beiträge für zahlreiche internationale Publikationen wie The New York Times, The Believer, The New Yorker und The Wall Street Journal. Mahajan studierte an der Stanford University und dem Michener Center for Writers. „In Gesellschaft kleiner Bomben“ stand unter anderem auf der Shortlist für den National Book Award 2016 und erhielt den Bard Fiction Prize 2017, den Young Lions Fiction Award 2017, den Rosenthal Family Foundation Award der American Academy for Arts and Letters 2017, den Muse India Young Writer Award 2016 und den Anisfield-Wolf Book Award for Fiction 2017.

Verlag CulturBooks, Karan Mahajan: „In Gesellschaft kleiner Bomben“, Roman, 376 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Zoë Beck

www.culturbooks.de

  1. 9. 2017